Unternehmen Strukturwandel bei Meissen: Porzellan allein reicht nicht

Die Porzellanmanufaktur Meissen erweitert ihr Portfolio um Mode und Möbel.

Die Porzellanmanufaktur Meissen erweitert ihr Portfolio um Mode und Möbel.© Meissen

Die Porzellanbranche ist nach 40 Insolvenzen um ein Drittel geschrumpft. Um die Porzellan-Manufaktur Meissen zu erhalten, will Geschäftsführer Christian Kurtzke die alte Marke zum Luxus-Konzern umbauen. Doch so mancher ist von dem großen Rad, das er dreht, irritiert.

„August der Starke hat viel größer gedacht als ich“, sagt Christian Kurtzke, Geschäftsführer der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen. „Ich denke nur größer als die, die in unserer kleinen Manu nur die Schauwerkstatt mit angeschlossenem Museum sehen.“ Doch er hat es nicht leicht dieser Tage.

Um die Marke „Meissen“ gibt es Streit mit dem Rat der Stadt. Und die Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG ist vom Gesellschafter, dem Freistaat Sachsen, beauftragt, das Konzept zu prüfen, mit dem der 45-Jährige die 300-jährige Tradition der „Manu“ und ihre gut 650 Arbeitsplätze sichern, nein, retten will. Kurtzke ist davon überzeugt und davon, dass Porzellan allein nicht reicht.

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Früher das weiße Gold Sachsens, sei das Porzellan entwertet worden. Vor allem junge Leute assoziierten damit nur noch „Oma, langweilig, verstaubt, interessiert mich nicht“. „Heute ist es Commodity – ein Allgemeingut. Es gibt eben nur noch Porzellan: Ob sie beim Discounter für 14,95 ein 100-teiliges Set kaufen oder wertvolles Meissen, es heißt in beiden Fällen „Porzellan“.“ Was das bedeutet, sehen man im Umfeld: „Über 40 Insolvenzen in den vergangenen Jahren, die Branche auf ein Drittel geschrumpft.“

Große Einbußen seit den 1990er Jahren

Der Hauptgeschäftsführer der Verbandes der Keramischen Industrie, Christoph René Holler, spricht von einem tiefen Strukturwandel, der sich im Bereich Geschirr bereits seit den 1990er Jahren mit schweren Einbußen vollzogen habe. Seit dem vergangenen Jahr gebe es aber positive Zeichen. „Wir hoffen, dass die Talsohle durchschritten ist.“

Als der gebürtige Westberliner Kurtzke 2008 den Vorsitz der Geschäftsführung übernahm, habe die Manufaktur auf der Kippe gestanden. „Am Anfang habe ich ein Unternehmen vorgefunden, das in einer extrem schwierigen Lage war, das quasi eine Notarztbehandlung brauchte bis hin zu Massenentlassungen.“ 180 Leute habe er 2010 auf die Straße setzen müssen.

Vom Tafelanbieter zu Luxus und Lifestyle

Damit die übrigen bleiben können, geht Kurtzke neue Wege. „Ich musste die Marke erst einmal repositionieren: aus einer Porzellanmanufaktur, die meinte, sie sei im wesentlichen Tisch- und Tafelanbieter und vergleichbar mit allen anderen, eine Luxus- und Lifestyle-Marke machen, die auf ihre Einzigartigkeit baut.“

Dazu schuf er neue „Produktwelten“. Heute prangen die gekreuzten kursächsischen Schwerter auch auf Kleidern, Möbeln, Uhren, Schmuck und Wohnaccessoires. Das Porzellan scheint in den Hintergrund gerückt. Über die neuen Produkte will Kurtzke es mitnehmen in die neue Luxuswelt. Und die präsentiert sich nicht in Meißen, sondern zum Beispiel in der „Villa Meissen“ in Mailand unter der neuen Dachmarke Meissen Couture.

Die Porzellanmanufaktur Meissen erweitert ihr Portfolio. © Meissen

Die Porzellanmanufaktur Meissen entwirft auch Möbelkollektionen. © Meissen

Weg von den Haushaltswaren in der vierten Kaufhausetage

Bei der Positionierung der Verkaufsflächen in den großen Kaufhäusern soll der Name helfen. „Wenn ich als Meissen Couture mit meinen verschiedenen Produktwelten auftrete, komme ich ins Erdgeschoss zu den Luxusmarken. Porzellan alleine jedoch ist gleich Haushaltswaren: vierte, fünfte Etage oder noch höher, wie in Japan.“ Kaum ein Laufkunde verirre sich dorthin. Im Erdgeschoss spielt die Musik.

Kurtzke sieht sich als Geschäftsführer und Kreativchef in einem. Vom großen Katalog der neuen Produktwelten, den er stolz „Stil-Bibel“ nennt, über das telefonbuchstarke Coaching-Handbuch für Mitarbeiter von Franchise-Partnern bis zum Dekor – um alles scheint er sich selbst zu kümmern. „Ich bin „nur“ Geschäftsführer. Doch ich sehe mich in der Verantwortung eines Neugründers eines quasi 300-jährigen Start-Ups.“

Freistaat Sachsen investiert 17,1 Millionen Euro

So mancher allerdings ist von dem großen Rad, das er dreht, irritiert. Geht es doch auch um Steuergelder. Laut Finanzministerium hat der Freistaat Sachsen – Gesellschafter der Manufaktur – bereits 17,1 Millionen Euro in den Wachstumskurs gesteckt, erst kürzlich 2,3 Millionen. Damit das nicht ewig so bleibt, sollen externe Prüfer die Plausibilität des Kurses checken. Alle weiteren Finanzierungen hingen vom Ergebnis ab, heißt es im Ministerium.

Aus dem Stadtrat in Meißen droht weiteres Ungemach. Sollte die Manufaktur nicht auch anderen Firmen der Stadt das Recht gewähren, die Ortsbezeichnung Meißen in allen Schreibweisen in ihrem Namen zu führen, droht er mit einem Antrag auf Löschung aller zu ihren Gunsten eingetragenen Marken. Das Ultimatum läuft Ende des Monats aus.

Kurtzke sieht Meissen dennoch auf einem guten Weg, allerdings ohne das mit Zahlen zu belegen. Die letzte veröffentlichte Bilanz ist von 2012 und weist einen Fehlbetrag von 1,17 Millionen Euro bei einem Umsatz von knapp 39,3 Millionen Euro aus. Wegen der laufenden Prüfung könne er keine aktuelleren Daten vorlegen. Es sei aber zwischenzeitlich nicht schlechter geworden – aber: natürlich koste der Umbau erst mal Geld.

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