Strickmaschinen-Hersteller Mayer und Cie. Im Balanceakt zum Turnaround

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Ungleiches Paar: Josef Kleebinder (l.) und Rainer Mayer

Ungleiches Paar: Josef Kleebinder (l.) und Rainer Mayer© Uli Regenscheit für impulse

40 Jahre lang hatte Rainer Mayer Rundstrickmaschinen verkauft, 2009 sollte die nächste Generation übernehmen. Doch die Firma rutschte in den Sog der Finanzkrise. Mayer blieb und schaffte nach harten Einschnitten zusammen mit dem österreichischen Sanierer Josef Kleebinder die Wende.

Mit langen Schritten marschiert Josef Kleebinder in eine stille Ecke seiner Werkshalle. „Hier die Fläche, die vermieten wir noch“, sagt der 53-Jährige und zieht mit dem Finger eine Linie in die Luft. Anfang der 2000er Jahre, als bei der Firma Mayer und Cie. in Albstadt noch 1100 Mitarbeiter werkelten, wurde jeder Zentimeter gebraucht. Heute zählt das Unternehmen 280 Angestellte vor Ort, die können nun zusammenrücken. Alles andere wäre nicht effizient – und Geschäftsführer Josef Kleebinder ist kein Fan von Verschwendung.

Wer keine Übung mit dem schwäbischen Dialekt hat, für den ist Rainer Mayer nicht ganz einfach zu verstehen – erst recht nicht, wenn sich der 66-Jährige in Laune redet. „Als ich angefangen hab, da war Griechenland unser größter Markt“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter, das war 1972. „Kann man sich heute gar nicht vorstellen.“ Nach all den Jahren wäre Mayer längst glücklicher Rentner, wäre alles nach Plan gelaufen.

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Mindestens auf den ersten Blick sind sie sich nicht besonders ähnlich, der kühle Österreicher Kleebinder und der herzliche Schwabe Mayer – und das war entscheidend bei der Rettung von Mayer und Cie. Als in der Krise 2009 die Bestellungen um 70 Prozent einbrachen, stand das Unternehmen am Abgrund, überschuldet und aufgebläht. Letzter Ausweg: Die Firma per Planinsolvenz verschlanken.

Kleebinder und Mayer wurden in der Krise zu einem Team zusammengeschweißt, sie kannten sich vorher nicht – und schafften es trotzdem binnen kurzer Zeit, ihre Stärken für die Rettung von Mayer & Cie. zu bündeln. Dafür wird das Duo jetzt als „Turnarounder des Jahres“ ausgezeichnet (siehe Kasten unten).

Bei einer Insolvenz verlieren alle

Denn eine Planinsolvenz ist wie Balancieren. Zum einen geht es darum, Kosten zu senken. Andererseits müssen die Einnahmen möglichst hoch bleiben. Der Insolvenzplan für Mayer & Cie. ließ alle Seiten bluten: Die Hälfte der rund 480 Angestellten wurde entlassen, die Hausbanken verzichteten auf 13 Millionen Euro, die Gründerfamilie schoß 2 Millionen Euro nach und brachte Patente als Sicherheit in die Firma ein. Für die Wiederaufbau sollte nun ein Management-Duo her, dass den Neustart mit verteilten Rollen angeht.

Denn eine Sanierung bedeutet mehr als Kahlschlag. „Nur Mitarbeiter abzubauen hat noch nie eine Firma gerettet“, sagt Josef Kleebinder. Als der Wiener Ende 2009 zum ersten Mal von Mayer und Cie. hört, hat er gerade ein Engagement als Übergangs-Vorstand beim Nähmaschinenhersteller Pfaff hinter sich. Nun wollen Banken und Gesellschafter ihn auf die Schwäbische Alb holen. Kleebinder schaut sich die Firma genau an und stellt fest: Die Technik stimmt, ein Markt ist da – Mayer & Cie. kann überleben.

Zu der Zeit hatte sich Rainer Mayer eigentlich gerade in den Beirat von Mayer & Cie. verabschiedet; 40 Jahre hatte der Geschäftsführer Rundstrickmaschinen verkauft, nun sollte die nächste Generation übernehmen. Doch als die Krise kam, war klar: Jetzt ist nicht der Zeitpunkt dafür. „Ich habe es für nötig gehalten, dass er mit seinen Kontakten dabei ist“, sagt der damalige Insolvenzverwalter Wolfgang Bilgery. Mayer habe sich nicht um den Job gerissen, so der Verwalter. Aber seine Firma im Stich lassen konnte er auch nicht.

