Hubertus Porschen zum Brexit „Der Kommissionspräsident sollte zurücktreten“

Das Brexit-Votum wirbelt die Märkte durcheinander. An der Frankfurter Börse lesen die Händler den Economist: "Oh Fuck" titel das Wirtschaftsmagazin.

Das Brexit-Votum wirbelt die Märkte durcheinander. An der Frankfurter Börse lesen die Händler den Economist: "Oh Fuck" titel das Wirtschaftsmagazin.© dpa / picture alliance

Nach dem Brexit ist vor dem Neuanfang: Hubertus Porschen, Vorsitzender der Jungen Unternehmer, fordert nun eine EU-Reform - und will für ein besseres Europa kämpfen.

impulse: Herr Porschen, was haben Sie gedacht, als Sie heute Morgen Nachrichten gelesen haben?

Hubertus Porschen: Ich bin total enttäuscht. Mir hat eben ein Freund geschrieben, der in London arbeitet. Die sitzen seit halb vier im Büro und es herrscht Panik. Er ist Investmentbanker und keiner weiß, was nun passieren wird. Die britischen Unternehmer, von denen ich gehört habe, sind ebenfalls schockiert.

Anzeige

Was sagen die?

Meine Bekannten sind fassungslos, was gerade in ihrem Land passiert. Die meisten haben gedacht, die Abstimmung sei ein Warnschuss und am Ende bleiben sie doch drin.

Wie geht es nun weiter?

Allein die Verschiebungen an den Aktienmärkten sind schon für viele ein Problem. Politisch muss es Konsequenzen geben. Eine Konsequenz muss sein, dass die EU reformiert wird und es in Brüssel neue Köpfe gibt. Jean-Claude Juncker ist das Paradebeispiel für den regelbiegenden Zentralisten in der EU und einer der Verantwortlichen für den Austrittswillen der Briten. Europa hat eine krachende Niederlage erlitten. Der Kommissionspräsident sollte die Verantwortung für das Desaster übernehmen und zurücktreten. Die EU braucht grundlegende Reformen, um in Zukunft handlungsfähig und attraktiv zu sein. Wir brauchen neue Gesichter.

Glauben Sie daran, dass der Brexit ein Anstoß zu Reformen sein könnte?

Die Bundesregierung muss sich jetzt klar äußern und auch mal Vorschläge entwickeln. Das habe ich bislang nicht mitbekommen.

Welche Folgen befürchten Sie nun?

Volkswirtschaftlich betrachtet verlässt der drittgrößte Nettozahler die Europäische Union. Das Bruttoinlandsprodukt sinkt von 15 Billionen auf 12,2 Billionen Euro, das ist schon massiv.

Und politisch gesehen?

Der wichtigste deutsche Verbündete ist weg. Großbritannien hat schließlich ähnliche Ziele wie Deutschland, steht für freien Handel, steht für Freiheit. In Zukunft wird Deutschland ohne Großbritannien in Europa isolierter dastehen.

Was bedeutet der Brexit für Unternehmen?

Es wird immer gesagt, dass es bilaterale Abkommen geben wird. Aber Großbritannien ist ein großer Handelspartner von uns. Über kurz oder lang werden da Zusatzkosten auf uns zukommen, also Zölle. Der Export und Import wird schwieriger.

Inwiefern ist Ihr Unternehmen betroffen?

Nicht direkt. Ich habe ein IT-Unternehmen. Aber: Wir haben neun oder zehn Nationalitäten in unserem Team. Und aus Großbritannien kommen ausgebildete Fachkräfte, die wir in Deutschland brauchen. Wir müssen damit rechnen, dass die Freiheit für Arbeitnehmer nicht mehr so flexibel sein wird.

Die Brexit-Befürworter sagen, dass sie sich weniger Bürokratie erhoffen. Glauben Sie daran?

Ich denke, dass es mehr Bürokratie geben wird. Die EU dient ja eigentlich dazu, die Dinge zu vereinfachen. Ein Bekannter von mir hat eine Brauerei. Der berichtet, dass der bürokratische Aufwand ohnehin groß ist, wenn er ins Ausland exportiert. Aber beim Export in die Schweiz explodiert er. Wenn Großbritannien nun einen ähnlichen Status bekommt, würden die sicher weniger exportieren.

Was treibt die Brexit-Stimmer dann an?

Wir haben während unser Anti-Brexit Aktion in London mit vielen Leuten gesprochen. Sie sagen: Wir möchten eigentlich Bestandteil der EU sein, aber wenn sich die EU nicht ändert, müssen wir ein starkes Zeichen setzen. Sie sehen den Brexit als Denkzettel. Aber diese Entscheidung steht einer globalisierten Welt entgegen. Ich denke, dass Großbritannien als Mitglied der EU mehr Macht gehabt hätte, Reformen voranzutreiben.

Was für ein Europa wünschen Sie sich?

One Size fits all – dieser Ansatz funktioniert nicht. Die europäischen Länder sind unterschiedlich, diese Vielfältigkeit sollte Europa nutzen. Wir von den Jungen Unternehmern wollen ein Europa der Clubs. In den Clubs schließen sich Länder mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, aber auch mit unterschiedlichen Interessen zusammen. Unsere Idee ist, dass es dann  mehr Wettbewerb und Sanktionsmöglichkeiten gäbe. Das ist ja einer unserer größten Kritikpunkte an der EU: Regeln werden nicht eingehalten – und nichts passiert. Durch ein Europa der Clubs könnte man dieses Problem lösen: Wenn ein Land eine Regel bricht, muss es den Club verlassen. Und: Wir brauchen Möglichkeiten der Sanktionierung.

Ihr Vorschlag klingt charmant – aber auch chaotisch, wenn jeder mit jedem Verträge schließt.

Die Verträge müssen natürlich klare Regeln haben.  Aber wir müssen schon differenzieren: Sind Sie schon einmal durch Rumänien gereist? Bukarest ist nicht Berlin. One size fits all funktioniert nicht. Und bevor man die EU nun wie Großbritannien ganz aufgibt, sollte man den Interessen der einzelnen Länder besser entsprechen.

Sie fordern eine neue Kommunikationsstrategie. Was ist Ihre Idee?

Die Politik versagt dabei, Klartext zu reden. Das führt zu einer Politikverdrossenheit. In der Europäischen Union ist das besonders extrem. Wir müssen die Politik besser kommunizieren, den Leuten erklären, was sie von Europa haben. So, wie ich das im Unternehmen auch mache. Ich kann mein Produkt nur verkaufen, wenn ich meinen Kunden auch den Nutzen darstelle. Dafür muss ich alles tun. Die EU braucht ein gutes Marketing – vor allem aber ein attraktiveres Politik-Produkt als bisher. Für dieses Produkt, für ein besseres Europa müssen wir jetzt kämpfen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.