Unternehmen Was alles möglich ist

Kinder wissen nicht um die Grenzen schöpferischen Tuns. Sie sehen keine Begrenzungen ihrer Möglichkeiten, verstehen, begreifen und nutzen die Welt völlig anders als Erwachsene. Davon könnten Unternehmer etwas lernen. Ein Essay.

Durch ihre Vision, ihr Engagement und ihre harte Arbeit geben Unternehmer der Welt um uns Form. Sie erfinden unser Alltagsleben neu, unsere Gewohnheiten und unsere Wahrnehmung dessen, was möglich ist. Unternehmer sind der festen Überzeugung, dass jeder ein gesetztes Ziel erreichen kann. „Unternehmer müssen daran glauben, sie könnten alles bewältigen, was sich ihnen in den Weg stellt“, sagte einmal Bill Bartmann, Gründer des Inkassounternehmens Commercial Financial Services und Vater des Geschäfts mit dem Weiterverkauf von Schulden. Er brachte es fertig, seine Millionenschulden in ein milliardenschweres Imperium umzuwandeln.

Wie schaffen Unternehmer das? Was ist der entscheidende Augenblick? Was geht in ihnen vor, was treibt sie an? Zahllose Versuche wurden schon unternommen, um die damit verbundenen Fragen zu klären: Wie können Unternehmer neu erschaffen und gefördert werden? Kann Unternehmertum gelehrt oder erlernt werden? Ein Faktor: Entscheidend ist es, unterschiedlichen Sichtweisen gegenüber aufgeschlossen zu sein und Risiken nicht zu scheuen. Eine andere Sichtweise: „Außergewöhnliche Führungsqualitäten und die Fähigkeit, andere zu inspirieren. Eine dritte Ansicht besteht darin, dass die meisten Unternehmer wüssten, was Scheitern und Wiederaufstieg bedeuten. Sie versuchen es immer wieder, um letzten Endes Erfolg zu haben.

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Das alles trifft zu. Und führt doch nicht zu einem eindeutigen Konsens. Zwar haben wir dank zahlreicher Erzählungen und umfangreicher Nachforschungen viel Wissen angehäuft. Aber dennoch hat die akademische Theorie bislang noch keinerlei Funken unternehmerischer Praxis entfacht. Theorie lässt sich nicht so einfach übertragen, dass Funken sprühen.

Wagen wir einen anderen Ansatz und denken an Kinder. Ein Kind kennt die Grenzen schöpferischen Tuns nicht, es weiß nicht, dass Möglichkeiten begrenzt sein können. Es weiß nicht, wie unsere Welt funktioniert. Psychologische Experimente zeigen, dass auf Erwachsene zutreffende Lerndefinitionen mit denen bei Kindern nicht übereinstimmen und auch nicht von Vorteil wären. Das Gehirn eines Kindes bedient sich einer anderen Regel der Nutzenmaximierung: des Prinzips, den Lerneffekt eines beliebigen Augenblicks zu maximieren. Ein Kind wechselt von einem Thema zum nächsten, sobald Letzteres größeren Fortschritt zu versprechen scheint. Es strebt an, Generalist zu werden, nicht Spezialist. In diesem Sinne ist ein Kind der vollkommene Unternehmer.

Robert Musil würde diese Eigenschaft als „Möglichkeitssinn“ bezeichnen: „Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“, schreibt Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Dieser Möglichkeitssinn verblasst bei Spezialisten zunehmend. Oder in den Worten des Pädagogen Shinichi Suzuki: „Im Hirn des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Hirn des Experten wenige.“

Das veranschaulicht das Beispiel des Künstlers Damien Hirst. Der Brite wurde anfangs von den beiden Kunsthochschulen, bei denen er sich beworben hatte, abgelehnt. Durch Zufall stieß er während des Besuchs bei seiner Freundin auf ein leer stehendes Lagerhaus. Er brachte in Erfahrung, wer der Besitzer war, holte sich die Erlaubnis, es für einen Monat im Sommer zu nutzen, organisierte einen Kredit und verbrachte Wochen damit, das Lagerhaus zu reinigen, das vollkommen mit Taubendreck verschmutzt war. Er wählte 16 Kunststudenten aus, brachte Geld für einen Katalog auf und stellte „Freeze“ auf die Beine – die Ausstellung, die später eine ganze Generation Künstler definieren sollte.

„Er wollte mich verprügeln.“

Unternehmer vereinen in sich Strenge und Ausdauer der Erwachsenen – die notwendig sind, um die Dinge in der Praxis umzusetzen – mit Entdeckungen, die einem kindlichen Hirn entspringen. Das zeigt ein anderes Beispiel, nämlich das von Vivek Ranadivé, dessen Software heute von der Wall Street nicht mehr wegzudenken ist. Der gebürtige Inder übernahm die Aufgabe, das Basketballteam seiner Tochter zu trainieren, obwohl er den Sport kaum kannte. Das erlaubte ihm einen Außenseiterblick. Ranadivé sah, dass die Hälfte der Spielzeit mit Dribbeln und taktischen Absprachen verbracht wurde. Alles lief streng nach Regeln und Konventionen ab. So wurden die Spieler trainiert, zum Verteidigen zurückzulaufen und sich zu sammeln. Eben diese Konvention ermöglichte dem angreifenden Team Spielzüge, die es zuvor bis zur Perfektion geübt hatte.

