Unternehmen Weltbankstudie: Tunesiens Wirtschaft lahmt seit der Revolution

Ein Markt in der Altstadt der tunesischen Hauptstadt Tunis.

Ein Markt in der Altstadt der tunesischen Hauptstadt Tunis.© dpa

Politisch ist Tunesien seit der Jasminrevolution 2011 ganz gut vorangekommen. Es gibt eine moderne Verfassung und Wahlen stehen an. Doch wirtschaftlich zieht die Weltbank eine verheerende Bilanz.

Die Revolution in Tunesien 2011 hat die politische Landschaft grundlegend verändert – die Wirtschaft jedoch nicht. Zu diesem Schluss kommt die Weltbank in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie mit dem Titel „Die unvollendete Revolution“. Demnach ist das nordafrikanische Land wirtschaftlich noch auf dem Stand der Ära des gestürzten Langzeitherrschers Zine el Abidine Ben Ali, in der Korruption, Filz und eine überbordende Bürokratie einen fairen Wettbewerb unmöglich machten.

Laut Studie entstehen in Tunesien etwa Dreiviertel der neuen Jobs im Privatsektor in Ein-Personen-Unternehmen – also durch Selbstständigkeit. Die meisten bestehenden Firmen wachsen nicht, heißt es in dem 331-seitigen Bericht. Dadurch werde das bestehende Potenzial – junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte, die Nähe zur Europäischen Union – nicht ausgeschöpft. „Tunesien hat aber mehr zu bieten als Niedriglöhne und unsichere Jobs“, sagte Weltbankökonom Antonio Nucifora. Durch mutige Wirtschaftsreformen könnten jährlich rund 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Anzeige

Tourismusbranche als Negativbeispiel

Als ein Negativbeispiel nennt die Weltbank die Tourismusbranche. Aufgebaut wurde sie demnach, als die Regierung vor Jahrzehnten staatliches Land an ausgesuchte Investoren verkaufte, günstige Kredite vergab und auch mit steuerlichen Anreizen warb. Angelockt worden seien dadurch Unternehmer, denen Erfahrung fehlte. Die Folge: Billiger Massentourismus in Bettenburgen, in denen unausgebildetes und schlecht bezahltes Servicepersonal arbeitete.

Das Konzept hat gegen internationale touristische Wettbewerber immer weniger Erfolg. Dabei ist der Tourismus die Hauptstütze der Wirtschaft im Land: Die Branche erwirtschaftete 2010 den Angaben nach sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 14 Prozent der Jobs wurden dort geschaffen.

Hohe Auflagen für lokale Produzenten

Ein besonderes Problem sieht die Weltbank auch darin, dass Firmen, die nur für den Export produzieren, in Tunesien deutlich bevorzugt würden. Dagegen würden Unternehmen, die für den lokalen Markt herstellen wollen, mit hohen Auflagen und Hürden gegängelt. So erhielten exportorientierte Firmen – die meisten liefern nach Frankreich und Italien – seit den 1970er Jahren massive steuerliche Vergünstigungen. Unternehmensgründungen seien deutlich erleichtert, Investoren mit der Aussicht auf billige Arbeitskräfte und subventionierte Energie gelockt worden.

Da im Land selbst aber kaum wettbewerbsfähige Produkte hergestellt werden, müssen hochwertige Einzelteile aus dem Ausland importiert werden. In Tunesien werden diese Komponenten dann zusammengebaut und als Nähmaschinen, Fernseher oder medizinische Geräte von guter Qualität wieder exportiert. Im Land selbst werden diese Produkte also nur von Billiglohnkräften zusammengebaut. Für gut ausgebildete Tunesier ist hier wenig Platz.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.