Die Aufgaben sind schnell verteilt. Kleebinder soll der geschrumpften Firma Struktur geben. Er sagt: „Die guten Jahre haben bei Mayer und Cie. viel kaschiert.“ Zwei verschiedene Abteilungen für den Einkauf legt Kleebinder zusammen. Die Produktpalette wird bereinigt von Nischenmaschinen. Die Entwicklung fokussiert sich künftig auf wenige, vielversprechende Projekte, statt jeder Idee nachzujagen. Schließlich kauft Mayer und Cie. günstig ein Werk in Tschechien zu, wo die Löhne niedrig sind – eine mutige Investition, so kurz nach der Insolvenz.

Vom Sofa auf den Chefsessel

Mayers Mission hingegen ist eine andere: Er wird eine Art Außenminister, muss die Kunden überzeugen, Mayer & Cie. treu zu bleiben – und seine besten Vertreter, nicht zur Konkurrenz überzulaufen. Eine Rundstrickmaschine verkauft sich schließlich nicht mal eben so; 25.000 bis 250.000 Euro kosten die Ungetüme, die aus Garn einen Stoffschlauch machen. Bekommt ein Kunde zu viel mit vom Drama beim Hersteller, fürchtet er um Wartung und Garantie seiner Anlage – und bestellt woanders. Das soll Mayer verhindern. Seine Rückkehr, sagt er, sei ein Signal gewesen: „Draußen musste man sehen, dass ich noch an Bord bin.“

Während Kleebinder in Albstadt die Strukturen zurechtknetet, geht Mayer als eine Art Mr. Rundstrickmaschine auf Überzeugungstour. Insolvenz? „Kein Problem“, hört er von einem Kunden aus Brasilien, so etwas käme dort häufiger vor. Der Staat müsse bei Mayer & Cie. die Gehälter zahlen? „Ist doch toll“, heißt es in China, Staat ist stabil und immer gut. „Während der Insolvenz sind kaum Kunden abgesprungen“, sagt Insolvenzverwalter Bilgery. „Das war unglaublich wichtig für den Turnaround.“

Mittlerweile ist die Firma Mayer & Cie. entschuldet, 2012 stand ein Gewinn von 4,6 Millionen Euro. Mehr als 30 neue Arbeitsplätze sind in Albstadt entstanden. Josef Kleebinder wird sich bald eine neue Aufgabe suchen. Rainer Mayer will noch zwei Jahre dranhängen, bis er es erneut mit dem Ruhestand versucht. Er sagt: „Ich werde dann sicher mit einem besseren Gefühl gehen als beim letzten Mal.

 

Der Wettbewerb

Gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfgesellschaft BDO AG zeichnet impulse seit 2006 Menschen als „Turnarounder des Jahres“ aus, die ihre Firma nachhaltig aus der Krise geführt und damit eine der größten unternehmerischen Leistungen überhaupt vollbracht haben. Je überzeugender das Konzept, desto besser. Die Preisträger 2013 sind: Silvia Reschke von Reschke Schweißtechnik aus Maintal (Kategorie: bis 200 Mitarbeiter) sowie Rainer Mayer und Josef Kleebinder vom Rundstrickmaschinen-Hersteller Mayer & Cie. aus Albstadt (Kategorie: Unternehmen mit 201 bis 750 Mitarbeiter).Die Jury

Das Gremium wurde geleitet von Hans-Jürgen Kirsch, Chef des Instituts für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ebenfalls zur Jury gehörten Arno Probst (BDO), Eberhard von Rundstedt (v. Rundstedt & Partner), Marie-Christine Ostermann (Die Familienunternehmer – ASU), Martin Fischedick (Commerzbank), Georg Bernsau (BBL Bernsau Brockdorff & Partner) und Nikolaus Förster (impulse).

Die Preisvergabe

Die Ehrung fand am 22. Oktober 2013 in Berlin statt im Anschluss an die impulse-Management-Konferenz „Risiken erkennen, Krisen meistern – Strategien für Erfolgreiche Turnarounds“.

Mehr Informationen zur Preisverleihung

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