Unternehmen Stunde der Wahrheit für Thomas Middelhoff

Das Essener Landgericht verkündet am Freitag das Urteil im Untreue-Prozesse gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Es geht um Privatjets, Helikopterflüge und teure Festschriften. Die Staatsanwaltschaft fordert mehr als drei Jahre Haft. Die Verteidigung will einen Freispruch.

Freiheitsstrafe, Geldstrafe oder Freispruch: Im Untreue-Prozess vor dem Essener Landgericht schlägt am Freitag für den früheren Top-Manager Thomas Middelhoff die Stunde der Wahrheit. Nach mehr als sechs Monaten Verhandlungsdauer wird der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt in einem der aufsehenerregendsten Wirtschaftsprozesse der vergangenen Jahre das Urteil verkünden.

Für den früheren Chef des inzwischen pleitegegangenen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor geht es um viel. Noch residiert er in seiner Villa im französischen Nobelort Saint Tropez. Doch Oberstaatsanwalt Helmut Fuhrmann von der Bochume Schwerpunktstaatsanwaltschaft für die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität hat für den 61-Jährigen wegen Untreue in 44 Fällen eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten gefordert. Das würde für den Manager bedeuten, dass er tatsächlich ins Gefängnis müsste. Denn eine so lange Haftstrafe kann nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. Middelhoffs Anwälte plädieren dagegen auf Freispruch.

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Flüge mit Charterjets nach New York

Nach der Einschätzung der Anklagebehörde hat der Manager den krisengeschüttelten Arcandor-Konzern in den Jahren zwischen 2005 und 2009 zu Unrecht mit ganz oder teilweise privat veranlassten Kosten in Höhe von mehr als 800.000 Euro belastet. Es geht um teuere Flüge mit Charterjets nach London und New York, aber auch um Hubschrauberflüge zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Arcandor-Zentrale in Essen, mit denen Middelhoff auf dem Weg zur Arbeit dem Stau am Kamener Kreuz entgehen wollte. Und es geht um eine 180.000 Euro
teuere Festschrift zu Ehren des früheren Bertelsmann-Chefs Mark Wössner, die von Arcandor bezahlt wurde, von der Anklagebehörde aber als persönliches Geschenk des Managers an seinen früheren Mentor gewertet wird.

Middelhoff selber bestreitet die Vorwürfe allerdings entschieden. In seinem Schlusswort sagte er: „Ich kann mir ein Fehlverhalten nicht vorwerfen.“ Er sei zu Karstadt gekommen, „um das Unternehmen zu retten, um Arbeitsplätze zu retten“. Das insgesamt fünfjährige Verfahren sei für ihn ein Alptraum. „Ich fühle mich in meiner Würde und Ehre verletzt.“

Der Anwalt des Managers, Winfried Holtermüller, betonte, die Flüge im Privatjet seien für den Manager angesichts der existenzbedrohenden Dauerkrise unabdingbar gewesen und fordern eine Freispruch. „Middelhoff konnte gar nicht anders, als rund um die Uhr zu arbeiten und verfügbar zu sein“, sagte Holtermüller. Das wäre bei der Nutzung von Linienfliegern nicht möglich gewesen. Die Finanzierung der umstrittenen Festschrift habe der Imagepflege des Konzerns gedient.

Aktionärsschützer: keine große Aussenwirkung erwartet

Egal wie das Urteil ausfällt: Große Auswirkungen auf das Verhalten der aktuellen Managergeneration erwarten Aktionärsschützer von der Entscheidung nicht. Der Hauptgeschäftsführers der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, meint mit Blick auf die Anklagevorwürfe: „Das ist die alte Welt. Das gibt es heute nicht mehr.“ Der Zeitgeist habe sich schon länger gedreht. Viel stärker als in der Vergangenheit werde inzwischen auch im Top-Management darauf geachtet, jeden Anschein einer Verquickung von Privatem und Dienstlichem zu vermeiden.

Auf jeden Fall gab der Prozess der Öffentlichkeit ungewöhnliche Einblicke in das Leben eines Topmanagers, für den die Nutzung eines teueren Charterjets so selbstverständlich war, wie für „Normalbürger“ der Ticketkauf beim Billigflieger. Der ausgerechnet im luxuriösen Saint Tropez mit seinen Vorstandskollegen über den Abbau von weiteren 4000 Stellen bei dem Krisenkonzern beriet. Von dem aber auch seine Frau Cornelie Middelhoff sagte: „Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“

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