Unternehmen Wächst bei Lufthansa die nächste Spartengewerkschaft heran?

Eine Maschine der Lufthansa

Eine Maschine der Lufthansa© Lufthansa

Bei der Lufthansa sind so viele Gewerkschaften aktiv wie sonst nirgendwo. Bei den Betriebsratswahlen hat nun eine neue Gruppe beachtliche Erfolge erzielt. Ihr Ziel: schnelle Tarifabschlüsse.

Bei den Betriebsratswahlen der Lufthansa hat eine neue Gruppierung beachtliche Erfolge erzielt. In den Betriebsräten von vier Teileinheiten mit rund 10.000 Beschäftigten stellt die noch junge Arbeitnehmergewerkschaft im Luftverkehr (Agil) bereits die jeweils stärkste Fraktion. Erklärtes Ziel der erst Ende 2012 gegründeten Gruppierung um Lufthansa-Aufsichtsrat Andreas Strache ist es, möglichst schnell Tarifverträge abzuschließen. Doch der Weg dahin ist selbst bei der tariflich zerklüfteten Lufthansa, die bislang schon Verträge mit der Vereinigung Cockpit, der Kabinengewerkschaft Ufo und Verdi abschließt, noch weit.

Man wolle keinesfalls als Spartengewerkschaft agieren, versichert Agil-Sprecher Wilfried Schmitz. Die Neulinge versuchen aber, in allen Bereichen des Luftverkehrs Mitglieder zu gewinnen, unter anderem bei den privaten Sicherheitsdiensten am Flughafen. Besonders weit gekommen sind sie bei der Lufthansa bislang bei den Bodendiensten in Frankfurt und München, bei der Flugtochter Cityline und im zweitgrößten Betrieb der Catering-Gesellschaft LSG in Frankfurt.

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Die Gewerkschaft Verdi verliert angesichts der erfolgreichen innerbetrieblichen Konkurrenz bei den übrigen Beschäftigtengruppen dagegen weiter an Bindungskraft. „Wir haben wie andere auch Stimmen verloren, bleiben aber stärkste Kraft im Konzern“, sagt Christine Behle, Vorstandsmitglied bei Verdi und stellvertretende Chefin des Lufthansa-Aufsichtsrats. Nach den Piloten und den Stewardessen gehen nun viele Beschäftigte der Boden-Abteilungen von der Fahne. Ihre stärksten Kräfte hat Verdi noch bei Lufthansa Technik: Aus Hamburg kam bislang auch der Konzernbetriebsratsvorsitzende Eckhard Lieb. Auch bei der im Juni anstehenden Konstituierung der Arbeitnehmervertretung auf Konzernebene erhebt Verdi wieder den Anspruch auf den Spitzenposten.

Noch eine streikfreudige Gewerkschaft?

Bei schmerzhaften Entscheidungen wie jüngst zur Zukunft der Catering-Tochter LSG wird Verdi gelegentlich mitverantwortlich gemacht für Lohnabbau und schlechtere Arbeitsbedingungen, klagt Behle. Man habe die Arbeitnehmer befragt und sich letztlich dafür entschieden, die Arbeitsplätze im Konzern und in Deutschland zu halten. „Wir haben Schlimmeres verhindert“, sagt die Verdi-Frontfrau. Hätte Verdi nicht eingelenkt, wären die Großküchen ins Ausland verlagert worden, heißt es bestätigend bei der Lufthansa.

Das immer wieder von Streiks gebeutelte Unternehmen will die Entwicklung der Agil vorerst nicht kommentieren. Klar ist, dass der neue Chef Carsten Spohr eine weitere streikfreudige Gewerkschaft im Haus so gut gebrauchen könnte wie eine mehrmonatige Aschewolke. Lufthansa schweigt daher bislang eisern zu möglichen Tarifabschlüssen mit Agil. Das hätten schon viele vergeblich versucht, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Denn eine Gewerkschaft wird erst in dem Moment tariffähig, in dem es ihr tatsächlich gelingt, einen Tarifvertrag abzuschließen. Das werde ohne Streiks kaum klappen, ist sich Agil-Sprecher Schmitz ziemlich sicher und verweist auf die bereits vierstellige Mitgliederzahl.

Um die neue Gruppe hoffähig zu machen, müsste der Konzern schon eine ganze Menge selbst beitragen – wie vormals bei der Vereinigung Cockpit und der Kabinengewerkschaft Ufo. Diese beiden in ihren jeweiligen Gebieten inzwischen fest etablierten Gruppierungen trotzten der Lufthansa vor Jahren erste Verträge ab und liefern sich seitdem regelmäßig zähe Tarifgefechte mit der Kranich-Linie.

Sparkurs bei der Lufthansa sorgt für Konfliktpotenzial

Ufo unterstützt die Kollegen der Agil nach Kräften. Gerade wird in Mörfelden-Walldorf am Frankfurter Flughafen der Gewerkschaftssitz aufgebaut und eine erste hauptamtliche Kraft eingestellt.

Der drastische Sparkurs der Lufthansa bringt laufend neues Konfliktpotenzial, das neuen Gruppen weiteren Zulauf bescheren könnte. Aktuell will Lufthansa die Mannschaften ihrer kleineren Stationen abseits der Drehkreuze München und Frankfurt in den Wettbewerb mit privaten Dienstleistern schicken. Die Privaten fertigen einen Passagier für etwa 2 Euro ab, während bei Lufthansa bislang Kosten von rund 5 Euro entstehen. Verdi fürchtet, dass aus der nun verkündeten rechtlichen Ausgründung der Teilgesellschaften schnell ein massiver Abbau der rund 1300 Jobs wird.

Ihre Wahlerfolge erzielte Agil unter anderem bei der von der Schließung bedrohten Buchhaltungs-Serviceeinheit in Norderstedt und bei der Cityline, die nach dem Willen der Pilotengewerkschaft VC einen Großteil ihrer Maschinen an Piloten des Mutterkonzerns abgeben soll. Weil den Cityline-Piloten in diesem Fall die Arbeitslosigkeit droht, ist Agil schon hilfreich mit einer Tarifkommission zur Stelle.

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