Prozess gegen KiK Trägt Kik die Verantwortung für tote Näher in Pakistan?

Eine Filiale des umstrittenen Textildiscounters Kik

Eine Filiale des umstrittenen Textildiscounters Kik© Kik

Die Modekette Kik steht in Deutschland vor Gericht, weil bei einem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik 259 Menschen starben. Was kaum jemand weiß: Kik gehört zu einem deutschen Familienunternehmen mit hohen Ansprüchen.

Karatchi, eine Stadt im Südosten Pakistans, im September 2012. In einer Textilfabrik bricht ein Großbrand aus. Arbeiter ersticken und verbrennen. Es ist der wohl schlimmste Industrieunfall in der pakistanischen Geschichte. 259 Tote zählen die Behörden und mehr als 50 Schwerverletzte.

Die Fabrik, in der es offenbar zu wenige Sicherheitsvorkehrungen gab, gehörte einer Firma namens Ali Enterprise. Deren größter und fast einziger Kunde über Jahre hinweg ist ein Unternehmen aus Deutschland: der Textildiscounter Kik.

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Dortmund, im September 2016. Vor dem Landgericht hat ein Verfahren begonnen, das Rechtsgeschichte schreiben könnte. Es geht um die Frage, wo unternehmerische Verantwortung beginnt und wo sie endet. Die Antwort könnte verändern, unter welchen Bedingungen deutsche Firmen in Entwicklungsländern produzieren lassen.

Stellvertretend für Opfer und Angehörige verklagen vier von ihnen Kik auf Schmerzensgeld in Höhe von je 30 000 Euro. Die Richter eines deutschen Gerichts müssen nun klären, ob ein deutsches Unternehmen in Pakistan seine Sorgfaltspflicht verletzt hat. Aus Sicht der Kläger hätte Kik bei seinem Zulieferer auf die Einhaltung von zuvor vereinbarten Brandschutzmaßnahmen drängen müssen, was nicht ausreichend geschehen sei.

Angehörige von Opfern des verheerenden Brandes in einer Textilfabrik in Pakistan.

Angehörige von Opfern des verheerenden Brandes in der Textilfabrik in Pakistan.© picture alliance / PPI Images

Kik sieht das ganz anders und begrüßt offiziell das Gerichtsverfahren. „KiK weist jede Verantwortung für das Unglück zurück“, heißt es in einer Mitteilung. „Es liegen keine konkreten und nachvollziehbaren Anhaltspunkte dafür vor, dass KiK eine unternehmerische Sorgfaltspflicht verletzt hätte“, sagte Kik-Manager Ansgar Lohmann. Gegenüber dem Gericht gaben die Kik-Anwälte zudem an, dass es eine „Rechtspflicht“ zur Kontrolle der Fabrik nicht gegeben habe.

Das könnte daran liegen, dass „Kik nur bei Initiativen unterschreibt, die nicht wehtun und keine echten Selbstverpflichtungen enthalten“, wie Miriam Saage-Maaß vom European Center for Constitutional and Human Rights sagt. Das ECCHR unterstützt die Klage der Brandopfer. „Der Fall ist wichtig, weil er klären soll, ob Outsourcing in Entwicklungsländer die Unternehmen von jeglicher Verantwortung befreit – und diese letztlich auf andere abwälzt.“

Kik gehört einer der reichsten Familien Deutschlands

Nicht nur im nordrhein-westfälischen Bönen, wo Kik seine Zentrale hat, dürfte das Gerichtsverfahren mit Spannung verfolgt werden. Auch im knapp 90 Kilometer entfernten Mülheim an der Ruhr wird sich über Kik und die Folgen der Klage vermutlich Gedanken gemacht. Hier residiert eines der größten und renommiertesten Familienunternehmens Deutschlands: die Tengelmann-Gruppe, gegründet 1847. Mehr als acht Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet das Unternehmen pro Jahr, Tendenz steigend. Die Eigentümerfamilie Haub ist laut Forbes eine der 50 reichsten Familien Deutschlands. Die beiden größten Tochterfirmen von Tengelmann sind die bekannte Baumarktkette Obi – und Kik, der Textildiscounter mit dem schlechten Ruf.

In seiner Außendarstellung betont Tengelmann gerne seine unternehmerische Verantwortung. „Als traditionelles Familienunternehmen betrachtet Tengelmann seine Mitarbeiter auch als Familienmitglieder. Sie sollen dem Unternehmen langfristig verbunden bleiben, sich dort wohl fühlen und, wie in jeder guten Familie, gleichermaßen Rechte und Pflichten haben“, heißt es in einer Selbstdarstellung in der Rubrik „Mensch und Mitarbeiter“. Und weiter unten: „Jedem Mitarbeiter, unabhängig von Alter, Geschlecht, kulturellem, religiösem oder ethnischem Hintergrund sowie körperlicher Verfassung, werden die gleichen Chancen geboten.“

Karl-Erivan Haub ist geschäftsführender Gesellschafter von Tengelmann. Kik möchte er sich nicht äußern

Karl-Erivan Haub ist geschäftsführender Gesellschafter der Tengelmann-Gruppe. Zur Tochterfirma Kik möchte er sich nicht äußern© dpa / picture alliance

Da stellt sich die Frage, wie so hohe Ansprüche mit einer Eigentümerschaft von Kik vereinbar sind. „Überhaupt nicht“, findet Kritikerin Saage-Maaß. „Kik gilt in der Branche als das Unternehmen, das sich stets um seine Verantwortung drückt.“ Das betreffe nicht nur das Outsourcing der Produktion an schlecht geführte Zulieferer in Niedriglohnländern. Auch in Deutschland halte sich Kik nicht an weit verbreitete Standards unternehmerischer Verantwortung. So kämpfe das Unternehmen mit harten Bandagen gegen seine eigenen Mitarbeiter, indem es Betriebsräten systematisch die Arbeit erschwere und gewerkschaftsnahe Mitglieder drangsaliere. Immer wieder gerate Kik wegen Mitarbeiter-Mobbing in die Schlagzeilen.

Tengelmann selbst weist Kritik zurück. In einer Stellungnahme schreibt eine Sprecherin: „Das Engagement für Mensch und Natur der Unternehmensgruppe Tengelmann hat eine jahrzehntelange Tradition und steht in keinerlei Gegensatz zur Eigentümerschaft bei KiK. Auch KiK engagiert sich seit vielen Jahren für Nachhaltigkeit, insbesondere im Kerngeschäft. Das bedeutet einerseits die Verantwortung für mehr als 24.000 KiK-Mitarbeiter, aber auch für unzählige Arbeitsplätze in den Lieferländern.“

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