Unternehmen „Pro Tor für Deutschland …“: Das Risiko mit den Rabattaktionen

Die Rabatt-Aktion der Bäckerei Büsch in Kamp-Lintfort

Die Rabatt-Aktion der Bäckerei Büsch in Kamp-Lintfort

Fußballfans sprechen von einem historischen Moment, und mancher will sogar erneut die Hand Gottes im Spiel wissen: Das 7:1 der deutschen Nationalelf hat in diesem Ausmaß so ziemlich jeden überrascht – insbesondere Unternehmer, die mit Rabatt-Aktionen warben.

Plötzlich waren es 70 Prozent Rabatt auf das Sortiment im Onlineshop. Der brasilianische Verlag Late42 warb zum WM-Spiel von Deutschland gegen Brasilien mit 10 Prozent für jedes deutsche Tor. Als Gag, da es in Brasilien generell Werbeaktionen mit den brasilianischen Toren gab. Niemand hatte in der Firma mit dem 7:1 Sieg der Deutschen gerechnet. Kurz nach Spielende begann der Ansturm auf den Shop, der überlastet abstürzte. Brasilianischen Zeitungsberichten zufolge will das Unternehmen den für 24 Stunden nach Spielende versprochenen Rabatt aber weiterhin garantieren.

Egal ob Fußball oder Olympia, ob Deutschland oder Brasilien: Pünktlich zu internationalen Sportereignissen rühren Unternehmen kräftig die Rabatt-PR-Trommel. Vodafone beispielsweise verspricht Kunden pro deutsches Tor 100 MB zusätzliches Datenvolumen, bei Schneekoppe gibt es bis zu 60 Prozent Rabatt im Onlineshop und auch bei Ebay kann der Kunde sparen.

Anzeige

Aber nicht nur die großen Ketten wollen von der Fussball-Euphorie profitieren. Mittelständler springen ebenfalls bundesweit auf die WM-Welle auf. Die Angebotspalette reicht auch hier von kostenloser Ware bis hin zu saftigen Preisnachlässen:

„Es war ein schönes Spiel gestern. Aber nach dem 4:0 habe ich dann doch noch mit unserer Logistik und der Produktion telefoniert“, sagt Dirk Jonack, Geschäftsführer bei der Büsch Bäckerei in Kamp-Lintfort zu impulse. Maximal hätte er mit einem 3:0 kalkuliert, das 7:0 gegen Brasilien schien ihm fast unglaublich. Ein Brötchen für jedes Tor für Deutschland gibt die Bäckerei mit rund 100 Filialen am Niederrhein am Folgetags des Spiels an seine Kunden aus. „Für das Brasilienspiel haben wir 600.000 Brötchen extra eingeplant. Die Produktion startete früher und die Fahrer waren am Mittwoch auch viel länger unterwegs. Wenn die Brötchen ausverkauft sind, geben wir Gutscheine an die Kunden aus“, erzählt Jonack.

Glücklich, wer an eine Deckelung dachte

Hohe Torquoten bei den Deutschlandspielen kalkulierten nur wenige Unternehmer in ihre Angebote mit ein. Mit fünf Prozent Rabatt auf jedes geschossene Tor wirbt die Marien-Apotheke in Kleve in Nordrhein-Westfalen. „Das Angebot haben wir aber von Anfang an auf 25 Prozent gedeckelt“, erzählt Apothekerin Juliana Krone. „Die Aktion gilt immer bis zum nächsten Deutschlandspiel.“

Eine Fussball-Weltmeisterschaft ist eine riesige Werbebühne, bei der fast alle 80 Millionen Deutschen involviert sind. Die Grundüberlegung „was kann ich da machen, wie kann ich  auch als  kleiner oder mittelständischer Unternehmer Teil der Geschichte sein“ sei deshalb gar nicht so falsch, ist Frank Laurich, Sportmarketingexperte aus Hamburg überzeugt. „Bei allen auf Angeboten basierenden Unternehmensaktivitäten gibt es natürlich ein gewisses Risiko, im Sport weiß man nie wie es ausgeht. Aber es geht ja auch nicht nur um den Erfolg, sondern auch um Aufmerksamkeit, Begeisterung und Sympathie.“

