Lothar Seiwert „Zeit kann man nicht managen“

Lothar Seiwert hat Betriebswirtschaft studiert und Dutzende Ratgeber zum Thema Zeitmanagement verfasst.

Lothar Seiwert hat Betriebswirtschaft studiert und Dutzende Ratgeber zum Thema Zeitmanagement verfasst.© Unternehmen

Viele Unternehmer arbeiten rund um die Uhr - ohne dabei wirklich voranzukommen. Lothar Seiwert ist Experte für Zeitmanagement. Im impulse-Interview sagt er, welchen Fehler Unternehmer oft im Umgang mit der Zeit machen - und welche Werkzeuge helfen, um sie am besten zu nutzen.

Herr Seiwert, Sie wollten sich für exakt 11.11 Uhr verabreden. Ist das schon schlaues Zeitmanagement?

Das mache ich, weil man sich einen Termin so leichter merken kann. Seminare lasse ich gern um 18.18 Uhr enden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit enorm, dass sich dann auch alle dran halten.

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Sie haben über fünf Millionen Bücher über Zeitmanagement verkauft. Können Sie Anleitungen geben, wie man möglichst viele Aufgaben in möglichst wenig Zeit erledigt?

Nein, das ist ein häufiges Missverständnis, genau darum geht es eben nicht. Ich beschäftigte mich seit 30 Jahren mit dem Thema. In diesem Zeitraum haben sich die Einstellungen der Menschen zur Arbeit und zur Arbeitszeit verändert. In meinem ersten Buch „Mehr Zeit für das Wesentliche“ habe ich 1982 tatsächlich versucht, Anleitungen für effizienteres Arbeiten zu liefern. Aber schon damals ging es mir vor allem darum, den Lesern Hinweise zu geben, wie sie herausfinden können, wofür sie ihre Zeit am besten investieren sollten.

Gutes Zeitmanagement ist also eine Frage der persönlichen Einstellung?

Genau! Zeit kann man nicht managen. Was ich zu vermitteln versuche, ist ein bewusster, sinnvoller Umgang mit der Zeit. Es geht vor allem um die Fähigkeit, sich selbst so zu organisieren, dass man nicht ständig das Gefühl hat, zu wenig Zeit zu haben. Der Anspruch, Zeit zu sparen, funktioniert heute sowieso so nicht mehr, wo alles noch schneller, noch komplexer geworden ist als vor 30 Jahren. Ich glaube, dass wir in vielen Berufen bereits die maximale Belastungsfähigkeit der Menschen erreicht haben.

Welchen Ausweg empfehlen Sie?

Es geht darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sich zu fragen, was einem wirklich wichtig ist, was einen wirklich antreibt. Das ist beim einen Geld und Prestige, beim anderen Zugehörigkeit und Anerkennung. Ich selbst musste das auch erst lernen. Inzwischen weiß ich, dass mir Anerkennung wichtig ist. Das ist ein Grund, warum ich Vortragsredner geworden bin. Das verschafft mir auf einen Schlag Anerkennung von ganz vielen Menschen.

Welche Fehler machen Unternehmer typischerweise im Umgang mit der Zeit?

Beim Setzen der richtigen Prioritäten. Ich treffe immer wieder zwei Grundtypen: Der erste ist der operative Hektiker, der herumwirbelt und überall mitmischen will. Dieser Unternehmer erzieht seine Mitarbeiter zur Unselbstständigkeit und ist schwer kurierbar. Entweder er kickt sich per Herzinfarkt selbst aus dem Spiel, oder er hält durch und empfindet sein Pensum letztlich als Vergnügen. Der zweite Typus ist der Visionär, der sich nicht im operativen Tagesgeschäft verzettelt. Ein Musterbeispiel ist der Hotelier Klaus Kobjoll, der den Schindlerhof betreibt, weil er nicht im Unternehmen, sondern am Unternehmen arbeitet. Kobjoll gibt seinen Mitarbeitern sehr viel Eigenverantwortung und schafft sich dadurch Freiraum fürs Wesentliche.

Lässt sich das lernen, ein Unternehmen wie das Hotel Schindlerhof zu führen?

Nicht eins zu eins, weil das eben auch eine Frage der Einstellung und der Persönlichkeit ist. Man kann sich aber fragen, welche Rolle man eigentlich im Unternehmen spielt, und sein Zeitbudget anpassen. Dabei hilft es, sich an den 16 Lebensmotiven des US-Psychologen Steven Reiss zu orientieren, der die Motivationskräfte mit Begriffen wie Macht, Unabhängigkeit, Neugier, Status und Eros charakterisiert.

Welche Werkzeuge helfen am besten, um die Zeit am besten zu nutzen?

Smartphones sind durchaus geeignet, allerdings steigern sie die Gefahr der Fremdsteuerung, weil sie üblicherweise wie ein Terminkalender genutzt werden: Man schaut, wo eine Lücke ist, und schon hat man einen neuen Termin. Wie beim Zahnarzt. Das ist grundfalsch, weil es reaktiv ist. Man sollte nicht jede Lücke auffüllen, sondern Freiräume schaffen, zum Beispiel indem man ein Projekt für Zeiten erfindet,
in denen man einfach mal nachdenkt oder zum Golfen geht.

Sie sind mit Ihren Büchern reich ge­worden. Kann einem Geld mehr Zeit fürs Wesentliche verschaffen?

Ja, man kann Mitarbeiter einstellen, an die man Aufgaben delegiert, oder Dienstleistungen kaufen, die einem mehr Zeit verschaffen. Weil ich es als lästig empfinde, einen Anzug zu kaufen, nutze ich Personal Shopping. Für 500 Euro sucht eine Expertin für mich in einigen Geschäften Anzüge mit passenden Hemden, Hosen, Socken und Krawatten aus. So kann ich in einer Stunde vier neue Anzüge kaufen.

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4 Kommentare
  • Elena Sommer 3. Juni 2014 14:48

    Guten Tag, das ist ein sehr gut erklärter Artikel zum Thema Zeitmanagment.
    Danke für die Inspiration.
    Mit strahlendne Grüßen
    Elena Sommer
    http://www.elenasommer.info

    • impulse-Redaktion 3. Juni 2014 15:31

      Liebe Frau Sommer,

      vielen Dank, das freut uns! Ich habe das Lob an den Autoren Claus Schmalholz weitergegeben.

      Herzliche Grüße aus der impulse-redaktion

      Verena Bast

  • Geschäftsinhaber MHD 23. Mai 2014 21:12

    Der Beitrag ist sehr gut geschrieben, da ich auch das Gefühl habe, zu wenig Zeit zu haben. Bei mir ist es aber der Grund der Neugründung. Da muss man(n) eben mehr als 12h am Tag arbeiten. Deswegen halte ich mir 1-2 Tage in der Woche frei für die Familie. Durcharbeiten kommt, trotz Erfolg, auf die Dauer nicht gut. Jeder muss sich seine Erholungspausen gönnen und einhalten.

  • WPI-Service Betriebsberatung Werner Pietruska, Hamburg 20. Mai 2014 21:58

    Sehr guter Beitrag zur Betrachtung „Zeitmanagement“

    Mit freundlichen Grüße
    Werner Pietruska

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