Ranadivé wollte, dass sein Team voll durchspielte. Das Team bestand aus sechs Mädchen mit zum Teil sehr überschaubarer Erfahrung. Nichts mit bis zur Perfektion geübten Spielzügen. David gegen Goliath. Was konnte er tun? Der Politikwissenschaftler Ivan Arreguín-Toft hat solche Situationen analysiert. Er fand heraus, dass die Goliaths 71,5 Prozent der Spiele gewinnen. Bedient sich David jedoch unkonventioneller Strategien, geht er in 63,6 Prozent der Fälle als Sieger vom Platz.

Ranadivé schaffte sämtliche Konventionen ab und prägte eine Spielstrategie, die als Ganzfeld-Pressverteidigung bekannt wurde: Dabei wird jeder Spielzug des Gegners angegriffen. Ranadivés Team gewann die Saison, einmal führte es in einem Spiel 25:0. „Da war dieser Riese von Mann, der offensichtlich selbst Basketball spielte und neben sich diesen dürren Ausländer sah, der ihn bei seinem eigenen Spiel schlug“, erinnerte sich Ranadivé an einen gegnerischen Trainer. „Er wollte mich verprügeln.“

Es bestehen mehr Parallelen zum Unternehmertum, als auf den ersten Blick sichtbar sind. Jeder David muss sich von Goliaths Konventionen und versteckten Prämissen befreien und eigene Regeln aufstellen.

Wie in einem Theaterstück. In seinem Buch „Wir alle spielen Theater“ stellt Erving Goffman fest, dass das Sozialverhalten des Menschen zu jedem Zeitpunkt von der Bühne, dem Treiben hinter den Kulissen, den Requisiten, den Kostümen und dem Publikum abhängig ist. Das schafft Erkenntnis und Möglichkeiten. Erkenntnis, weil wir dadurch verstehen, warum wir in einem bestimmten Umfeld aufblühen und in einem anderen eingehen und warum wir die Gesellschaft unterschiedlicher Menschen für unterschiedliche Zwecke und Tätigkeiten genießen. Möglichkeiten, weil die Bestandteile unseres Theaters – Bühne, Requisiten und Kostüme – Elemente sind, die wir, so Goffman, beliebig manipulieren und ändern können. In einem „Theater des Unternehmertums“ könnte die Bühne leer sein, Kostüme wären unnötig, und das Denken des Publikums entspräche Musils Möglichkeitssinn: Das, was sie erleben, ist durchaus möglich, könnte aber auch anders ausgespielt werden.

Die Welt, die Unternehmer sich heute vorstellen, ist die Welt, in der wir morgen leben.

Für Bildung und Bildungspolitik heißt das: Zwar kann ein Zentrum für Unternehmertum an einer Universität lehren, wie der perfekte Geschäftsplan formuliert wird. Es wird aber nicht in der Lage sein, auf einen bereits eingeengten Möglichkeitssinn einzuwirken.

Ranadivé schaffte sämtliche Konventionen ab und prägte eine Spielstrategie, die als Ganzfeld-Pressverteidigung bekannt wurde: Dabei wird jeder Spielzug des Gegners angegriffen. Ranadivés Team gewann die Saison, einmal führte es in einem Spiel 25:0. „Da war dieser Riese von Mann, der offensichtlich selbst Basketball spielte und neben sich diesen dürren Ausländer sah, der ihn bei seinem eigenen Spiel schlug“, erinnerte sich Ranadivé an einen gegnerischen Trainer. „Er wollte mich verprügeln.“

Es bestehen mehr Parallelen zum Unternehmertum, als auf den ersten Blick sichtbar sind. Jeder David muss sich von Goliaths Konventionen und versteckten Prämissen befreien und eigene Regeln aufstellen.

Wie in einem Theaterstück. In seinem Buch „Wir alle spielen Theater“ stellt Erving Goffman fest, dass das Sozialverhalten des Menschen zu jedem Zeitpunkt von der Bühne, dem Treiben hinter den Kulissen, den Requisiten, den Kostümen und dem Publikum abhängig ist. Das schafft Erkenntnis und Möglichkeiten. Erkenntnis, weil wir dadurch verstehen, warum wir in einem bestimmten Umfeld aufblühen und in einem anderen eingehen und warum wir die Gesellschaft unterschiedlicher Menschen für unterschiedliche Zwecke und Tätigkeiten genießen. Möglichkeiten, weil die Bestandteile unseres Theaters – Bühne, Requisiten und Kostüme – Elemente sind, die wir, so Goffman, beliebig manipulieren und ändern können. In einem „Theater des Unternehmertums“ könnte die Bühne leer sein, Kostüme wären unnötig, und das Denken des Publikums entspräche Musils Möglichkeitssinn: Das, was sie erleben, ist durchaus möglich, könnte aber auch anders ausgespielt werden.

Die Welt, die Unternehmer sich heute vorstellen, ist die Welt, in der wir morgen leben.

Für Bildung und Bildungspolitik heißt das: Zwar kann ein Zentrum für Unternehmertum an einer Universität lehren, wie der perfekte Geschäftsplan formuliert wird. Es wird aber nicht in der Lage sein, auf einen bereits eingeengten Möglichkeitssinn einzuwirken.

Über den Autor
Veit Oliver Kment studiert Strategie und Internationales Management an der Universität St. Gallen. Derzeit ist der 26-Jährige vor allem für das Zürcher Büro der Unternehmensberatung McKinsey aktiv. Der Deutsche hat diesen Essay für den St. Gallen Wings of Excellence Award geschrieben.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2010.

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