Mittelstand Warum kleine Betriebe im Osten bedroht sind

Wenn Mitarbeiter und Kunden fehlen, stehen viele kleine Betriebe auf dem Land vor der Geschäftsaufgabe. Vor allem die neuen Bundesländer sind von dieser Entwicklung betroffen.

Wenn Mitarbeiter und Kunden fehlen, stehen viele kleine Betriebe auf dem Land vor der Geschäftsaufgabe. Vor allem die neuen Bundesländer sind von dieser Entwicklung betroffen.© Zerbor - Fotolia.com

Die Existenz von kleinen Betrieben in Ostdeutschland ist in Gefahr. Worin die Gründe liegen und welche Chancen es trotzdem gibt, erklärt Wirtschaftsforscher Reint E. Gropp im Interview.

Ostdeutschland drohen nach Meinung des Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Reint E. Gropp, in Zukunft Betriebsschließungen wegen Fachkräftemangels. Die Probleme durch den Bevölkerungsschwund und den steigenden Anteil älterer Menschen könnten durch Zuwanderung zumindest abgefedert werden. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts ist im Jahr 2030 jeder dritte Ostdeutsche 65 Jahre und älter.

Herr Gropp, gerät der Osten Deutschlands in eine Demografiefalle?

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Reint E. Gropp: Auf jeden Fall sind die demografischen Effekte  in Ostdeutschland viel drastischer als in Westdeutschland und auf dem Land viel gravierender als in der Stadt. Ich glaube, dass das die größte Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein wird. Die Wirtschaft leidet schon jetzt unter dem Fachkräfte- und Azubi-Mangel. In einigen ländlichen Gebieten mit starkem Bevölkerungsschwund entstehen kaum neue, produktive Unternehmen. Es wird eine Ausdünnung bei kleinen Betrieben geben, auch weil Unternehmensnachfolger fehlen. Das könnte die Land-Stadt-Wanderung noch verstärken.

Wie sollte Ihrer Meinung nach auf diese Entwicklungen reagiert werden?

Ich glaube, die Politik muss irgendwann den Mut haben und sagen, dass die Infrastruktur in dünn besiedelten Gebieten nicht auf Dauer auf dem bisherigen Niveau gehalten werden kann. Es ist unheimlich teuer, Abwasserleitungen oder schnelles Internet für ganz wenige Menschen bereitzustellen. Ich weiß, dass so ein Eingeständnis schwer fällt, weil wir bisher den Anspruch auf überall gleiche Lebensbedingungen haben.

Also weg vom Land?

Ich befürchte mittelfristig schon. Man muss sich auf die Städte konzentrieren, gerade in Ostdeutschland. Sie müssen attraktiver werden für die Zielgruppe der gut ausgebildeten, möglichst kinderreichen jungen Familien. Wahrscheinlich können die nur aus dem Ausland kommen, weil es ja auch im Westen Fachkräftemangel gibt. Es verlangt von Politikern schon großen Mut, Politik für eine Gruppe zu machen, die noch gar nicht da ist und daher auch keine Stimme bei Wahlen hat.

Ausreichend Zuwanderung könnte also die Unternehmen in Ostdeutschland retten?

Einwanderung kann den Prozess verlangsamen und abfedern, aber die Probleme nicht vollständig lösen. Man muss dabei die Asylproblematik vollständig von der Einwanderung trennen. Es geht darum, für junge Fachleute, für High Potentials, attraktiver zu werden. Dabei muss eine Kultur geschaffen werden, die Zuwanderung zuträglich ist. Pegida sorgt für das Gegenteil. Die Verwirrung um Asylsuchende und Immigrationswillige behindert die Debatte entscheidend. Bei den einen geht es um den berechtigten Schutz vor Verfolgung in ihren Heimatländern, bei den anderen um Menschen, die sich hier dauerhaft eine Zukunft aufbauen könnten, weil sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Ein Zuwanderungsgesetz könnte da schon helfen, auch wenn es eigentlich zu spät kommt.

Aber warum sollten Migranten nach Rostock, Halle oder Erfurt gehen und nicht in die Großstädte im Westen?

Es gibt ja durchaus einige Bedingungen, die beispielsweise in Halle besser sind als in Frankfurt am Main: Man findet besser eine schöne, bezahlbare Wohnung, die Kinderbetreuungsangebote sind deutlich besser, es gibt mehr Ganztagsschulen und die Qualität der Schulen ist in einigen Fächern höher als im Westen. Das macht die ostdeutschen Städte attraktiv für gut ausgebildete Paare, von denen beide arbeiten.

Ist der starke Bevölkerungsrückgang nur ein Fluch oder birgt er auch Chancen?

Der Osten ist in der demografischen Entwicklung dem Westen etwa zehn Jahre voraus. Ich sehe darin auch Chancen. Anders als in Berlin, München oder Frankfurt sind die Probleme schon jetzt offensichtlich. Daher könnten die neuen Bundesländer zu Vorreitern beim Entwickeln und Umsetzen von Lösungen werden. Für meinen Geschmack macht sich die Politik darüber aber noch immer viel zu wenige Gedanken.

