Ole von Beust im impulse-Gespräch Warum Politiker nur schwer Fehler einräumen können

Ole von Beust (CDU) war von 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister von Hamburg.

Ole von Beust (CDU) war von 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister von Hamburg.© picture alliance / dpa

Politiker tun sich schwer damit, Fehler einzuräumen, sagt Ole von Beust (CDU), der von 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister von Hamburg war. Warum das so ist und welche Fehler er selbst gemacht hat.

Nikolaus Förster: Herr von Beust, was war Ihr erster Fehler?

Meinen allerersten Fehler, an den ich mich erinnere, habe ich als Kind gemacht. Ich habe einem älteren Ehepaar im Nachbarshaus kleine Knaller vor die Tür gelegt, angezündet, geklingelt und bin abgehauen. Und ich war so blöd zu glauben, dass ich nicht erwischt werde – obwohl ich das einzige Kind in der Gegend war, das dafür in Frage kam. Ich habe natürlich riesigen Ärger von meinen Eltern bekommen.

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Der zweite Fehler ist, dass ich mein ganzes Leben bisher in Hamburg verbracht habe. Hamburg ist eine tolle Stadt, aber im nächsten Leben würde ich mal ins Ausland gehen – oder zumindest mal in einer anderen Stadt leben.

Sie sind schon mit 16 Jahren in die CDU eingetreten. War das in Hamburg ein Ausweis von Risikobereitschaft?

Ja, im Jahr 1971 auf jeden Fall schon. Damals waren in Hamburg die meisten links, sowohl die Lehrer als auch die Schüler. Als ich mein erstes Flugblatt vor der Schule verteilte, schauten mich alle völlig fassungslos an. Ich habe zwar keins auf die Nuss bekommen. Aber das Risiko einer ächtungsvollen Missachtung war auf jeden Fall da.

Gehen Sie gerne Risiken ein?

Nein, eigentlich bin ich eher ein vorsichtiger Mensch. Ich predige zwar immer, dass man Veränderungen gut finden muss. Aber wenn ich persönlich davon betroffen bin, finde ich es gar nicht so witzig.

Gibt es etwas, von dem Sie sagen: Das war wirklich falsch?

Ein großer politischer Fehler war die Art und Weise, wie ich persönlich versucht habe, relativ schnell in Hamburg eine Schulreform zu machen – gegen die eigene Klientel. Fast drei Viertel waren damals dagegen.

Warum haben Sie es trotzdem gemacht?

Weil ich das Ziel richtig fand. Und mir war klar: Um das Ziel zu erreichen, muss ich Risiken eingehen. Außerdem wollte ich durch eine eigene zögerliche Haltung nicht die Schwarz-Grüne-Koalition gefährden. Die Schulreform war das Kernelement der Grünen – und die Schulreform war der politische Preis, den wir für unsere Projekte zahlen mussten.

Kennen Sie Politiker, die schon mal einen Fehler eingeräumt haben?

Bestimmt kenne ich Jemanden. Aber die meisten tun sich schwer, Fehler einzuräumen. Als Spitzenpolitiker ist man ja der sichtbare Kopf eines Eisberges mit Tausenden von Mitgliedern, die zum Teil seit langem für Sie an einem Ziel arbeiten. Und dann können Sie sich nicht plötzlich hinstellen und sagen: Was wir da gemacht haben, war Unsinn.

Als Politiker darf man also keine Schwäche zeigen?

Ja, das ist in der Tat so. Die Bürger wählen einen Politiker, damit er ihnen ihre Sorgen und Probleme abnimmt und ihnen das Gefühl gibt, das Land sicher durch die Klippen zu steuern. Warum ist Frau Merkel so beliebt? Weil sie den Bürgern genau dieses Gefühl gibt.

Trotzdem: Ist es nicht wichtig, Fehler zuzugeben. Verliert man ansonsten nicht an Glaubwürdigkeit?

Ich glaube nicht, dass die Bundesbürger es honorieren werden, wenn ein Politiker vor die Presse tritt und sagt: Da habe ich einen kapitalen Fehler gemacht. Das ist zwar vielleicht anständig, aber es fördert nicht die Wiederwahl. Das wird ihnen um die Ohren fliegen, dann werden Sie am nächsten Tag von der Bild verprügelt.

Um an die Macht zu kommen, sind Sie 2001, trotz vieler Warnungen, in Hamburg eine Koalition mit der Partei „Rechtsstaatlicher Offensive“ von Ronald Schill eingegangen. Der ehemalige Richter und Rechtspopulist hatte mehrfach wegen rechtsradikaler Aussagen für Eklats gesorgt. War das ein Fehler?

Nein, die Koalition mit Ronald Schill war kein Fehler. Er hat zwar rechte Sprüche geklopft, aber die operative Politik war aus meiner Sicht nicht rechtsradikal. Inhaltlich ist nichts gemacht worden, von dem ich jetzt sagen würde, dass es falsch war.

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Ole von Beust im Gespräch mit impulse-Chefredakteur Nikolaus Förster. Copyright: Ulrich Perrey© Ulrich Perrey

Warum fällt es den Deutschen so schwer, über Fehler zu reden?

Das hat denke ich historische Wurzeln. Während die amerikanische Tradition vom Risiko lebt, davon neues Land zu erobern, spielte hier die Besitzstandswahrung eine große Rolle. Der Staat garantiert in Deutschland ein relativ sicheres, risikofreies Leben. Diese Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück. Diese mangelnde Risikoaffinität führt aber dazu, dass wir uns die Frage des Scheiterns gar nicht stellen. Oder wenn wir sie stellen, ist sie meist negativ behaftet. Nach dem Motto: Das hast du nun davon, dass du Risiken eingegangen bist!

Was muss in Deutschland geschehen, damit hier eine andere Fehlerkultur einzieht?

Man muss diejenigen, die Risiken eingehen, mehr honorieren. Dann würde automatisch auch die Bereitschaft größer, Fehler zuzugeben.

 

Das Gespräch war Teil einer Veranstaltungsreihe zum Thema „Aus Fehlern lernen“. Das Podiumsgespräch mit Ole von Beust fand im Oktober in unserem Verlag statt.

1 Kommentar
  • Dirk Burchard 23. November 2015 14:06

    Die Fehler des Ole von Beust hätten aber viele Anlässe zum Nachfragen gegeben, und zwar ganz vorneweg, wie er heute dazu steht, die Hamburgische Landesbank mit der Schleswig-Holsteins zu fusionieren und als HSH Nordbank mit Investment-Banking reif für eine Börsengang zu zocken – für diesen Fehler der Ära von Beust waren gerade mal wieder weitere 6.3 Milliarden Euro fällig.

    Tafelsilberverkauf wäre auch noch Nachfragen wert gewesen – Stichworte: Asklepios-Rückkehrer oder Wandsbeker Rathaus. Moorburg galt letzte Woche bei seiner offiziellen Inbetriebnahme fast überall als Fehler, und dann wäre da noch das angeblich künftige Wahrzeichen Hamburgs…

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