Auto Volkswagen ringt mit Chinas wildem Westen

Das neue Werk von Volkswagen in der Uiguren-Region Xinjiang.

Das neue Werk von Volkswagen in der Uiguren-Region Xinjiang.© dpa

Volkswagen wagt sich als erster Autobauer weit in Chinas unterentwickelten Westen. Mit einer neuen Fabrik in der Uiguren-Region Xinjiang geraten die Wolfsburger mitten in einen ethnischen Konfliktherd. Doch das Abenteuer könnte sich auszahlen.

Die grauen Fabrikhallen erheben sich in der kargen Staublandschaft. „Shanghai Volkswagen (Xinjiang)“ steht in arabischen, chinesischen und lateinischen Schriftzeichen an einer Betonmauer am Eingang zum neuen Werk des Autobauers. Als erster Autobauer traut sich Volkswagen mit dem Werk in das wenig entwickelte Xinjiang.

Die Fabrik am Stadtrand von Ürümqi liegt rund 3000 Kilometer westlich von Chinas Hauptstadt Peking. Die Grenzregion zu Kasachstan, Kirgistan, Pakistan und Afghanistan gilt als eines der unterentwickeltsten Gebiete Chinas. Die Regierung macht keinen Hehl daraus, dass offizielle Stellen VW den Gang in die Unruheregion nahegelegt haben. „Wir brauchen internationale Firmen wie Volkswagen in Xinjiang“, sagt der Vize-Gouverneur von Xinjiang, Huang Wei.

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Volkswagen wollte alles richtig machen: Sowohl den Forderungen der Regierung nachkommen, auch im wenig entwickelten Westchina zu investieren. Und gleichzeitig wollten die Wolfsburger auch die Minderheiten in der Region unterstützen. Es gebe die klare Strategie, Minderheiten „entsprechend der Anteile in der Bevölkerung auch bei uns zu beschäftigen“, hatte VW-China-Chef Jochem Heizmann wenige Wochen vor der Werkeröffnung angekündigt.

Heikles Unterfangen im Unruhegebiet

Aber damit hat sich Volkswagen ein besonders heikles Thema vorgenommen. Das von der muslimischen Bevölkerungsgruppe der Uiguren bewohnte Xinjiang gilt seit langem als Unruhegebiet. Die Vorbehalte zwischen Han-Chinesen und Uiguren sitzen tief – immer wieder gibt es Tote bei Ausschreitungen.

Volkswagen will sich bei der Zusammensetzung der Belegschaft an dem mehrheitlich von Han-Chinesen bewohnten Ürümqi und Umgebung orientieren. Nach einer Hochlaufphase soll es insgesamt 500 Mitarbeiter in dem Werk geben. VW zielt auf 25 Prozent Beschäftigte von ethnischen Minderheiten – in ganz Xinjiang machen die Minderheiten rund 60 Prozent der Bevölkerung aus. „Wir haben derzeit diesen Prozentsatz noch nicht erreicht“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Etwa ein Drittel der Auszubildenden stamme von Minderheiten.

Aber trotz aller Probleme könnte sich das Werk in Xinjiang für Volkswagen noch auszahlen. Jedes Jahr werden alleine in Ürümqi laut Angaben der Regierung 100 000 Neuwagen zugelassen. Das ist das Doppelte der geplanten Kapazität des VW-Werkes.

Warum sich das Werk trotzdem auszahlen kann

Das alles passt zum langfristigen Plan von Volkswagen in China. Schon heute macht der Zwölf-Marken-Konzern rund ein Drittel seines Absatzes in dem asiatischen Riesenreich. Bei der zentralen Kernmarke VW-Pkw ist es sogar fast die Hälfte. In Metropolen wie Shanghai prägt das VW-Logo das Stadtbild, etwa auf den Taxiflotten. Und der inzwischen zweitgrößte Autobauer der Welt lässt keinen Zweifel daran, dass der Weg vorbei am US-Branchenprimus General Motors auch über China führt.

Experten pflichten den glänzenden Wachstumsperspektiven bei. Deutschlands Autoindustrie insgesamt erkauft sich aber ihren Erfolg mit steigender Abhängigkeit vom Markt in China – allen voran VW. Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfer und -berater von Ernst & Young (EY) hat sich in den vergangenen fünf Jahren der Absatz von deutschen Herstellern in China mit nunmehr 3,7 Millionen Fahrzeugen mehr als verdreifacht. Chinas Anteil am Gesamtabsatz der deutschen Autobauer stieg damit von 12 auf 28 Prozent.

Und so setzen die Wolfsburger weiter ganz auf diese Erfolgskarte. Während der VW-Konzern seinen Betriebsgewinn in der Volksrepublik 2013 um 17 Prozent weiter hochschraubte, stagnierten die Erträge im Rest der Welt.

Wechselseitige Abhängigkeit

Für Volkswagen und China ist es längst eine wechselseitige Abhängigkeit. Gerade weil sich die Regierung für das Werk in Xinjiang eingesetzt hat, haben die Politiker auch ein Interesse am Erfolg des westlichen Autoriesen. „Das wird ein großartiges Vorbild für andere Firmen“, sagt Vize-Gouverneur Huang. Und auch die Wolfsburger verbreiten Optimismus: „In 10 Jahren wird niemand mehr die Frage stellen, warum wir uns für diesen Standort entschieden haben.“ Spätestens im Jahr 2018 will VW weltgrößter Autobauer sein.

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