Unternehmen Trotz WM: Brasiliens Wirtschaft schwächelt

In Brasilien ging die Industrieproduktion deutlich zurück, der viertgrößte Automarkt der Welt stottert und die Wachstumsprognosen werden ständig nach unten korrigiert.

In Brasilien ging die Industrieproduktion deutlich zurück, der viertgrößte Automarkt der Welt stottert und die Wachstumsprognosen werden ständig nach unten korrigiert.© brasilplural - Fotolia.com

Während in Brasilien der Wahlkampf tobt, dümpelt die Wirtschaft des Landes lustlos vor sich hin. Die Wachstumsprognosen werden ein ums andere Mal nach unten korrigiert. Von Aufbruchstimmung keine Spur.

Brasilien hat in diesem Jahr nicht nur auf dem Fußballplatz viel von seinem Glanz eingebüßt. Auch sein Ruf als „Boom-Land“ bekommt im WM- und Wahljahr weitere Kratzer. Die Industrieproduktion ging deutlich zurück, der viertgrößte Automarkt der Welt stottert mit heftigen Aussetzern und die Analysten senkten gleich elfmal in Folge ihre Wachstumsprognosen. 2014 dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wohl nur mit Glück die 1,0-Prozent-Marke reißen, auch wenn die Regierung das noch anders sieht.

Die hochgelobte Fußball-WM machte der heimischen Industrie durch die verordneten Sonderfeiertage bei den Seleção-Spielen und den damit verbundenen Arbeitsausfällen ein zweifelhaftes Geschenk. Allein im WM-Monat Juni sank die Industrieproduktion um 6,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das war ein Negativ-Rekord seit September 2009 (-7,4 Prozent). Im ersten Halbjahr schrumpfte die Industrieproduktion im Vorjahresvergleich um 2,6 Prozent, wie die amtliche Statistikbehörde IGBE mitteilte – der derzeit die undankbare Rolle zufällt, fast im Wochentakt schlechte Eckdaten zu vermelden.

Anzeige

Auch der Fahrzeugherstellerverband Anfavea hat dem wenig Erfreuliches entgegenzusetzen. In den ersten sieben Monaten wurden 1,82 Millionen Autos, Lkws und Busse produziert und damit 17,4 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum 2013. Auch wenn Afavea im zweiten Halbjahr auf Besserung hofft, die Stimmung ist derzeit mehr als gedrückt. Deshalb rechnen die Marktanalysten in der wöchentlichen Zentralbank-Umfrage „Boletim Focus“ nur mit 0,81 Prozent BIP-Anstieg in diesem Jahr. Gestartet waren die Experten Anfang des Jahres noch mit optimistischen 1,95 Prozent.

Mangel an Wachstumsquellen in Brasilien

„Nicht heute … nicht morgen“, überschrieben Commerzbank-Experten ihre Brasilien-Analyse vor zwei Wochen. „Unsere Wachstums- Einschätzungen zeigen, dass Brasilien sich glücklich schätzen könnte, wenn das Wachstum 2014 die Ein-Prozent-Marke überschreitet und es 2015 ein Wachstum über 1,6 Prozent gäbe“, so die Analysten, die ein schnelles Comeback bei Industrie-Produktion, Privat-Konsum und Investitionen bezweifeln. „Der Mangel an Wachstumsquellen in Brasilien bestätigt unsere Sicht, dass die strukturelle Art der Abwärtsbewegung wahrscheinlich vorherrschend bleibt, solange es keine Änderung im Wirtschaftspolitik-Mix gibt und Reformen ausbleiben.“

Doch an Reformen ist im Wahljahr eher nicht zu denken. Am 5. Oktober sind Präsidentschaftswahlen, deren Ablauf durch den Tod des Oppositionskandidaten Eduardo Campos bei einem Flugzeugunglück in der vergangenen Woche eine tragische Wende nahm. Wie Amtsinhaberin Dilma Rousseff hatte auch Campos die Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit als einen Schwerpunkt seiner Kampagne gesetzt.

Wahlkampf: Präsidentin Dilma Rousseff und Gegenkandidat Aécio Neves

Rousseffs derzeit aussichtsreichster Gegenkandidat Aécio Neves sieht Brasilien in der „größten Deindustrialisierungs-Krise seiner Geschichte“. Und er nennt gleich die Schuldigen: „Die Regierung hat die Fähigkeit verloren, den richtigen Weg für den Aufschwung zu zeigen. Die Regierung schafft kein Vertrauen und ohne Vertrauen gibt es keine Investitionen.“

Das sieht Präsidentin Rousseff naturgemäß ganz anders. Sie verweist auf die Erfolge ihrer Regierung bei der Armutsbekämpfung und sieht auch die Inflation unter Kontrolle. Doch trotz rückläufiger Tendenz liegt die Teuerungsrate im Zwölf-Monats-Zeitraum bei 6,5 Prozent und damit exakt auf offiziell vorgegebenen Obergrenze.

Die trüben Aussichten dürften auch bei den deutschen Autobauern BMW, Mercedes-Benz und Audi für Ernüchterung sorgen. Sie investieren hohe Millionen-Beträge, um in Brasilien die Pkw- Produktion aufzunehmen oder wieder neu aufzulegen. Brasiliens BMW-Chef Arturo Piñero sieht jedenfalls eine Durststrecke bis 2016. „Wir haben zweieinhalb Jahre vor uns, die sehr schwierig werden“, zitierte die Zeitschrift „Época“ den Manager vorige Woche. „Wir müssen vorbereitet sein, diesem Szenario der Unsicherheit und der wirtschaftlichen Apathie zu begegnen.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.