Familienunternehmer des Jahres 2016 „Wer die Digitalisierung nicht ernst nimmt, bringt sich in Existenzgefahr“

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Martin Viessmann (links), Familienunternehmer des Jahres, und sein Sohn Maximilian in der Firmenzentrale im hessischen Allendorf.

Martin Viessmann (links), Familienunternehmer des Jahres, und sein Sohn Maximilian in der Firmenzentrale im hessischen Allendorf.© Heiko Meyer / impulse

Martin Viessmann ist Familienunternehmer des Jahres 2016, sein Sohn Maximilian steuert die Digitalisierung des 99 Jahre alten Heizungsherstellers. Im Interview erzählen die beiden, wie sie das Unternehmen neu aufstellen.

Viessmann ist vor allem für seine Heizkessel und das Wintersport-Sponsoring bekannt. Doch der Mittelständler gehört auch bei Kühl- und Energiesystemen zu den Technologieführern. Fast 12.000 Mitarbeiter weltweit erwirtschaften einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro, deutlich mehr als die Hälfte davon im Ausland. Die Fabrik am Stammsitz im hessischen Allendorf gehört zu den effizientesten in Deutschland. Auch dafür wurde Martin Viessmann am Dienstag von der Intes Akademie für Familienunternehmen und impulse als „Familienunternehmer des Jahres 2016“ ausgezeichnet. Aktuell treibt Viessmann die eigene Digitalisierung voran: Von München aus beteiligt sich das Familienunternehmen mit einem Risikokapitalfonds an Start-ups und gründete mit BMW das Jointventure Digital Energy Solutions, das kleine und mittelständische Unternehmen dabei unterstützt, ihren Energieverbrauch zu analysieren und so zu sparen. Im Interview mit impulse sprechen Martin Viessmann und sein Sohn Maximilian über den Wettkampf um Plattformen, Software und Daten und ihre Vater-Sohn-Reise ins Silicon Valley.


impulse: Herr Viessmann, wann wurde Ihnen klar, dass die Digitalisierung auch Ihre Branche mit Wucht erfasst?

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Martin Viessmann: Spätestens als Google vor zwei Jahren das Start-up Nest gekauft hat. Das betrifft unser Kerngeschäft unmittelbar. Wenn der führende Internetkonzern sich für einen kleinen Entwickler von Thermostaten interessiert, ist klar, wohin die Reise geht.

Wohin geht sie?

Martin Viessmann: Es ist so ähnlich wie bei der Autoindustrie: Wollen wir nicht als verlängerte Werkbank amerikanischer Technologie-Giganten enden, müssen wir selbst mitspielen im Wettkampf um Plattformen, Software und Daten. Das Internet der Dinge wird auch unsere Branche grundlegend verändern.

Was heißt das konkret?

Martin Viessmann: Ein Beispiel: Häuser und Wohnung entwickeln sich zu Smart Homes, also viele Geräte sind künftig vernetzt.  Für uns bedeutet das, unsere Wärmeerzeuger mit Konnektivität auszustatten. So können Sie Ihre Heizung zum Beispiel von unterwegs per Smartphone steuern. Das ist aber nur ein kleiner Teil. Wir stellen gerade unser gesamtes Unternehmen auf die Digitalisierung ein. Ich bin sehr froh, dass mein Sohn dabei eine wichtige Funktion übernommen hat.

Was ist die Rolle eines Chief Digital Officer?

Maximilian Viessmann: Im besten Falle macht er sich mit der Zeit überflüssig, weil alle Teile des Unternehmens digital denken und handeln. Aktuell ist es eine Querschnittsfunktion: Mein Team und ich schauen, wie das Kerngeschäft durch digitale Elemente verbessert werden kann. Traditionell sind wir heute noch sehr produktfixiert: Wir verkaufen Geräte. Künftig können wir darum herum auch digitale Dienstleistungen anbieten. Unser Fokus ist, Mehrwert für die Kunden zu stiften. Die digitalen Elemente in der Kundenerfahrung geben uns hier die Möglichkeit, Skalierung zu erreichen. Das ist ein Investment in die Zukunft. Als langfristig orientiertes Familienunternehmen können wir hier einen anderen Weg gehen als börsennotierte Unternehmen.

