Unternehmen Per Crowdfunding zum verpackungsfreien Supermarkt

Unverpackt-Supermarkt in Berlin: Gründerin Sartin setzt nicht nur auf alternativen Konsum, sondern auch auf alternative Finanzierung

Unverpackt-Supermarkt in Berlin: Gründerin Sartin setzt nicht nur auf alternativen Konsum, sondern auch auf alternative Finanzierung© picture alliance / dpa

Weil die umweltfreundlichste Verpackung diejenige ist, die man gar nicht erst kauft, soll nun auch in München ein verpackungsfreier Supermarkt eröffnen. Finanzieren soll das per Crowdfunding die immer spendablere Internetgemeinde.

Unternehmensgründer brauchen nicht nur eine gute Geschäftsidee, sie brauchen vor allem Geld. Führte der Weg einst in erster Linie zu Banken, haben Gründer dank des Internets inzwischen neue Quellen. Eine besonders spannende ist Crowdfunding, also die Finanzierung durch eine, zu deutsch, Menschenmenge. Via Internet kann jeder Geld für eine Geschäftsidee geben.

Auch Hannah Sartin sammelt für ihre Idee Kapital im Netz: Zum Jahresende will sie Bayerns ersten verpackungsfreien Supermarkt in München eröffnen. Anstatt eingeschweißter Gurken und mehrfach versiegelter Schokolade gibt es dort alles lose – in mitgebrachte oder geliehene Mehrwegbehälter. Nur Empfindliches wie Milchprodukte soll es in bereits abgepackten Gläsern geben.

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Unverpackt einkaufen – interessant für kleinere Einkäufe

Das Projekt „OHNE“ hat Hannah Sartin gemeinsam mit ihrem Mann Carlo Krauß im März gestartet. OHNE“, das soll für ein Leben ohne Müll, ohne Verschwendung und ohne Pestizide stehen. Als bevorzugten Standort nannte Sartin die zentralen Stadtteile Maxvorstadt oder das Glockenbachviertel. Dort hofft sie insbesondere auf Alleinlebende, für die sich gerade kleine Einkäufe lohnen.

Mit der Idee ist Sartin nicht allein. Ähnliche Projekte eröffneten vergangenes Jahr in Kiel, Bonn und Berlin. Am 1. April kam Dresden dazu. „Das ist der Zeitgeist“, sagte Marie Delaperrière, Inhaberin des Kieler Ladens „Unverpackt“. Doch nicht nur die Idee zum alternativen Konsum ist dem Zeitgeist geschuldet. Wie in Berlin und Dresden setzt Sartin auf eine alternative Finanzierung. Bis Ende Juni will sie durch Spenden von Internetnutzern 55.000 Euro sammeln, um davon die ersten Mieten und Regale zu bezahlen und diese mit Müsli, Mehl und Öl zu füllen. Ein Zehntel der Summe hat sie bereits.

Kleine Geschenke statt Rendite

Dabei ist die Idee der Gruppen-Finanzierung laut Karsten Wenzlaff, Vorstand im Deutschen Crowdsourcing Verband (DCV) e.V., nicht neu. Schon im Mittelalter gab es unterschiedliche Formen der Schwarmfinanzierung. „Das Internet hat das Bezahlmodell aber transparenter und schneller gemacht“, sagte Wenzlaff. Wie eine Studie der University of Cambridge herausfand, wurden in den vergangenen drei Jahren in Deutschland rund 236 Million Euro gesammelt, davon mehr als die Hälfte allein in 2014. Die Universität St. Gallen sagt bis 2020 einen weiteren Anstieg auf rund 359 Millionen Euro jährlich voraus.

Statt auf einen einzelnen Kapitalgeber zu setzen, werden unternehmerische Risiken auf eine große Menge von Investoren gestreut. Bereits mit einigen Euro Beteiligung fühlen sich diese einem großen Ganzen zugehörig. Anstelle von Renditen gibt es oft kleine Geschenke. Bei „OHNE“ sind das unter anderem Stoffbeutel, Einkaufsgutscheine oder Einladungskarten zur Eröffnungsfeier.

Dass Crowdfunding jedoch die traditionelle Bankenwirtschaft ersetzt, bezweifelt Wenzlaff. Vielmehr sei Crowdfunding eine zusätzliche Option, um die Resonanz für neue Ideen abzufragen und gleichzeitig für sich zu werben. „Hätte der verpackungsfreie Supermarkt in Berlin einfach nur so aufgemacht, hätten das wahrscheinlich nicht so viele mitbekommen“, sagte Wenzlaff. Wie die „Berliner Zeitung“ berichtete, ist „Original Unverpackt“ im Berliner Szeneviertel Kreuzberg bereits zur Touristenattraktion geworden.

Verpackungsfreie Läden – wohl eher ein urbanes Phänomen

Auch Sartin erhielt durch die Crowdfunding-Aktion viele Rückmeldungen. So hätten ihr einige Unterstützer bereits Fotos von leerstehenden Läden in München geschickt. Auch potenzielle Geschäftspartner hätten sich gemeldet. „Ein junger Biobauer aus der Region hatte unser Projekt im Internet gefunden“, erzählte Sartin.

Ob sich der Trend der verpackungsfreien Läden großflächig durchsetzt, ist jedoch gerade mit Blick aufs Land fragwürdig, sagen Fachleute. Zwar geht die Dichte an Lebensmittelläden im ländlichen Raum zurück, sagt Georg Osterhammer, Handelsspezialist bei der Industrie- und Handelskammer München. Ein unverpacktes Sortiment kann er sich als Alternative aber nicht vorstellen. Die Mehrheit der Kunden sei an verpackte Ware gewöhnt. Realistischere Lösungen seien etwa Dorfläden, manchmal unterstützt durch sogenannte mobile Händler mit Lieferwagen.

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