• “Was seitdem passiert ist, ist beschämend”

    Jahrelang führte Elmar Faber, 75, den renommiertesten Verlag der DDR, den Aufbau-Verlag. Kurz nach der Wende gründete er zusammen mit seinem Sohn einen neuen Verlag, Faber und Faber in Leipzig. Ein Interview über horrende Zinsen, fehlende Toleranz und die Überheblichkeit des Westens.

    Wo waren Sie, als die Mauer fiel?

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    Wir waren zu Hause, und zwar in einem Kreis von Schriftstellern, Illustratoren und Fernsehleuten. Wir hatten bei uns zu Hause eine Fete, aber mit politischem Ernst. In der Nacht fiel die Mauer. Wir haben es zunächst gar nicht mitgekriegt. Wir haben nur debattiert und den eigentlichen Clou einen Moment versäumt, bevor wir merkten, was auf der Straße los war. Dann haben wir das Fernsehen angeschaltet.

    Was war Ihr erster Gedanke?

    Sie werden lachen. Ich war ja seit 1968 unentwegt in der Bundesrepublik oder in anderen westlichen Ländern aktiv, und ich habe immer zu meiner Frau gesagt: Wir erleben noch, dass die Mauer fällt. Wir erleben es noch. Doch jeder hat mit dem Kopf geschüttelt. Ich glaubte einfach an die einheitliche deutsche Kulturgeschichte. Wir haben eine Sprache gesprochen, in Ost und West die gleichen Schriftsteller gelesen und seit der Aufklärung auf den gleichen Traditionen gefußt.

    Und doch waren Sie überrascht, dass es dann so schnell ging?

    Ja, und ich hätte auch nie gedacht, dass die Toleranz nach der Wende so schnell abhanden kommen würde. Die Andersdenkenden wurden unterdrückt. Aber natürlich kann man die Marktwirtschaft hinterfragen, auch sie ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine demokratische Gesellschaft muss jede Meinung aushalten. Dass diese Gesellschaft Andersdenkende nicht aushalten will, ist äußerst kurios. Das hätte ich nie gedacht. Die DDR-Intellektuellenschicht hat man hier regelrecht ausgeschaltet. Wer staatsnah war, wurde ausgetauscht.

    Also fällt Ihr Fazit nach 20 Jahren negativ aus?

    Die deutsche Einheit ist große Klasse. Dass der Sozialismus zusammengebrochen ist, hatte seine wichtigen Gründe. Es ist ihm Recht geschehen. Aber was seitdem passiert ist, ist beschämend. Der Realitätsverlust der Herrschenden ist so gewaltig wie in der Endphase der DDR. Ein Italiener hat mal gesagt: Wenn die Herrschenden eines Tages dümmer werden als die Beherrschten, kommt es zur Katastrophe. Das ist in der DDR eingetreten. Und die Bundesrepublik ist auf dem Wege dorthin, in Siebenmeilenschritten.

    Das klingt verbittert

    Der kardinale Strickfehler der Wende besteht darin, dass man mit der Deindustrialisierung keine eigenständige Bourgeoisie geschaffen hat. Das wurde verhindert, indem alles in fremde Hände gegeben wurde, an Menschen aus dem Westen. Wir waren armselige Schlucker, die keinen Pfennig Geld in der Tasche hatten. Damit wurde regelrecht ein Mangel an Unternehmertum produziert. Das hat mit einer unglaublichen Überheblichkeit zu tun. Man dachte, die, die im Sozialismus oder in der DDR groß geworden sind, sind gewissermaßen minderbemittelt und sowieso nicht in der Lage, wirtschaftlich zu arbeiten. Warum also sollte man den Leuten Betriebe in die Hände geben?

    Aber wie hätte man das ändern sollen?

    Man hätte die Ostdeutschen erstmal mit Kapital ausstatten müssen, mit großzügigen Krediten. Als ich 1990 den neuen Verlag Faber und Faber gegründet habe, nahm ich einen Kredit bei der Dresdner Bank auf. Ich dachte, die Dresdner Bank habe etwas mit meiner Heimat zu tun. Doch für diesen Kredit habe ich anfangs 8,75 Prozent Zinsen gezahlt, am Ende gar 13,75 Prozent! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

    Viele bekamen gar keine Kredite.

    Ja, ich hatte als Aufbau-Chef ein relativ gutes Gehalt, deshalb bekam ich einen Kredit. Mein Sohn dagegen, mit dem ich den neuen Verlag gegründet habe, ging zu zwölf verschiedenen Bankinstituten und bekam keinen Pfennig. Er hatte kein ausreichendes Gehalt und keine Immobilie. Da fiel er durchs Rost.

    Wie also haben Sie die Finanzierung sichergestellt?

    Wenn man keine Freunde in der Bundesrepublik hatte, stand man auf ziemlich aussichtsloser Position. In den ersten Jahren hat mir Dr. Ulrich Wechsler geholfen, er war lange Vorstand bei Bertelsmann. Der stieg mit einer Minderheitsbeteiligung ein. So war das in der Anfangszeit, heute lächelt man darüber. Gewissermaßen hat dies aber auch eine hohe Motivation bewirkt: Man hat die Brust herausgestreckt und gesagt: Euch werde ich es zeigen. Ich komme auch ohne Euch zurecht. Diese Form der Zwangssparsamkeit im ersten Jahrzehnt hatte auch gute Folgen. Da wurde keiner übermütig.

    Was bleibt in den nächsten Jahren zu tun?

    Es ist wichtig, die unterschiedlichen Sozialisationen zu versöhnen. Es gab schließlich in Ostdeutschland völlig andere Werte: Wer hat zum Beispiel in der DDR über Eigentum nachgedacht? In der Bundesrepublik hatte es den Stellenwert Nummer eins.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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