Maximilian Viessmann, 27, steuert die digitale Transformation des Familienunternehmens.

Maximilian Viessmann, 27, steuert die digitale Transformation des Familienunternehmens.© Heiko Meyer / impulse

 

Kommt es da zum Konflikt zwischen unterschiedlichen Unternehmenskulturen? Viessmann ist berühmt dafür, nach Perfektion zu streben. In der digitalen Welt ist Tempo wichtiger.

Maximilian Viessmann: Einen Konflikt sehe ich gar nicht. Unser Unternehmen ist sehr stark auf seine heutigen Kernkompetenzen fokussiert, das stimmt. Es geht jetzt darum, diese um digitale Komponenten zu erweitern. Dafür müssen wir auch die Organisation der Strategie entsprechend umstellen und die Mitarbeiter mitnehmen. Wir schauen uns an, welche Produkte wir haben, welche Vertriebskanäle und so weiter und wo wir am ehesten digitale Möglichkeiten sehen.

Martin Viessmann: Wir sind schon perfektionistisch, aber ich denke, im Zuge der Digitalisierung müssen wir uns neu justieren. Manchmal ist es besser, mit einer Idee schnell zu scheitern, als jahrelang daran zu basteln und dann zu merken, dass der Markt sie nicht annimmt.

Thermondo wirbelt gerade die Heizungsbranche durcheinander. Das Berliner Start-up bietet eine softwaregestützte Online-Beratung für Hauseigentümer an, eigene Techniker installieren die neue Heizung dann schneller, als manch ein traditioneller Meisterbetrieb ein Angebot erstellt hat. Wollen Sie mit Ihrem Portal Heizungsprofi.de dagegenhalten?

Martin Viessmann: Thermondo ist ein Kunde von uns. Mit heizung.de verfolgen wir einen anderen Ansatz: Wir bieten einen breiten Informationszugang zum Thema Heizung und vermitteln die Interessenten dann an Handwerksbetriebe vor Ort weiter. So wollen wir unsere traditionellen Partner im Handwerk stärken, die teils noch Aufholbedarf bei der Digitalisierung haben. Wir helfen ihnen auch mit Kursen in unserer Akademie, wo sie lernen können, wie ihr Betrieb bei Google gefunden wird oder wie eine Webseite aussehen sollte.

Sie haben gemeinsam eine Vater-Sohn-Reise ins Silicon Valley unternommen. Was haben Sie dort gelernt?

Martin Viessmann: Was mich beeindruckt hat, ist dieses völlig andere Arbeitsumfeld. Wenn Sie hier durch das Unternehmen gehen, dann ist alles doch recht straff organisiert. Dort habe ich erkannt: Innovationen brauchen im wahrsten Sinne des Wortes Raum, also ein Umfeld, das Kreativität möglich macht. Da müssen wir natürlich dann auch die räumlichen Voraussetzungen schaffen, so dass sich Teams auch in informeller Atmosphäre zusammensetzen können. Und die Mitarbeiter sollen freier werden, wann und wo sie arbeiten – Stichwort Vertrauenskultur.

Sie haben auch die milliardenschwere Plattform Airbnb besucht, die weltweit Zimmer vermittelt.

Martin Viessmann: Durch die Digitalisierung muss man damit rechnen, dass junge Unternehmen, die man heute gar nicht auf dem Schirm hat, morgen das eigene Geschäftsmodell angreifen. Airbnb besitzt kein einziges Bett selbst, erschüttert aber die Hotelbranche. Wir setzen bislang stark auf unsere Produkte, die immer im Zentrum unseres Handelns standen. Das allein wird in der Zukunft nicht mehr ausreichen. Wir entwickeln deshalb Geschäftsmodelle, die sich über den gesamten Lebenszyklus der Produkte erstrecken.

Was überwiegt für Sie: Die Bedrohung oder die Chancen durch die Digitalisierung?

Martin Viessmann: Wir halten es immer so, dass wir in einer Herausforderung zwar auch das Risiko, aber primär die Chancen sehen. So ist es auch hier. Wer die Digitalisierung nicht ernst nimmt, bringt sich selbst in Existenzgefahr.


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