Reaktionen zum Brexit Wie Politik und Wirtschaft auf den Sieg der EU-Gegner reagieren

In Folge des Brexit rauschen die Kurse in die Tiefe. Doch nicht nur deswegen trifft der Austritt der Briten aus der EU die deutsche Wirtschaft.

In Folge des Brexit rauschen die Kurse in die Tiefe. Doch nicht nur deswegen trifft der Austritt der Briten aus der EU die deutsche Wirtschaft.© picture alliance / dpa

Die Briten wollen raus aus der EU - und das Entsetzen in den Spitzenverbänden der Wirtschaft ist unüberhörbar. Wie reagiert Berlin auf den „schwarzen Freitag“?

Für viele Politiker und Spitzenmanager ist es eine kurze Nacht. Um 6.19 Uhr greift Sigmar Gabriel zum Handy: „Damn! (Verdammt) Ein schlechter Tag für Europa“, twittert der Vizekanzler, Wirtschaftsminister und SPD-Chef. Da ist schon klar, dass die Briten überraschend klar mit knapp 52 Prozent für den Austritt aus der EU sind.

Wolfgang Schäuble verpackt seine Enttäuschung etwas vornehmer. „Wir respektieren den Ausgang des britischen Referendums. Ich hätte mir ein anderes Ergebnis gewünscht“, sagt der wichtigste Minister in Merkels Kabinett. Beide wissen: Mit dem Brexit kommen auf Europa neue wirtschafts- und finanzpolitische Turbulenzen zu. Einen Vorgeschmack liefern die Märkte. Am „schwarzen Freitag“ stürzt der Dax zu Handelsbeginn um zehn Prozent ab. Auch die anderen Weltbörsen gehen in die Knie. Das Pfund fällt ins Bodenlose.

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Deutsche Unternehmen, ihre Spitzenverbände und die Banken reagieren besorgt. Von einer Katastrophe ist die Rede, mit unabsehbaren Folgen: Absatzeinbrüche, Abzug von Firmen und Investitionen von der Insel, jahrelange Ausstiegsverhandlungen – und langfristig das drohende Auseinanderfallen der EU und Druck auf die Euro-Zone. Dass der Finanzplatz Frankfurt aufgewertet und vom Bedeutungsverlust der Londoner City profitieren könnte, ist da nur ein Trostpflaster.

Notenbanken haben Notfallpläne

Die Finanzprofis erwischt der Brexit auf dem falschen Fuß. Die letzten Tage hatten alle auf ein „Remain“ Großbritanniens gewettet – jetzt kommt es anders. Der Börsencrash vernichtet Milliarden-Börsenwert. Für Spekulanten, die auf fallende Kurse gesetzt haben, dürfte es ein goldener Freitag sein.

Um noch größere Schockwellen in der Währungsunion und an den Finanzmärkten zu verhindern, haben die Europäische Zentralbank (EZB) und andere Notenbanken Notfallpläne in den Schubladen. Schäuble und seine G7-Kollegen der westlichen Top-Industrienationen, die am Mittag telefonieren wollten, haben sich seit Tagen für den Brexit-Day abgestimmt. Sie könnten mit noch mehr Finanzspritzen der Notenbanken auf den Märkten intervenieren – Börsenschließungen wären Extremmaßnahmen.

Schäuble verteilte vorab Beruhigungspillen: Die Eurozone sei auf alle Szenarien vorbereitet. Die Finanzmärkte dürften sich absehbar beruhigen. Deutschlands oberster Bankenaufseher Felix Hufeld warnte aber kürzlich, dass es vor allem für Großbanken Probleme geben könnte. Denn diese hätten die meisten Handelsaktivitäten mit beziehungsweise in London.

Barrieren für deutsche Unternehmen

Deutsche Unternehmen müssen sich in den nächsten Monaten und Jahren indes auf neue Barrieren mit einem ihrer wichtigsten Handelspartner einstellen. Politik und Wirtschaft in Berlin ist auch klar – ein einfaches „Weiter so“ wird es in einer verkleinerten EU nicht geben. Das überraschend klare „Ja“ für einen Brexit müsse auch als Weckruf verstanden werden, mahnt nicht nur Schäuble. Eine stärkere Verlagerung nationaler Kompetenzen auf die EU lehnt er ab.

