Unternehmen Supermärkte hängen Reformhäuser ab

Längst greifen nicht nur Laktoseintolerante zu Produkten ohne Milchzucker.

Längst greifen nicht nur Laktoseintolerante zu Produkten ohne Milchzucker.© dpa

Lange bevor der Cappuccino mit laktosefreier Milch zum Trend wurde, verkauften Reformhäuser und Bioläden Produkte für Kunden mit Unverträglichkeiten. Inzwischen machen konventionelle Lebensmittelhändler ihnen das Geschäft streitig. Experten rätseln: Warum können die einstigen Platzhirsche im boomenden Geschäft nicht stärker punkten?

Laktosefrei, glutenfrei, ohne Ei oder gleich ganz ohne tierische Inhaltsstoffe: Die Bio-Branche bietet immer mehr Produkte für besondere Zielgruppen an. Zeichnete sich dieser Trend im vergangenen Jahr bereits ab, so ist er auf der weltweit größten Öko-Messe Biofach in Nürnberg derzeit nicht mehr zu übersehen. Der Vorteil für die Betroffenen: Die Zeiten, in denen sie auf trockenen Reiswaffeln herumkauen mussten, sind endgültig vorbei. Ob Paprika-Chips aus Kürbis und Süßkartoffel, Kichererbsenragout mit Mandel-Reis oder Couscousmüsli mit Apfel, Zimt und Hanf – die Auswahl ist inzwischen riesig.

Das liegt auch daran, dass die Zielgruppe immer größer wird. Längst greifen nicht nur Laktoseintolerante zu Produkten ohne Milchzucker; glutenfreie Knabbereien werden gerne auch von gesunden Menschen ohne Zöliakie gegessen. Rohkost schreckt weltoffene Feinschmecker nicht ab, und auf Eier verzichten viele nicht wegen einer Allergie, sondern aus ethischen Gründen – wegen der Haltungsbedingungen für die Hühner.

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„Bei uns ist es 50:50 – die vegane Community kommt, aber auch viele „Flexitarier“, die sagen: Heute esse ich mal vegan. Die sehen das einfach als Alternative“, berichtet Rebecca Wiegärtner vom Großhändler und Ladenbetreiber Veganz, der ausschließlich Produkte ohne tierische Inhaltsstoffe im Angebot hat.

Von der Nische in den Mainstream

Mit Verzicht wollen viele der oft erst seit wenigen Jahren bestehenden Hersteller auf keinen Fall verbunden werden. Das Design frisch und spielerisch, die Rezepturen modern, passen sie problemlos in die Szeneviertel der Großstädte. Immer mehr Anbieter springen auf den Zug auf. „Der Markt dreht sich gerade von der Nische in den Mainstream“, bestätigt Florian Mayr von der Wiesbadener Manufaktur Das Eis. „Der komplette deutsche Handel ist derzeit mit dem Thema befasst.“

Auf der am Mittwoch eröffneten Nürnberger Weltleitmesse für Bio-Produkte zeigten sämtliche großen Handelspartner Interesse an seinem laktose-, gluten- und teils auch sojafreien Eis, erzählt Mayr. Ähnliches gilt auch für andere „Frei von“-Produkte: „Der Markt ist wirklich unglaublich am wachsen“, berichtet Seitz-Mitarbeiter Thomas Maurer. Seit 20 Jahren sind die Schwaben auf Produkte ohne Klebereiweiß spezialisiert, viele davon sind in Bio-Qualität.

Auch sie stellen fest: „Viele ernähren sich glutenfrei, ohne eine Unverträglichkeit zu haben.“ Dabei waren die Bioläden lange Zeit vor allem für Betroffene von Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien die erste Anlaufstelle. Denn im Gegensatz zu konventionellen Lebensmitteln haben sich die Naturkosthersteller die Auflage gegeben, alle Inhaltsstoffe genau zu deklarieren. Statt „Verdickungsmittel“ und „Gewürze“ steht bei Bio-Produkten deshalb „Johannisbrotkernmehl“ und „Senf“ auf der Verpackung.

Und dennoch lasse sich die Branche gerade ein dickes Stück vom Kuchen wegnehmen, meint Doris Gadermann von Creative Analytic 3000. Das Marktforschungsunternehmen hat im Auftrag der NürnbergMesse als Veranstalter der Biofach das Thema „Frei von“-Lebensmittel eingehender untersucht. Und ist zu dem Schluss gekommen: „Hier trumpft der klassische Lebensmitteleinzelhandel richtig auf.“

Weckruf für die Bio-Branche

Während vor allen in den kleineren Bioläden eher die Ersatzprodukte zu haben seien, böten Supermarktketten inzwischen völlig selbstverständlich glutenfreie Brötchen und laktosefreie Mascarpone an. Selbst bei Discountern stehen Milch und Joghurt ohne Milchzucker im Regal. „Dem Thema wird von allen Seiten eine Relevanz zugesprochen“, berichtet Gadermann. „Es handelt sich hier nicht um eine Eintagesfliege oder Modeerscheinung, sondern um eine beständige Entwicklung im Markt.“

Die Bio-Branche könne da noch stärker punkten, bilanzieren die Autoren der in dieser Woche veröffentlichten Studie. Die scheint den Weckruf schon vorher vernommen zu haben. Nur ein Beispiel von vielen ist die italienische Marke Special Free, die nächsten Monat auf den Markt kommt. Gemeinsam mit Uni-Forschern habe man eineinhalb Jahre an den Rezepturen getüftelt, erzählt Filippo Zotti. Nun gibt es gleich sechs Produktkategorien: Laktosefrei, glutenfrei, hefefrei, salzarm, kohlenhydratarm und ballaststoffreich – natürlich alles in Bio-Qualität.

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