Unternehmen Politik mit dem Portemonnaie: Wie Verbraucher den Markt beeinflussen können

Der Kaffee nur noch fair gehandelt, der Salat nur bio und die Eier ausschließlich aus Freilandhaltung - viele Verbraucher gehen mit guten Vorsätzen in den Supermarkt. Doch beim Preisschild folgt oft die Ernüchterung und bei den Öko-Siegeln die Verwirrung. Der "Rat für Nachhaltige Entwicklung" will nun Orientierung bieten.

Mit ihren Kaufentscheidungen wollen viele Deutsche den Menschen in Entwicklungsländern zu einem fairen Lohn verhelfen, die Turbomast von Hähnchen verhindern und am liebsten auch noch den Klimawandel aufhalten. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht oft anders aus, vor allem wenn das fair gehandelte Bioprodukt deutlich mehr kostet. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) animiert die Verbraucher trotzdem im Auftrag der Bundesregierung dazu, „an der Supermarktkasse Politik zu machen“. Dabei tritt er gelegentlich auch der Industrie auf die Zehen – allerdings nur ganz vorsichtig.

„Guten Appetit wünscht die Industrie, die Tomate schmeckt nach Wasser, das Wasser nach Chemie, die Käufer hab’n die Macht, doch sie machen nix“, heißt es beispielsweise in einem Song des Berliner Duos „Rapucation“, den der Rat auf seiner Website präsentiert. Das Lied, in dem auch für den ökologisch sinnvollen Verzehr von Raupen und Würmern geworben wird, soll aufrütteln.

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Für das Smartphone hat das Gremium, dem jährlich rund 2,4 Millionen Euro aus Steuermitteln zur Verfügung stehen, zudem einen „Nachhaltigen Warenkorb“ entwickelt. Er bietet einen Überblick über die gängigen Bio- und Nachhaltigkeitssiegel, deren Vielfalt den Verbraucher oft überfordert. In der Warenkorb-App erfährt der bewusste Verbraucher auch, dass gut gemeinte Kaufentscheidungen gelegentlich nach hinten losgehen können. Dort heißt es zum Beispiel: „Finger weg von Waschnüssen – durch die gestiegene Nachfrage hierzulande verknappt sich das Angebot in ärmeren Ländern, wo sie traditionell als Waschmittel verwendet werden.“

Schwer umsetzbar: konkrete Vorschriften für das Verbraucherverhalten

Um die Umwelt zu schonen, sollten die Deutschen nach Empfehlung des RNE auch überlegen, ob es wirklich nötig ist, jedes Kleidungsstück nach einmaligem Tragen zu waschen. „Häufig genügt es, die Kleidung auszulüften oder abzubürsten“, gibt der Rat zu bedenken. Seine 15 Mitglieder wurden zuletzt 2013 von Bundeskanzlerin Angela Merkel turnusgemäß für drei Jahre berufen. Den Vorsitz hat derzeit Marlehn Thieme vom Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland.

Die Ziele des Rates berühren viele Themen, die zum ideologischen Rüstzeug der Grünen gehören. Doch die Ökopartei hat im Bundestagswahlkampf 2013 mit der Debatte um den „Veggie-Day“ schlechte Erfahrungen gemacht. Mit konkreten Vorschriften, die das Verbraucherverhalten im Alltag regeln, ist man seither vorsichtiger geworden.

Diese Siegel verbinden ökologische und soziale Standards:

Die meisten Kauf- und Handlungsempfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung seien sehr sinnvoll, findet die Grünen-Abgeordnete Valerie Wilms. Die Politikerin, die dem Beirat für nachhaltige Entwicklung des Bundestages angehört, hält aber nichts davon, Produkte zu verbieten, bei deren Herstellung „ökofaire Standards“ nicht berücksichtigt wurden.

Der Rat könne die Umsetzung seiner Empfehlungen nicht erzwingen, „und zwar ganz zu Recht, denn wir leben in einer Demokratie“, sagt Wilms. Wichtig ist ihrer Ansicht nach aber, dass die Empfehlungen zumindest in der Regierung auf offene Ohren stoßen: „Das ist sicherlich noch verbesserungsfähig.“

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