Unternehmen Wie der Bahnstreik Spediteure belastet

Verladung von der Schiene auf die Straße: Fallen wegen des Streiks Güterzüge aus, muss die Spedition sofort verfügbare Lastwagen finden.

Verladung von der Schiene auf die Straße: Fallen wegen des Streiks Güterzüge aus, muss die Spedition sofort verfügbare Lastwagen finden.© furuoda - Fotolia.com

Sieben Tage Streik im Güterverkehr: Für Speditionen bedeutet das mehr Lastwagen, längere Arbeitszeiten, höhere Kosten. Trotzdem bleiben Güter auf der Strecke - mit Konsequenzen für die Wirtschaft.

In der Lagerhalle der Spedition Schweitzer in Ludwigsburg docken zwei Lastwagen an. Sie werden mit Boxen voller Getriebeteile beladen. Ihr Ziel: Frankreich und Italien – üblicherweise mit einer Kombination von Schiene und Straße. Doch inmitten des längsten Streiks bei der Deutschen Bahn – sieben Tage im Güterverkehr – ist das ein kostspieliges Unterfangen.

„Die Beeinträchtigung ist enorm“, sagt Geschäftsführer Jens Schweitzer. An einem Streiktag müsse der komplette Tagesplan der Spedition umgeworfen werden – rund die Hälfte der Transporte könnte nicht nach Plan ausgeführt werden.

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Wenn ein Zug ausfällt, müssen sofort Lkws her – das kann teuer werden

Normalerweise fährt laut Schweitzer ein Lastwagen zunächst zu einem nahe liegenden Bahnhof, etwa nach Singen oder Karlsruhe. Dort werden die Container oder Sattelträger auf einen Zug geladen, der die Güter zum Beispiel über die Alpen nach Italien transportiert. „Die Ladung muss in richtigen Mengen zur richtigen Zeit da sein“, sagt Schweizer. Sonst gibt es Probleme bei den Kunden, größtenteils Automobilzulieferer.

Doch welche Verbindungen beim Streik ausfallen, wissen Schweitzer und sein Team erst einige Stunden vor dem Transport. Dann muss die Spedition sofort verfügbare Lastwagen finden. Während eines Bahnstreiks steigen laut Schweitzer die Preise von Transportkapazitäten um 30 bis 50 Prozent, die Umdisponierung sei ein großer Arbeitsaufwand.

Die Kosten blieben an der Spedition hängen. Schweitzer schätzt, dass ein Streiktag sein Unternehmen bis zu  2500 Euro zusätzlich kostet. Dennoch: „Ich würde lieber in den sauren Apfel beißen, bevor bei meinen Kunden die Produktionen stillstehen.“

Nicht alle Güter können auf Lastwagen oder Schiffe umgeladen werden

Rund die Hälfte der Güter im Südwesten, die normalerweise auf Schienen transportiert werden, könnten auf Straßen verlagert werden, sagt der Geschäftsführer des Verbandes Spedition und Logistik in Baden-Württemberg, Andrea Marongiu. Doch etwa in der Stahlindustrie oder in der chemischen Industrie können laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Güter nicht einfach auf Lastwagen oder Schiffe umgeladen werden. Das IW befürchtet nach drei bis vier Tagen Streik Produktionsunterbrechungen, weil die Logistikketten Lücken aufweisen.

Spediteur Kurt Plathe wartet derzeit auf rund 500 bis 600 Tonnen Güter, die wegen des Streiks auf den Gleisen in der Nähe von Potsdam festsitzen. Rund 100 Tonnen davon seien Stahl. Der könne nicht mit normalen Lkws transportiert werden und sei „dem Streik willenlos ausgeliefert“, wie der Geschäftsführer von Kußmaul Transporte in Nagold sagt. Ihn kostet die Streikwoche geschätzte 12.000 Euro – ob die Kunden diese Mehrbelastung übernehmen, ist noch unklar.

Der Stahl-, Chemie- und Autobranche gehen die Rohstoffe aus

Rund die Hälfte bis zwei Drittel des Güterverkehrs werden laut Bahn in dieser Woche aufrechterhalten. Dabei hätten versorgungsrelevante Güter wie Kraftwerkskohle Priorität. Der Güterkraftverkehrsverband BGL befürchtet wegen des Streiks vor allem Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Öl. In bestimmten Regionen Deutschlands könne es zu Engpässen kommen, warnt BGL-Hauptgeschäftsführer Karlheinz Schmidt – besonders an Orten, die nicht mit Binnenschiffen beliefert werden oder in der Nähe von Pipelines liegen.

Die Kosten für die Wirtschaft könnten enorm sein: Deutschlands Konzerne fürchten durch den einwöchigen Ausstand einen Schaden von bis zu einer halben Milliarde Euro. Besonders betroffen sind nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) die Stahl-, Chemie- und Autobranche, die auf die pünktliche Lieferung von Einzelteilen und Rohstoffen angewiesen seien.

Ungewiss sind die Langzeitschäden der Streiks. Die Politik wolle den Transport von Gütern mehr auf die Schienen verlagern – die Streiks seien aber kontraproduktiv, sagt Verbandsmann Marongiu. „Alle Unternehmen werden diese Pläne in der Schublade verschwinden lassen.“

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