Als existenzbedrohend sehe er die Werbeaktionen mit zum Beispiel 10 Prozent pro Tor deshalb nicht. „Sie sollten aber nur überschaubare Zeit gelten“, betont Laurich. „Die Mischung aus Teilhabe an dem Event, sicherlich gepaart mit Unvernunft finde ich eigentlich ganz sympathisch und positiv. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen können die Aktionen gut für eine regionale Kundenbindung funktionieren.“

Wichtig sei aber trotzdem ein Plan B: „Würde Deutschland sieben Gegentore kassieren, könnte der Bäcker Trost-Brötchen herausgeben oder die Apotheke Baldriantropfen oder Schokolade ins Schaufenster stellen. Man sollte immer im Hinterkopf haben, wie man eine rein sportlich negative Situation trotzdem sympathisch auffangen kann.“

„Das hat uns den umsatzstärksten Monat aller Zeiten gebracht“

Positive Erfahrungen mit einer WM-Rabattaktion hat auch Alexander Becker von der Pizzeria Pronto im rheinland-pfälzischen Irsch gemacht: Kunden, die während des Turniers elfmal für mindestens 11 Euro in seinem Restaurant bestellen, bekommen für jedes deutsche Tor eine Gratispizza. „Viele Tore sind eigentlich gut für uns, weil natürlich mehr Leute an der Aktion teilnehmen, je mehr Tore geschossen werden“, sagt Becker. Selbstverständlich müsse man vorher auch durchrechnen, dass die Möglichkeit besteht, dass viele Tore fallen. Bereits bei der Weltmeisterschaft 2010 habe die Aktion gut funktioniert: „Das hat uns den umsatzstärksten Monat aller Zeiten gebracht.“

Beim Reitsportgeschäft Manski in Güstrow gab es pro WM-Tor der Deutschen Mannschaft 10 Prozent auf das Sortiment. Geschäftsführer Andreas Manski gibt sich am Mittwoch gefasst: „Das ziehen wir jetzt so lange durch, wie der Vorrat reicht und dann ist es erledigt. Dass Deutschland mit sieben Toren gewinnt, hätte ich nie gedacht. Bei mir ist der Onlineshop zusammengestürzt und es brennt auf allen Leitungen.“

Dabei müsste Manki das Angebot gar nicht unbedingt aufrechterhalten, bestätigt Pierre Rosenberger, Rechtsanwalt bei der Kanzlei Dornbach in München: „Solange eine Rabattaktion nur als Angebot formuliert ist – beispielsweise ‚auf jeden Fernseher gibt es 10 Prozent Preisnachlass‘ – ist sie nicht bindend. Der Unternehmer hat immer noch die Möglichkeit, den Rabatt abzulehnen, wenn der Kunde in den Laden kommt. Juristisch nennt sich das ‚Aufforderung zur Abgabe eines Angebots‘. Die Rabattaktion ist dann vergleichbar mit einem Pullover, der im Schaufenster hängt: Der Pullover ist nur ein Angebot, der Inhaber ist nicht gezwungen, ihn zu verkaufen.“

Anders sehe es aus, wenn es sich um einen nachträglichen Preisnachlass auf einen bereits gekauften Artikel handelt. „Verspricht der Inhaber beispielsweise, dass es auf jeden Fernseher, der zwischen dem 23. und 30. Juni gekauft wurde, nach der WM einen Tor-Rabatt gibt, ist das durchaus bindend. Dann kann der Unternehmer keinen Rückzieher mehr machen“, so Rosenberger. Müssen Unternehmer also ihre Ware bei 100 Prozent Rabatt schlimmstenfalls gratis abgeben? „Wenn der Rabatt dazu führt, dass der Unternehmer das Produkt verschenken muss, stößt man eventuell an eine Grenze. Aber gute Karten hat der Unternehmer nicht wirklich.“

Bei mehr als 100 Prozent Preisnachlass noch zusätzlich draufzuzahlen, ist aber unwahrscheinlich, beruhigt Rosenberger. „Ich denke, da wird das Gericht dem Verbraucher klar machen, dass er nicht erwarten kann, noch etwas on top zu bekommen.“

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.