Unternehmen Wie Großbritannien den „German Mittelstand“ kopiert

Im Palace of Westminster in London tagt das britische Parlament.

Im Palace of Westminster in London tagt das britische Parlament.© Hernán Piñera/Flickr/CC BY-SA 2.0

Im Mutterland der industriellen Revolution galt der Mittelstand schon fast als ausgestorben. Jetzt erleben mittelgroße Unternehmen auf der Insel ein furioses Comeback. Das Vorbild dafür ist Deutschland.

Es ist eine Meldung, die aufhorchen lässt. In Großbritannien hat sich die Zahl der mittelgroßen Unternehmen in den vergangen fünf Jahren beinahe verdoppelt – sie stieg von 20.000 auf 35.000. Noch spektakulärer: Erstmals hat der britische Mittelstand höhere Umsätze erzielt als das deutsche Vorbild. Mit jährlichen Erlösen von zusammengerechnet rund 1920 Milliarden Euro zogen die mittelgroßen Unternehmen auf der Insel an den deutschen vorbei, die auf 1780 Milliarden Euro kommen.

Das geht aus einer neuen Studie der in Hamburg gegründeten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO hervor. Demnach konnten die britischen Unternehmen ihre Umsätze seit 2009 um 33 Prozent steigern, währen der deutsche Mittelstand ein Plus von 12 Prozent schaffte. Auch bei der Zahl der Mitarbeiter gab es einen Wechsel an der europäischen Spitze: In Großbritannien beschäftigen mittelgroße Unternehmen (mit einem Umsatz zwischen zehn Millionen und 300 Millionen Pfund) nun 9,3 Millionen Mitarbeiter. Das sind rund hunderttausend mehr als bei Firmen vergleichbarer Größe in Deutschland.

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Für die Regierung von David Cameron sind die Zahlen ein willkommenes Wahlkampfgeschenk kurz vor dem Urnengang im Mai. „Ich möchte, dass Großbritannien eine eigene Version des German Mittelstand bekommt, der export- und innovationsstark ist und neue Jobs schafft“, sagte Cameron. Der Premierminister hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Deutschland als Vorbild genannt, wenn es um die Stärkung des produzierenden Mittelstands ging, der in Großbritannien in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung verloren hatte. Stattdessen setzte das Mutterland der Industrialisierung zunehmend auf die Finanzindustrie in London – und wurde entsprechend hart getroffen, als 2008 die Pleite von Lehman Brothers die Weltfinanzmärkte einbrechen ließ.

Britische Konzerne unterstützen kleinere Mittelständler

Seitdem startete die Regierung eine Initiative nach der nächsten, um ähnlich wie in Deutschland ein Umfeld zu schaffen, in dem kleine und mittelgroße Unternehmen das Rückgrat der Wirtschaft bilden. „Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, wenn man bedenkt, dass in Deutschland schon immer in den Mittelstand investiert wird“, sagt BDO-Experte Simon Michaels.

Es war Finanzminister George Osborne, der unter dem Eindruck der Abhängigkeit von der Finanzindustrie vor vier Jahren der britischen Wirtschaft zurief, dass sie von Deutschland lernen solle. „Wir wollen das Modell des erfolgreichen (deutschen) Mittelstands verstehen und daraus lernen“, sagte er auf einem Unternehmer-Kongress, bei dem er eine Reihe von Startup-Initiativen vorstellte. Große Unternehmen sollten die Entstehung kleinerer Firmen in ihrem Umfeld fördern statt sie auszubremsen, so der Finanzminister damals.

Seitdem unterstützen britische Konzerne kleinere Mittelständler zum Beispiel dabei, lukrative Auslandsmärkte zu erschließen, in denen sie selbst bereits etabliert ist. Zudem arbeiten die Großen in der Forschung stärker mit den Kleinen zusammen. Vor wenigen Wochen erst präsentierte Regierungschef Cameron zudem den Plan, jedes Jahr 500 kleine Unternehmen mit Finanzspritzen zu unterstützen, um ihr Wachstum zu beschleunigen. „Für kleine Firmen ist es oft schwer, an Kapital zu kommen“, sagte Cameron, „wir wollen ihnen helfen, damit aus kleinen bald mittelgroße Unternehmen werden.“ Mehr als 100 Millionen Pfund sollen in einem ersten Schritt fließen.

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