Unternehmen WM-Rabatte: „Kunden rissen sich die Ware aus den Händen“

Vor allem Sportartikel sind bei WM-Rabattaktionen bei Kunden beliebt.

Vor allem Sportartikel sind bei WM-Rabattaktionen bei Kunden beliebt.© dpa/picture-alliance

Hunderttausende Fans feierten am Dienstag die Nationalmannschaft am Brandenburger Tor, anderen ist die Partylaune vergangen: Für einen Sportartikel-Händler wurde eine WM-Aktion zum Debakel. Der Schaden der Rabattschlacht ist für das kleine Unternehmen noch nicht absehbar. Ein Lehrstück.

Ralf Meyer wirkt immer noch geschockt. Die Szenen, die sich am 9. Juli in seinem Laden abspielten, sind kaum vorstellbar. „Kunden rissen sich die Ware gegenseitig aus den Händen“, erzählt Meyer, „es wurde zwischen den Regalen geraucht, die Leute bestellten sich Pizza ins Geschäft.“ Kurz vor Ladenschluss um 18.00 Uhr waren die letzten Leute gekommen. Gegen 1.30 Uhr verließ der letzte Kunde das Barnstorfer Sporthaus, das Meyer gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Thorsten Spiller betreibt.

Nur eine kleine Anzeige

Anzeige

Aus einem Umkreis von etwa 150 Kilometern sollen mehr als 1000 Schnäppchen-Jäger gekommen sein, um Sportschuhe, Trikots, Bademode oder Fußbälle zum Tiefstpreis zu ergattern. Eine Rabattaktion hatte den Ansturm verursacht: 10 Prozent auf alles, für jedes Tor der deutschen Mannschaft im WM-Halbfinale gegen Brasilien. Es war nur eine kleine Anzeige in der lokalen Presse, hastig ausgedacht am Telefon. Für Meyer und Spiller wurde sie zu einem Debakel. „Über die ersten drei, vier Tore habe ich mich noch gefreut“, sagt Meyer. Dann wurde ihm langsam klar, was auf ihn zukommen könnte.

Die Macht von Facebook & Co

Morgens hatte er noch schnell mit einem Rechtsanwalt gesprochen. Der hatte ihm geraten, „den Laden erst gar nicht aufzumachen“, sagt Meyer. Oder den Rabatt wenigstens zu reduzieren. Rechtlich ist das zulässig. Meyer und Spiller entschieden sich für letzteres. Gegenüber der Kundschaft verwiesen sie auf eine Panne beim Anzeigentext. Die Zeitung hätte die Anzeige vor Druck nicht noch einmal zur Kontrolle an Meyer und Spiller geschickt. Andernfalls hätten sie, sagt Meyer, zumindest noch reduzierte Ware von der Aktion ausgenommen. Vormittags seien noch überwiegend Stammkunden gekommen, „die akzeptierten auch 35 statt 70 Prozent“, sagt Meyer. Was er völlig unterschätzt hat: Über Facebook und andere soziale Netzwerke verbreitete sich Nachricht von dem Schnäppchen-Wahnsinn binnen kürzester Zeit in der gesamten Region rund um den 6000-Einwohner-Ort Barnstorf in Niedersachsen.

Die Rabatt-Schlacht beginnt

Als immer mehr Kunden kamen, die eine weite Anfahrt hatten, kam es zu lautstarken Protesten, weil die Inhaber nicht die vollen 70 Prozent Rabatt geben wollten. Auf der Facebook-Seite wurden böse Kommentare hinterlassen: „Schon schlecht, wenn man fett Werbung in der Zeitung macht und das dann nicht einhält“, heißt es da oder ganz knapp: „Absolute Frechheit“ und „Betrügerladen“. Meyer und Spiller mussten reagieren; Nach der Mittagspause gaben sie die vollen 70 Prozent, auch wenn es sie wirtschaftlich hart trifft. „Wir haben weit unter Einkaufspreis verkauft“, sagt Meyer. Und die Rabatt-Schlacht beginnt.

Verluste noch nicht abschätzbar

Den Schaden mit Humor nehmen: Die WM-Anzeige des Barnstorfer Sporthaus

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Meyer, Spiller und sechs Mitarbeiter versuchen bis spät in die Nacht das Chaos zu regieren. Mit mäßigem Erfolg. Es wurde geklaut, Kleidung von den Schaufenster-Puppen gerissen und auch vor miesen Tricks schreckten manche Schnäppchen-Jäger nicht zurück. „Es wurden teure Schuhe in die Kartons von billigen gepackt, um noch mehr zu sparen“, erzählt Meyer. „Wir müssen Ende des Monats erst einmal Inventur machen“, sagt er. Dann könne er abschätzen, wie hoch die Verluste sind. Von Rabatt-Aktionen will Meyer fürs Erste nichts mehr wissen.

Trotzdem schaltete das Barnstorfer Sporthaus noch einmal eine WM-Anzeige. Text: „Jogi`s Jungs + Brasilianische Caipi-Abwehr = Sensationelle PR-Aktion*“ Das Sternchen wird im Kleingedruckten erläutert: „Es hat uns viel Freude gemacht – und das mit den Prozenten üben wir noch :)“

 

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