Unternehmen Plastikfolien-Petition: „Inhaltlich ernst nehmen – aber keinen roten Teppich ausrollen“

Zurück zum Absender: Unter dem Hashtag "#returntosender" werfen verärgerte Kunden die  unerwünschte Sendung zurück in Postkästen und posten die Fotos auf Instagram.

Zurück zum Absender: Unter dem Hashtag "#returntosender" werfen verärgerte Kunden die unerwünschte Sendung zurück in Postkästen und posten die Fotos auf Instagram.© kosmar / Instagram

Eine Petition gegen die Plastikverpackung der Werbebroschüre „Einkauf aktuell“ sorgt im Netz für viel Aufmerksamkeit. Im impulse-Interview erklärt PR-Experte Christian Scherg, warum die Post aus seiner Sicht falsch darauf reagiert hat.

Es wirkt wie das Duell David gegen Goliath: Ein 18-Jähriger hat im Netz tausende Unterschriften gegen die Plastikverpackung der Werbebroschüre „Einkauf aktuell“ gesammelt und damit massive Kritik an der Deutschen Post ausgelöst. Die Post reagiert bislang zurückhaltend – aber ist das die richtige Vorgehensweise?

impulse.de hat mit PR-Experte Christian Scherg gesprochen. Er hat Anfang des Jahres eine Online-Petition gegen Moderator Markus Lanz massiv kritisiert – und daraufhin selbst viele negative Reaktionen bekommen. Im Interview erklärt er, warum er Petitionen im Netz skeptisch sieht, der Anti-Plastik-Petition gegen die Post aber etwas Positives abgewinnen kann. Scherg sagt: Die Post hätte den Petitonsurheber gar nicht einladen und sich stattdessen auf die Sache konzentrieren sollen.

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Herr Scherg, Sie sehen Online-Petitionen insgesamt kritisch. Wieso?

Christian Scherg: Bei Online-Petitionen sind viele schnell dabei. Man sitzt ohnehin am Rechner, liked gerade noch Fotos von Robbenbabys bei Facebook und als nächstes setzt man seine Unterschrift unter eine Petition. Das geht im Sitzen, ist bequem, man muss nicht auf die Straße gehen. Aber die Frage ist doch: Was hat das für eine Aussage, wenn 75.000 Menschen so eine Petition unterschreiben?

Hat es denn keine Aussage, wenn 75.000 Menschen gegen etwas Stellung beziehen?

Das Problem ist, dass sich viele Petitionen selbst die Relevanz nehmen: Ein eigentlich gutes Instrumentarium wird durch Spaßaktionen entwertet. Es gibt eine Wertminderung von Petitionen – und zwar dadurch, dass sie häufig für Dinge eingesetzt werden, für die sie eigentlich nicht gedacht sind.

Sprechen wir über den aktuellen Fall: Ein 18-Jähriger hat mittlerweile über 80.000 Online-Unterschriften gegen die Plastikverpackung der Deutsche Post-Werbebroschüre „Einkauf aktuell“ gesammelt. Ist das auch eine „Spaßaktion“?

Nein, ich finde das Thema an sich sinnvoll – insbesondere die Verlängerung des Themas dahingehend, dass viele jetzt fragen: Ist die Post eigentlich glaubwürdig in dem, was sie sagt? Kann man sich als nachhaltig handelndes Unternehmen darstellen und dann Werbung in Plastik verpacken? Anscheinend gibt es ganz viele Indizien dafür, dass die Post in der Umsetzung von Werten, die sie sich ans Revers heftet, nicht glaubwürdig ist. Die Petition ist dafür ein Indiz, von dem man aber abstrahieren muss.

Es scheint, als hätte der Petitionsstarter mit seiner Kritik an der Plastikverpackung einen Nerv getroffen.

Der Erfolg einer solchen Petition ist immer abhängig von einer Kombination aus der Aktion selbst auf der einen Seite und einer allgemeinen Stimmung auf der anderen Seite. Je mehr sich ein Unternehmen Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, desto mehr muss es natürlich damit rechnen, dass es an diesen eigenen Maßstäben gemessen wird. Je höher ich mich moralisch nach oben katapultiere, desto tiefer kann ich natürlich fallen.

Die Post hat den 18-jährigen Urheber der Petition eingeladen, ihn dann kurz und knapp an einem Stehtisch empfangen. War das die richtige Reaktion?

Ich finde, Unternehmen sollten reagieren – dabei aber den Petitionsurhebern keine Plattform geben. Als Unternehmen muss man so etwas inhaltlich ernst nehmen, aber denen, die so etwas vielleicht als Möglichkeit sehen, sich selbst zu inszenieren, keinen roten Teppich ausrollen.

Also war es aus Ihrer Sicht ein Fehler, den Petitionsurheber überhaupt einzuladen?

Ja, ich hätte das Thema zwar ernst genommen, auch gerade weil es eine Rückspiegelung in die reale Welt gab – einige Leute haben ja das „Einkauf aktuell“-Heftchen an die Post zurückgeschickt. Aber dabei hätte ich es auch belassen: Man sollte in erster Linie inhaltlich reagieren und nicht dem Urheber eine Plattform bieten.

Wie sieht denn eine angemessene inhaltliche Reaktion aus?

Es geht um eine konkrete Sache, die offenbar veränderungswürdig ist – und die sollte geändert werden. Deshalb müssen ganz klare Statements gemacht werden: Wir haben das wahrgenommen, wir haben das verstanden, das ändern wir. Wenn man dann etwas verändert hat – also beispielsweise die Plastikverpackung abgeschafft hat – sollte man das auch kommunizieren.

Auf sämtlichen Social-Media-Kanälen wird die Post derzeit aufgefordert, die Plastikverpackung abzuschaffen. Bislang gab es darauf keine direkte Reaktion.

Die Post hat in Interviews kommuniziert, dass man die Angelegenheit jetzt überprüft. Man muss jetzt nicht jeden einzelnen Post bei Facebook dahingehend kommentieren. Es wäre aber sinnvoll gewesen, auch in den sozialen Medien einmal ein offizielles Statement abzugeben.

Christian SchergZur Person:
Christian Scherg ist Reputations- und Online-Krisenexperte. Er ist Autor des Buchs „Rufmord im Internet – So können sich Firmen, Institutionen und Privatpersonen wehren“ und Geschäftsführer der Agentur „Revolvermänner“ für strategisches Online Reputation Management.

1 Kommentar
  • Matti Lemberg 22. September 2014 16:26

    Das Ärgernis mit „Einkauf Aktuell“ werde ich ab sofort folgendermaßen lösen:
    Ich werde allen Müll den die Post bei mit ablädt einfach in die gelben Kästen werfen.

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