Unternehmen Strippenzieher aus Fernost

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Schilder in den Straßen von Hongkong: Der Konzern CIMC aus der Nachbar-Metropole Shenzen übernahm im Dezember den deutschen Löschauto-Hersteller Ziegler.

Schilder in den Straßen von Hongkong: Der Konzern CIMC aus der Nachbar-Metropole Shenzen übernahm im Dezember den deutschen Löschauto-Hersteller Ziegler.© Mauritius

Chinesische Firmen sind auf Einkaufstour in Deutschland. Zuletzt übernahmen Investoren aus der Volksrepublik eine ganze Reihe von Mittelständlern – auch den Löschauto-Hersteller Ziegler. Und es dürften demnächst noch einige mehr werden.

Auf dem Chefsessel von Insolvenzverwalter Bruno Kübler sitzt jetzt Yinhui Li. Yinhui ist seit wenigen Monaten der neue Geschäftsführer des Löschfahrzeugherstellers Ziegler. Und sichtbares Zeichen für einen neuen Zeitabschnitt in der mehr als 120-jährigen Firmengeschichte des einstigen Familienunternehmens aus Baden-Württemberg, das einen großen Teil der Feuerwehren in Deutschland mit seinen Fahrzeugen ausstattet. Denn seit Mitte Dezember 2013 gehört die Firma dem chinesischen Konzern CIMC.

Ziegler war 2011 durch eine Kartellstrafe in die Insolvenz geschlittert. Das Bundeskartellamt hatte gegen vier Löschfahrzeug-Hersteller Bußgelder von mehr als 50 Millionen Euro verhängt, acht davon gegen Ziegler. Nach der Einleitung des Insolvenzverfahrens hielten sich viele Kommunen mit Aufträgen zurück, eine Abwärtsspirale setzte ein. Doch Ziegler reagierte, führte strenge Compliance-Regeln ein und tauschte die Unternehmensführung aus. Auch die Familie zog sich aus der Geschäftsleitung zurück. Die Maßnahmen hatten Erfolg, das Vertrauen der Käufer kehrte zurück. 2013 stieg der Auftragseingang auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Und Ziegler wurde im Insolvenzverfahren zu einem begehrten Übernahmekandidaten.

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Mit rund 150 Interessenten führten Insolvenzverwalter Bruno Kübler und seine Mitarbeiter insgesamt Gespräche über eine Übernahme von Ziegler, darunter Firmen aus Deutschland und Europa, strategischen und Finanzinvestoren. Der chinesische Spezialfahrzeughersteller CIMC, der weltweit 63.000 Mitarbeiter beschäftigt und 2012 einen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro erwirtschaftete, setzte sich schließlich gegen die anderen Bieter durch.

„Der perfekte Partner für Ziegler“

„CIMC ist der perfekte Partner für Ziegler“, begründete Kübler Ende 2013 seine Entscheidung für den neuen Eigentümer aus Fernost. Der Konzern verfüge über langjährige Erfahrungen im Geschäft mit Spezialfahrzeugen – und habe die überzeugendste Lösung und den besten Kaufpreis geboten. Der 1980 gegründete Konzern mit Sitz in der Millionen-Metropole Shenzhen, direkt an der Grenze zu Hongkong, übernahm den Geschäftsbetrieb von Ziegler und alle 12 deutschen und internationalen Tochtergesellschaften – und sicherte außerdem zu, alle knapp 1000 Jobs zu erhalten.

Ziegler ist nur einer von vielen deutschen Mittelständlern, die in den vergangenen Jahren von chinesischen Unternehmen gekauft wurden. Der schwäbische Betonpumpenhersteller Putzmeister gehört genauso dazu wie der Gabelstaplerbauer Kion. Auch Autozulieferer wie Preh, Sellner, Saargummi oder Kiekert sind mittlerweile chinesisch. Und es werden wohl noch mehr werden.

