Unternehmen Schlaraffenland oder Achillesferse: Conti feilt an Chinastrategie

Das Continental Technologie-Center in Jiading in China

Das Continental Technologie-Center in Jiading in China© Continental

VW wird die große Abhängigkeit vom chinesischen Markt als Nachteil ausgelegt. Beim Zulieferer Conti dagegen warnen Kritiker, der Konzern müsse in China aufs Tempo drücken. Das zeigt: Beim Ringen um die Taktik im Reich der Mitte gibt es viele Fragezeichen.

Zahlen zu Chinas Autowelt sind atemberaubend. Während in Deutschland auf 1000 Einwohner etwa 530 Pkw kommen, sind es im Reich der Mitte erst rund 100. Trotzdem ist das bevölkerungsreichste Land der Erde schon heute weltgrößter Automarkt – und entscheidet über das Wohl der Branche. Das Center for Automotive Research (CAR) an der Uni Duisburg-Essen rechnet für dieses Jahr mit 18,2 Millionen Pkw-Verkäufen in China – das wäre knapp ein Viertel Weltmarktanteil.

Bei Lastwagen ist die Bedeutung sogar nach größer. Von jährlich etwa zehn Millionen Nutzfahrzeugzeugen – samt Citytransporter, Kleinbusse und Pick-ups – gehen fast 60 Prozent nach China. „Ohne China wären wir im Autogeschäft bei den Weltmarktzahlen des Jahres 1995“, sagt CAR-Leiter Ferdinand Dudenhöffer.

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Nachholbedarf beim einstigen Pionier

Große Pläne hat dort auch Continental. Obwohl der Autozulieferer und Reifenhersteller schon vor 30 Jahren als China-Pionier unterwegs war, besteht auch noch Nachholbedarf. „Wo wir etwas spät sind, das ist mit einer eigenen Reifenfabrik, die wir erst seit 2011 haben“, sagt China-Vorstand Ralf Cramer. „Das holen wir jetzt auf.“ Die Fabrik in der Binnenprovinz Hefei solle ihren Ausstoß zügig auf vier Millionen Pneus pro Jahr erhöhen. Langfristig sind dort bis zu 16 Millionen Pkw-Reifen möglich.

Doch während etwa Volkswagen schon gut ein Drittel seiner Autos in China verkauft, sorgt die Volksrepublik erst für rund ein Zehntel des Conti-Umsatzes von zuletzt 33,3 Milliarden Euro. Auch Konkurrent Bosch will seine Erlöse in der Region Asien-Pazifik von elf Milliarden Euro bis 2020 verdoppeln. „China wird den Löwenanteil bringen“, sagte Asienchef Peter Tyroller im Mai.

„Conti läuft dem Markt eher hinterher“, urteilt Dudenhöffer. 2020 dürfte China laut seiner Prognose rund 30 Prozent der Autowelt ausmachen. Conti will ab dann 20 Prozent des Umsatzes dort machen. Doch Dudenhöffer warnt: „Conti muss in China schneller wachsen, um nicht Marktanteile im Weltzuliefergeschäft zu verlieren.“ Denn die Konkurrenz dürfte nach seiner Einschätzung schneller zulegen.

Ein neues Werkt pro Jahr geplant

Cramer sieht die Weichen aber schon gestellt. Ein zweites Reifenwerk in China sei nur eine Frage der Zeit, sagt er. Außerdem habe der Konzern, in dem die Reifensparte ein knappes Drittel vom Umsatz einspielt, in den vergangenen fünf Jahren eine Milliarde Euro in China investiert. „Ich sehe keinen Grund, warum wir einen solchen Betrag in den nächsten fünf Jahren unterschreiten sollten“, sagt Cramer. Eher dürfte das Gegenteil eintreten.

Auch das Tempo der übrigen Divisionen im Konzern sei hoch. „Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten drei Jahren alleine jedes Jahr ein Werk hier eröffnen.“ Außerdem will Conti neben den westlichen Herstellern auch die lokalen Autobauer als Kunden gewinnen. „Wir brauchen beides, ganz eindeutig“, sagt Cramer.

Zwar seien die internationalen Autobauer heute sehr erfolgreich und gewännen Marktanteile. „Und trotzdem sehen wir langfristig, dass die chinesischen Hersteller, die chinesischen Marken im Pkw-Markt um die 30 Prozent halten können und im Gesamtmarkt inklusive der leichten Nutzfahrzeuge bis sechs Tonnen durchaus bis zu 40 Prozent.“ Bei künftig 30 Millionen Autos pro Jahr kämen damit über 10 Millionen Einheiten von chinesischen Marken.

Feilen am richtigen Mix

Deswegen zählt der Mix. „Wir sind gestartet im Premiumsegment“, sagt Cramer. „Aber das Ziel ist ganz klar, deutlich stärker in die Mitte und damit auch in die chinesischen Marken vorzudringen.“ Dudenhöffer wittert Risiken und plädiert für einen Fokus auf westliche Autobauer. „Hier liegt mehr Potential und Profit, denn billige Pneus produzieren in China genügend „Billigheimer».“ Der Wettbewerb sei da hart, die Margen dünn.

Auf lange Sicht sieht Dudenhöffer China auch als Exportstandort. „Für Zulieferer wie Conti kann es wichtig sein, Teile in China zu produzieren und zu exportieren, also auch nach Deutschland.“ Eine Eisenbahnverbindung von China bis nach Duisburg besteht schon. Doch für Cramer ist das keine vorrangige Option. Ausschließen will er einen Export zwar nicht. „Aber grundsätzlich fährt Continental die Strategie: ‚In the market for the market‘. Und das gilt nicht nur für China.“

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