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31.01.2012

Die Macht des Zufalls: Überraschend logisch

Von: Christian Salewski
Begegnung der dritten Art: Wenn die Zukunft ungewiss ist, kann es helfen, das Unerwartete zu erwarten
Zoom Begegnung der dritten Art: Wenn die Zukunft ungewiss ist, kann es helfen, das Unerwartete zu erwarten
© Getty Images = Getty Images
impulse Wissen
Erfolgreiche Innovationen entstehen nicht nach Plan. Wer wirklich Neues schaffen will, setzt sich keine Ziele, er nutzt das Unerwartete. Dazu muss er den Zufall beherrschen - mit einer neuen Theorie namens Effectuation.

Wenn Frank Kensy erzählt, wie er Unternehmer wurde, fällt immer wieder ein Wort: Zufall. Nach seinem Maschinenbau-Diplom arbeitete er in der Düsseldorfer Firma Rhein Biotech. Zufällig erfuhr er, dass einer seiner ehemaligen Professoren an der RWTH Aachen an einer Technik zur Automatisierung jener Bioreaktoren forschte, die er dort bediente. Er ging zurück an die Uni, promovierte über das Thema und las dort zufällig von einem Gründerwettbewerb. Er bewarb sich spaßeshalber gemeinsam mit einem Kommilitonen und gewann.

Plötzlich benötigte er Räume. Zufällig kannte er den Direktor des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie, das, wiederum zufällig, gerade dabei war, ein neues Gebäude zu beziehen und noch Platz hatte. Zufall half auch beim Finden der ersten Geldgeber: Kensys ehemaliger Chef bei Rhein Biotech kannte einige Investoren, die einstiegen. Jetzt wurde es ernst. Kensy gründete das Biotech-Startup M2P-Labs. "Anfangs wussten wir nicht mal genau, was das Produkt eigentlich sein soll", sagt Kensy. "Wir hatten nur die Technik und den Willen, etwas draus zu machen."

Tatsächlich wirkt es so, als sei Kensy eher in sein Startup hineingestolpert, als zielstrebig darauf zuzusteuern. Eine echte Strategie jedenfalls verfolgte er nicht, auch einen ausgeklügelten Businessplan besaß er nicht. Er ließ sich überraschen, band eifrig Bekannte ein. Und doch schadete ihm der Blindflug nicht, im Gegenteil. "Wir haben im vergangenen Jahr den Breakeven erreicht", sagt Kensy. Jetzt stehen die Zeichen auf Wachstum.

Alles Zufall? Reines Glück? Oder bloß eine Ausnahme, die die alte Managementregel bestätigt, dass nur erfolgreich sein kann, wer seine Ziele exakt definiert und seinen Mitteleinsatz rigoros prüft?

"Viele Gründer gehen den klassischen BWL-Planungsweg, hecheln dem Businessplan dogmatisch hinterher und kommen damit keinen Meter weit", sagt René Mauer vom Lehrstuhl Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler der RWTH Aachen. Er hat für seine Dissertation Fälle von Hightechgründungen untersucht, darunter auch Kensys M2P-Labs. "Gründer oder auch Innovationsabteilungen befinden sich in hochgradig unsicheren Situationen", sagt er. "Planung funktioniert hier einfach nicht, weil sie gar nicht die Informationen haben, um zu planen." In solchen Fällen bleibt Unternehmern nur, spielerisch an die Situationen heranzugehen und Zufälle zu nutzen.

Eine neue Theorie, die die alten Glaubenssätze der Managementlehre infrage stellt, behauptet gar: Nur so lässt sich in unsicheren Situationen Erfolg erzielen. "Der Zufall ist alles", sagt Saras Sarasvathy, Entrepreneurship-Forscherin an der University of Virginia. Sarasvathy ist eine Radikale unter den Wirtschaftswissenschaftlern. Seit über einem Jahrzehnt bastelt sie an einem revolutionären Lehrgebäude, das erklärt, wie Innovationen und Unternehmen entstehen. Der Name ihrer Theorie: 3Effectuation. Sie beschreibt eine Handlungslogik, mit der sich die Zukunft beherrschen lässt, ohne dass man dafür Vorhersagen, Ziele oder Strategien bräuchte. Sarasvathys Mission: die Macht des Zufalls nutzbar zu machen.

An Hochschulen überall auf der Welt hat die Inderin inzwischen Anhänger gefunden, die ihren Ansatz weiterverfolgen und mit empirischen Daten unterfüttern, so auch in Aachen. In einer umfangreichen Studie haben die vier Forscher Malte Brettel, René Mauer, Andreas Engelen und Daniel Küpper nun die Theorie genutzt, um den Erfolg von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zu untersuchen. Sie weisen erstmals empirisch nach, dass Entwickler, die hochinnovative Produkte und Prozesse entwerfen, erfolgreicher sind, wenn sie nach den Prinzipien von Effectuation handeln. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass hier die Prinzipien von Effectuation den Erfolg maßgeblich steigern."

Abstract

Was wir vorhersagen können, lässt sich steuern. So funktionierte kausale Logik bislang. Die neue Entrepreneurship-Theorie Effectuation setzt auf die Macht des Zufalls. Sie beschreibt, wie sich die Zukunft beherrschen lässt ohne Vorhersagen, Ziele oder Strategien. Ein Team der RWTH Aachen überprüfte die Theorie in Bezug auf Innovationen und fand heraus: Effectuation macht Entwicklungsprojekte mit hohem Innovationsgrad deutlich erfolgreicher.

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