Denn die chinesische Regierung unterstützt die Investoren aus dem eigenen Land und verfolgt ehrgeizige Ziele: In ihrem aktuellen Fünf-Jahres-Plan haben sich Staatschef Xi Jinping und sein Parteikader vorgenommen, die Exportabhängigkeit des Landes zu verringern und durch Auslandsinvestitionen einen Zugang zu wichtigen Märkten und Schlüsseltechnologien zu sichern. „Deutschland wird dabei explizit als wichtigstes Zielland für Investitionen genannt, vor allem im Maschinenbau und in der Automobilindustrie“, betont die Deutsche Handelskammer in Schanghai.

Viele Mittelständler sind misstrauisch

Viele deutsche Mittelständler sind allerdings noch misstrauisch gegenüber Investoren aus China und fürchten einen Technologiediebstahl – oder dass das eigene Know-how abgegraben werden könnte. Rudolf Haas von der renommierten Kanzlei Latham & Watkins, der als Anwalt Käufer und Verkäufer berät, sieht jedoch kaum Grund zur Sorge. „Das mag in Einzelfällen der Fall sein, und man muss natürlich auch sehen, wie sich das langfristig entwickelt. Aber in den Fällen, die wir im Moment beobachten, gibt es dafür eigentlich keine Anzeichen“, sagt er.

Hier habe es in den vergangenen Jahren ein Umdenken bei chinesischen Investoren gegeben. „Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht sonderlich gut funktioniert, die Patente mitzunehmen, die Produktionen hierzulande abzubauen und in China wieder aufzubauen. Man hört das eigentlich praktisch gar nicht mehr als Plan – und es passiert auch nicht schleichend nach Abschluss der Transaktion.“

Selbst die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung kommt in ihrer aktuellen Studie über chinesische Unternehmenskäufer zu einem positiven Urteil. „Unternehmen, die aufgekauft werden, bleiben überwiegend eigenständig“, sagt Studienleiter und Ökonom Oliver Emons. Auch für die Mitarbeiter seien bisher keine negativen Folgen zu beobachten. „Die Belegschaften sind mit chinesischen Eigentümern bis dato besser gefahren als andere Beschäftigte mit Finanzinvestoren, die nur auf kurzfristige Rendite aus sind.“

Was CIMC von anderen Bietern unterscheidet

Bei Ziegler jedenfalls war CIMC nicht nur für den Insolvenzverwalter der ideale Käufer. Der Konzern sei auch der Wunschpartner der Mitarbeiter gewesen, sagt Phillip Thompson, der seit 2011 bei Ziegler den Bereich Marketing & Kommunikation leitet. Andere Käufer hätten sicherlich angefangen, Synergien zu suchen und Stellen abzubauen. CIMC habe das ganz klar und deutlich verneint. „CIMC sieht in Ziegler eine Perle und will aus uns das globale Kompetenzzentrum des Konzerns machen. Und wir haben jetzt eine finanziell sehr starke Mutter, mit der wir wieder durchstarten können.“

Auch im Boommarkt China bieten sich seit der Übernahme ganz andere Wachstumsmöglichkeiten. „China war für uns früher ein sehr schwieriger Markt. Jetzt haben wir dort seit Februar ein eigenes Vertriebsbüro, mit einem lokalen Team. Das macht vieles wesentlich einfacher und besser.“ Die neue Mutter hat in seinen Augen noch einen weiteren Pluspunkt: „CIMC ist sehr stark präsent in internationalen Flughäfen. Das ist ein Gebiet, wo wir noch großes Potenzial haben“, sagt Thompson. „Mit CIMC besteht jetzt die Chance, einer der Weltmarktführer für Feuerwehrautos zu werden. Das wäre letztes Jahr noch utopisch gewesen. Bis jetzt sieht wirklich alles gut aus.“

 

Welche Erfahrungen haben andere Mittelständler mit chinesischen Investoren gemacht? Wie ticken die Firmenkäufer aus der Volksrepublik? Worin liegen die Chancen und die Risiken? Das erfahren Sie ab sofort in unserer neuen wöchentlichen Online-Serie.

Im nächsten Teil (am 10. Juni) lesen Sie das komplette Interview mit dem Rechtsanwalt Rudolf Haas von der Kanzlei Latham & Watkins, der inzwischen die Tücken, aber auch die Vorzüge der Asiaten gut kennt.

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