Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften Wie sieht der perfekte Vertrag aus?

"Sehr glücklich und dankbar": Bengt Holmström erhält gemeinsam mit seinem Forscherkollegen Oliver Hart den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

"Sehr glücklich und dankbar": Bengt Holmström erhält gemeinsam mit seinem Forscherkollegen Oliver Hart den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.© picture alliance / dpa

Für viele sind sie lästige Formalien, doch im Alltag geht fast nichts ohne sie: Verträge regeln unser Leben - und geben Verhaltensanreize. Für die Theorie optimaler Verträge haben zwei Forscher den Wirtschaftsnobelpreis bekommen.

Sollen Lehrer mit einem Festgehalt oder besser mit Boni bezahlt werden? Ist ein voller Versicherungsschutz beim Autofahren empfehlenswert? Wie sieht die beste Vergütung mit Boni für Manager aus? Und ist sinnvoll, Staatsunternehmen in die Hand privater Investoren zu geben?

Für die Erforschung solcher Fragen haben die Ökonomen Oliver Hart und Bengt Holmström den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Ihr Gebiet, die Vertragstheorie, klingt zunächst abstrakt – hat aber Einfluss auf zahllose Lebensbereiche, wie das Nobelkomitee in Stockholm befand. „Die Beiträge von Oliver Hart und Bengt Holmström sind von unschätzbarem Wert beim Verständnis von Verträgen und Institutionen im wirklichen Leben sowie bei potenziellen Tücken neuer Verträge“, lobte die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie.

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Wie lassen sich die Anreize in Verträgen optimieren?

Tatsächlich ist ein Alltag ohne Verträge kaum vorstellbar. Ob Versicherungen, Kredite oder im Beruf – der oft als lästig empfundene „Papierkram“ stellt Vertrauen zwischen Parteien her, das für Geldtransfers oder sensible Bereiche wie den Job unverzichtbar ist. Denn wer würde sich ohne Vertrag gerne darauf verlassen, dass die Versicherung im Schadensfall zahlt oder der Arbeitgeber die eigene Leistung angemessen belohnt? Dann lieber schriftlich.

Hart und Holmström, die an den Elite-Universitäten Harvard und Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehren, beschäftigten sich schon Ende der 1970er mit der Frage, wie sich die Anreize in Verträgen optimieren lassen. Holmström, ein Finne, plädierte etwa dafür, Boni für Manager nicht nur an den Aktienkurs der eigenen Firma zu knüpfen. Der sei nicht nur vom Manager abhängig, sondern oft von äußeren Umständen. Besser sei es, Boni an die Aktienentwicklung der Firma im Verhältnis zu der von Wettbewerbern zu knüpfen. Je schwerer die Arbeit von Managern messbar sei, desto weniger Boni solle man zahlen. Holmströms Rat: In Branchen mit hohem Risiko sollten Gehälter eher fix sein, in stabilen Sektoren eher leistungsbasiert.

Wertvolle Erkenntnisse für die Debatte um Boni

Die Erkenntnisse sind noch heute brisant in der Debatte um Boni für Banker und Vorstandschefs – dabei sind sie schon jahrzehntealt. „Holmström war der erste, der sich so tief mit Vergütungsanreizen auseinandergesetzt hat“, sagt Roland Strausz, Professor für Wirtschaftstheorie an der Humboldt-Universität Berlin. „Zusammen mit Hart hat er die Vertragstheorie geprägt.“

Die Frage nach Boni in Verträgen übertrug Holmström auf Lehrer. Pädagogen würden sich bei Prämien für gute Ergebnisse ihrer Schüler auf Fächer konzentrieren, die sich leicht messen ließen – etwa Mathematik. Es bestünde die Gefahr, dass sie schwer überprüfbare Bereiche wie Kreativität und eigenständiges Denken vernachlässigten. Ein Fixgehalt sorge für Ausgewogenheit im Unterricht.

Die Arbeit von Holmström und Hart habe auch Versicherungsverträge beeinflusst, sagt Strausz. So warnten die Forscher, ein voller Versicherungsschutz beim Autofahren gebe Fehlanreize zum sorglosen Verhalten. Heute sind etwa Teilkaskoversicherungen Standard.

Theorie und Wirklichkeit verbinden

Hart, ein in London geborener US-Staatsbürger, beschäftigte sich ferner mit Privatisierungen – ein Gebiet, das mit den Geldnöten von Staaten und Kommunen an Aktualität gewonnen hat. So werden nicht nur in Griechenland Staatsfirmen privatisiert, auch hierzulande betreiben Konzerne Krankenhäuser und Investoren finanzieren Autobahnen mit.

Hart stellte 1997 fest: Stünden Investoren vor der Entscheidung, die Qualität zu verbessern oder die Kosten zu senken, überwiege oft der Anreiz für Kostenkürzungen. Hart konzertierte sich in seiner Forschung auf private Gefängnissen in den USA – die heute teils nicht mehr an Investoren vergeben werden. Das US-Justizministerium hatte konstatiert, dass die Haftbedingungen in öffentlichen Anstalten besser seien. „Die Forschung schafft es wie kaum eine andere, Theorie und Wirklichkeit zu verbinden“, sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Nobelpreis für Hart und Holmström sei eine hervorragende Wahl.

Zumal es zwei gute Bekannte trifft: Er sei sehr glücklich, den Preis zusammen mit Hart zu gewinnen, erzählt Holmström – denn der Harvard-Forscher sei sein „engster Freund hier“.

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