Der Bevölkerungsschwund in Ostdeutschland in Zahlen:

  • In den fünf neuen Bundesländern (ohne Berlin) lebten 1990 rund 14,8 Millionen Menschen.
  • Im Herbst 2014 waren es nur noch 12,5 Millionen Einwohner in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
  • Abwanderung und zu wenige Kinder sorgten für den Bevölkerungsschwund, der nach Prognosen anhalten wird.
  • Bis 2030 sollen es nach der derzeit noch aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung von 2010 nochmals Hunderttausende Einwohner weniger werden.
  • Danach soll es in 15 Jahren in Brandenburg noch etwa 2,3 Millionen Menschen, in Mecklenburg-Vorpommern 1,4 Millionen, in Sachsen 3,6 Millionen, in Sachsen-Anhalt 1,9 Millionen und in Thüringen 1,8 Millionen geben.
  • Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur: 2030 wird ein Drittel (35 Prozent) der Menschen in den ostdeutschen Ländern mindestens 65 Jahre alt sein. 2008 betrug der Anteil erst 23 Prozent.

 

Gropp Professor Reint E. Gropp (48) ist Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Bis November 2014 war er Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Davor arbeitete er für den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Zentralbank. An der Uni Magdeburg hat er einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre.

1 Kommentar
  • Richard 5. August 2015 13:29

    „Die Wirtschaft leidet schon jetzt unter dem Fachkräfte- und Azubi-Mangel.“
    Hat man sich dazu wirklich schon mal ernsthafte Gedanken gemacht, warum oder ob das so ist!?
    Zum einen sollte sich die Politik nach 25 Jahren Wiedervereinigung fragen, wieso 16 Bundesländer jeweils ein eigenes Schulsystem brauchen und weshalb das nicht homogenisiert ist? In der DDR waren sie diesbzgl. schon etwas weiter. Eine attraktivere Familien- und Bildungspolitik wäre schon die halbe Miete, um hier entsprechend gegenzusteuern. Kindergeld!? Das brauche ich für meine Kinder nicht zwingend. Ich möchte aber eine solide Kinderbetreuung, wenn beide Elternteile arbeiten sind, sowie uneingeschränkten und kostenfreien Zugang zu jeglicher Fort- und Ausbildung der Kinder. Gezieltere Förderung von Schülern durch Unternehmen schon während der Schulzeit. Nicht belanglose Schülerpraktikas. Kinder/Nachwuchs sind unsere Zukunft, nicht das Geld was wir meinen verdienen zu müssen.
    Des weiteren müssen wir auch unsere Lebensweise in Frage stellen. Eine weniger Höher-Schneller-Weiter-Reicher-Besser Lebenseinstellung muss die Basis eines zukunftsorientierten und vor allem zukunftssicheren Weges sein. Der aktuell gelebte Kapitalismus ist endlich. Nicht für alle, aber für die meisten von uns. Primär muss doch die Familie der Mittelpunkt des Lebens sein, nicht der Job. Denn der ist nur Mittel zum Zweck.
    Dann haben wir noch immer knapp 3 Millionen Arbeitslose und da möchte ich bezweifeln, dass darunter nicht die gesuchten Fachkräfte zu finden sind. Arbeitslos zu sein ist für manche Menschen leider noch zu attraktiv. Auch hier muss man sich seitens des Staats Gedanken machen, wie man diese Leute trotzdem so einspannen kann, dass das der Allgemeinheit zu Gute kommt. Unbrauchbare Umschulungsmaßnahmen sind dabei sicher nicht angebracht.
    Ebenso der Wegfall der Wehrpflicht hat viel verbrannte Erde hinterlassen. Wieso macht man es nicht zur Aufgabe und Pflicht für jeden Heranwachsenden 1 Jahr im sozialen Bereich oder vergleichbar tätig zu sein, unabhängig ob Frau oder Mann!? Zum einen hilft es den Jugendlichen u.a. bei der Selbstfindung und natürlich zum Blick über den Tellerrand – Schule und Studium taugen dazu bisher nur bedingt – und zum anderen hilft es natürlich den Einrichtungen enorm, in denen die jungen Leute zum Einsatz kommen.

    Was wir bei der „Wir brauchen ausländische Fachkräfte“ oftmals vergessen … wir entziehen den ärmeren Ländern ihre Grundlage, wenn wir die gut ausgebildeten Leute einfach abwerben. Das mag hierzulande kurzzeitig den sog. Mangel lindern, aber nicht langfristig lösen. Und die Länder, die für uns die Fachkräfte ausgebildet haben, werden ohne ihre eigenen Fachkräfte auch keine neuen „produzieren“ können.

    Die Problematiken sind leider zu vielschichtig. Hier greifen sehr viele Zahnräder ineinander, doch wir versuchen immer nur an eins, zwei Schrauben zu drehen.

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