Unternehmen „Wir sind nicht zu 100 Prozent auf einem Sharing-Trip“

Braucht wirklich jeder ein Auto? Vor allem Großstädter wollen sich den Stress mit Reparaturen und Reifenwechseln nicht mehr antun und machen lieber bei Carsharing.

Braucht wirklich jeder ein Auto? Vor allem Großstädter wollen sich den Stress mit Reparaturen und Reifenwechseln nicht mehr antun und machen lieber bei Carsharing. © graphlight - Fotolia.com

Wohnungen, Autos, Bohrmaschine. Immer mehr Menschen finden: Teilen ist besser als besitzen. Und günstiger natürlich. Die so genannte Sharing Economy, die Idee vom schlaueren, kollektiven Konsum, erobert die Wirtschaft. Aber wollen die Deutschen wirklich mit ihren Nachbarn das Auto teilen oder Fremde in ihren Betten schlafen lassen? Der Lüneburger Soziologe Harald Heinrichs hat den Trend untersucht.

Herr Heinrichs, ist Deutschland eigentlich schon eine Sharing Economy?
Es gibt nur Tendenzen. In einer Bevölkerungsbefragung konnten wir zeigen, dass es vier Konsumentengruppen gibt, von denen nur zwei tatsächlich Sharing-Angebote nutzen, beziehungsweise der Idee gegenüber offen sind. Die Hauptzielgruppe von Sharing-Angeboten ist jung, hat eine hohe Bildung genossen, verdient mittlere bis hohe Einkommen und wohnt in der Stadt. Diese Menschen sind neben Informations- und Kommunikationsplattformen im Internet auch von einem größeren Wertewandel innerhalb der Gesellschaft getrieben.

Wie sieht der aus?
Vereinfacht gesagt gilt das Streben nach Besitz nicht mehr als das höchste aller Ziele. Seit einigen Jahren werden stattdessen gute soziale Beziehungen und postmaterielle Werte wichtiger, wie Gesundheit, Selbstverwirklichung, aber auch Umwelt- und Generationsfragen.

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Sind Menschen, die Sharing-Angebote nutzen, also per se Überzeugungstäter?
Es gibt noch eine andere Gruppe, die aktiv tauscht und teilt: Wir haben sie in unserer Studie die Konsumpragmatiker genannt. Sie machen etwa 14 Prozent der Bevölkerung aus. Ihr Ziel ist es, durch das Teilen Geld zu sparen oder welches zu verdienen. Unterm Strich sind etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung der Shareconomy gegenüber offen eingestellt, die Konsumpragmatiker eingerechnet. Wir sind also nicht zu 100 Prozent auf einem Sharing-Trip.

Die Studie, die Sie erwähnen, haben Sie im Auftrag von Airbnb erstellt. Die Plattform ist einer der größten Spieler der Shareconomy und vermittelt Unterkünfte an Privatpersonen und Geschäftsleute. Wie aussagekräftig sind solche Auftragsstudien?
Für die Bevölkerungsbefragung haben wir neben Airbnb mit den Meinungsforschern von TNS Emnid zusammengearbeitet. Die Ergebnisse sind repräsentativ. Fakt ist aber: der Forschungsstand zum Thema Shareconomy ist in Deutschland derzeit eher noch dünn. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt deshalb mehr als zehn Millionen Euro zur Verfügung, um die Potentiale dieser neuen Wirtschaftsform besser erforschen zu lassen. In drei bis vier Jahren werden wir definitiv mehr wissen.

Momentan wird das Nutzen-statt-Besitzen-Prinzip der Shareconomy vor allem aus der Warte des Endverbrauchers betrachtet. Wie können Unternehmer die Shareconomy für sich nutzen?
Jedes Unternehmen sollte überlegen: Kann dieses Nutzen-statt-Besitzen-Prinzip – wie Sie es nennen – mein Produkt, meine Dienstleistung oder meinen Arbeitsalltag verbessern? Prinzipiell sind Sharingansätze in den Bereichen Arbeitsmaterial, Kompetenzen und Infrastruktur denkbar. Dafür muss man nicht einmal zwingend eine große Internetplattform nutzen. Um sich etwa Arbeitsmaterial untereinander zu leihen, kann man auch ein eigenes kleines Netzwerk gründen. Das Prinzip der Maschinenringe gibt es etwa in der Landwirtschaft schon seit Jahrzehnten. Auch das ist Sharing.

Führt das Unternehmer nicht in eine Zwickmühle, mit Konkurrenten kooperieren zu müssen?
Unternehmer müssen auf jeden Fall lernen, mehr Kooperationsbereitschaft zu zeigen als bisher. Man sollte aber nicht naiv sein. Konkurrenz wird es immer geben. Daran werden auch Netzwerke nur bedingt etwas ändern. Außerdem heißt Shareconomy nicht zwangsläufig, dass man auf allen Ebenen miteinander zusammenarbeiten muss. Ich sehe etwa überhaupt keinen Widerspruch darin, dass Konkurrenten sich Büros in einen Co-Working-Space teilen – und Konkurrenten bleiben. Letztendlich geht es bei vielen Modellen der Shareconomy auch einfach darum, das zu befolgen, was die Konsumpragmatiker bewegt: Geld sparen und eine Ressource klüger nutzen.

Harald Heinrichs Der Soziologe Harald Heinrichs ist Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Lephana Universität in Lüneburg. Es ist Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der über die Vergabe von Forschungsgeldern zum Thema Sharing Economy entscheidet. Zu dem Thema hat er in den letzten Jahren selbst geforscht.

 

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