An Warnungen vor den wirtschaftlichen Folgen eines Brexit hat es nicht gemangelt. Kernaussage aller: Leidtragende seien vor allem die Briten selbst, aber auch die deutsche Industrie. Investitionspläne dürften auf Eis gelegt werden. Aus Sicht des Kreditversicherers Euler Hermes muss sich die deutsche Autoindustrie auf Einbußen einstellen, aber auch Maschinenbauer und die Chemiebranche.

Die Industrie fürchtet harte und unmittelbare Folgen für den Handel mit der Insel. Dort arbeiten fast 400.000 Beschäftigte in Niederlassungen deutscher Firmen. „Der Brexit ist für die deutsche Wirtschaft ein Schlag ins Kontor“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, am Freitagmorgen. Auch die Exportwirtschaft sprach von einer Katastrophe für Großbritannien, Europa und Deutschland. „Es ist bestürzend, dass die älteste Demokratie der Welt uns den Rücken kehrt“, meinte der Chef des Außenhandelsverbandes BGA, Anton Börner. „Die Briten werden die Ersten sein, die unter den wirtschaftlichen Folgen leiden werden“»

Kurzfristig ist laut DIHK-Chef Schweitzer zu befürchten, dass der Absatz deutscher Produkte in Großbritannien schwächer wird. Sicherlich sei in den nächsten Wochen mit einer weiteren Abwertung des Pfunds zu rechnen. Insgesamt werde der deutsch-britische Handel schwieriger. „Großbritannien muss Handelsverträge weltweit, aber auch mit der EU komplett neu aufsetzen“, sagte er.

Wie stark die Konjunktureinbrüche für die Briten, Europa und Deutschland am Ende sein werden, kann niemand seriös vorhersagen. Allein die Konjunkturdaten zeigen das wirtschaftliche Gewicht des Königreichs: Ohne die hinter Deutschland zweitgrößte Volkswirtschaft der EU schrumpft die Wirtschaftsleistung der EU um rund 2850 Milliarden auf gut 12.000 Milliarden Euro. Die britische Wirtschaft legte zuletzt dynamischer zu als andere Top-Märkte.

Deutsche Exporteure dürften zu den größten Verlierern gehören

Großbritannien wickelt etwa die Hälfte seines Außenhandels mit EU-Staaten ab. Zu den größten Verlierern dürften deutsche Exporteure gehören, für die die Insel der drittwichtigste Absatzmarkt ist. Großbritannien muss Handelsverträge weltweit, aber auch mit der EU komplett neu aufsetzen – was Jahre dauern kann. Ohne London wird Deutschlands Gewicht als größte EU-Volkswirtschaft noch größer – was in Paris und bei den Südeuropäern nicht nur Freude auslösen dürfte.

Die Deutschen verlieren mit den sperrigen Briten einen wettbewerbs- und freihandelsorientierten Verbündeten. Merkel wird sie bei ihrem Reform- und Sparkurs vermissen. Für Handelsabkommen wie das amerikanisch-europäische TTIP wird es komplizierter. Zusammen mit Briten und Nordeuropäern bekam Berlin im Zweifel eine Sperrminorität zusammen, um die EU auf Marktwirtschafts-Kurs zu halten.

Merkel und Schäuble werden nach ihrer Anti-„Brexit“-Kampagne jetzt schärfere Töne anschlagen – gegenüber London, der EU-Kommission und auch hierzulande. Die EU-Zukunft wird zentrales Wahlkampfthema sein.

Schäuble: „Out is Out“

Großbritannien könne nicht weiter die Vorzüge des Binnenmarktes genießen wie Norwegen oder die Schweiz. „Out is Out“ hatte Schäuble gesagt. Und Merkel: Mit einem EU-Austritt würde Großbritannien den Zugang zum Binnenmarkt verlieren. London müsste sich darauf einstellen, an Verhandlungen, die die EU-Staaten derzeit führten, nicht mehr beteiligt zu werden. Es werde als Drittstaat behandelt.

Um die Phase der Verunsicherung in Grenzen zu halten, werden Berlin und Brüssel schnell zu konstruktiven Verhandlungen übergehen. Schäuble befürchtet, dass das britische Beispiel Schule machen könnte. Bleibe es dagegen bei einem britischen Ausstieg, fürchte er nicht um die EU: „Europa wird zur Not auch ohne Großbritannien funktionieren“, glaubt er.

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