Diverses Abschied von den Mythen

Wer in der globalisierten Welt Erfolg haben will, muss die Kunst beherrschen, sich an lokale Gegebenheiten anzupassen – und sich von Klischees lösen.

Unternehmertum kann es überall geben, nicht nur in der Wirtschaft. Jeder, der kreativ und wohlüberlegt an sein Leben, seine berufliche Laufbahn und seine sozialen Beziehungen herangeht, ist ein Unternehmer. Um im neuen, digitalen Zeitalter zu überleben, müssen wir Führungskräfte des Unternehmens Leben werden. Der Einsatz ist hoch, aber es gibt auch viel zu gewinnen.

Der bekannteste Vordenker in Sachen Unternehmertum ist Joseph Schumpeter. In seinem Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ aus dem Jahr 1942 definiert der österreichischstämmige Ökonom den Unternehmer als Erneuerer, als Innovator und als jemanden, der Risiken auf sich nimmt und eine im positiven Sinne störende Kraft in der Wirtschaft darstellt. Störend insofern, als der Unternehmer neue Produkte auf den Markt bringt, die andere Produkte an den Rand oder völlig vom Markt drängen. Diesen Prozess nannte Schumpeter „Schöpferische Zerstörung“. Schumpeter war der Ansicht, dass Unternehmer als Visionäre radikal Neues in das Wirtschaftssystem einbringen. Für ihn war Unternehmertum absolut unverträglich mit Planung und Sozialismus. Die Erschaffung eines Sozialstaats würde aus seiner Sicht das Unternehmertum und damit den Antrieb zu langfristigem Wirtschaftswachstum unterdrücken und die gesamte kapitalistische Struktur zerstören.

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Über die Autorin

Foto: Tanja Demarmels für impulse
Den Zusammenbruch von Lehman Brothers erlebte Ainur Begim hautnah mit, sie arbeitete dort in der Kreditabteilung. Heute promoviert die 25-Jährige, die in der Sowjetunion und Kasachstan aufwuchs, an der Yale University über Finanzmärkte. Dieser Text brachte ihr den ersten Platz im Essaywettbewerb St. Gallen Wings of Excellence Award ein.

Der Unternehmer Schumpeter’scher Prägung ist ein individuell denkendes, risikobereites, kreatives Genie, das der Gesellschaft nützt, indem es die wirtschaftliche Entwicklung unterstützt. Diese Definition ist allerdings sehr westlich geprägt. Um es mit den Worten des britischen Kulturtheoretikers Stuart Hall über die Globalisierung zu sagen: Das Schumpeter’sche Unternehmertum ist auf den Westen ausgerichtet und spricht immer Englisch. In einer Welt, die zusehends von nichtwestlichen Gesellschaften wie der chinesischen und der indischen dominiert wird, reicht diese Definition aber nicht mehr aus.

Unternehmertum im 21. Jahrhundert kennzeichnet Hybridität, also die Fähigkeit, globale unternehmerische Praktiken lokalen Gegebenheiten anzupassen. Globalisierung scheint Unterschiede zu absorbieren und zu glätten und die Welt zu verwestlichen. Wollen Unternehmer in einer grenzenlosen Welt konkurrieren und hervorstechen, wird dies möglich durch nationale, politische, ethnische und geschlechtsspezifische Unterschiede, die sich in der Art und Weise niederschlagen, wie Unternehmer über das Geschäft, über die Wirtschaft, über die Politik und über gesellschaftliche Themen denken.

Nehmen wir mein Herkunftsland – die ehemalige Sowjetunion – als Beispiel für Hybridität. Zwar entwickelten sich nach 1991 die Mitglieder der ehemaligen Sowjetunion zu eigenständigen Volkswirtschaften und Gesellschaften, doch sie alle sind geprägt von der sozialistischen Vergangenheit, dem Streben nach kapitalistischer Effizienz sowie einer starken Tradition des Kollektivismus. Unternehmer der Postsowjetära sind ein lebendiges Beispiel dafür, wie Unternehmertum gelingen und sogar vom sozialistischen Erbe und der kollektivistischen Form der Gesellschaft profitieren kann.

Soziales Kapital

In Einklang mit dem Argument des ungarisch-österreichischen Ökonomen Karl Polanyi, die Wirtschaftstätigkeit sei tief eingebettet in der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit, nutzten die Unternehmer der Postsowjetära ihre Verbindungen, Hinweise von Freunden und Verpflichtungen der Familie dazu, ihre Unternehmung zu initiieren oder anzukurbeln, da es schwierig war und ist, Bankkredite zu erhalten. Die Soziologen Peter McMylor, Rosemary Mellor und Nonna Barchatowa beschrieben 2000, dass Freundschaften Geschäftstransaktionen vereinfachten und Verlässlichkeit gewährleisteten. Die Bildung von Netzwerken erwies sich vor allem in Branchen als besonders wichtig, die von Informationen leben, zum Beispiel die Werbebranche. Netzwerke waren hier die Grundlage dafür, Kunden zu gewinnen. Persönliche Verbindungen, familiäre Verpflichtungen und Freundschaften – das, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu als „soziales Kapital“ bezeichnete – waren von zentraler Bedeutung für die Gründung und das Fortbestehen von Unternehmen. Soziales Kapital wurde also in wirtschaftliches Kapital umgewandelt.

Die Sitte, soziales Kapital zu pflegen, ist keineswegs neu. Um in der Mangelwirtschaft der Sowjetära über die Runden zu kommen, verließen sich die Menschen auf ihre sozialen Verbindungen und informellen Kanäle. So gelangten sie auf legalem wie illegalem Weg an seltene Waren und Rohstoffe. In russischsprachigen Ländern wird diese Praxis als „Blat“ bezeichnet. Das alltägliche Leben wurde bestimmt von diesem Austausch an Gefallen und Waren, ganz im Einklang mit der Analyse des französischen Ethnologen Marcel Mauss über den Geschenkaustausch. Der gegenseitige Austausch war unerlässlich für den Aufbau und Erhalt sozialer Beziehungen. Neben dem sozialen Kapital verließen sich die Unternehmer der Postsowjetära auch auf das, was Bourdieu als „kulturelles Kapital“ bezeichnet. Bourdieu glaubte, dass Kultur und wirtschaftliches Kapital vieles gemeinsam haben. Insbesondere kann kulturelles Kapital genau wie Geld genutzt werden, da kulturelle Gepflogenheiten und Normen in soziale Ressourcen umgesetzt werden wie Bildung, Status und Macht. Im Falle der Unternehmer der Postsowjetära trugen Aus- und Weiterbildung dazu bei, Erfolge bei unternehmerischen Aktivitäten zu sichern. Diese Unternehmer nutzten den Vorteil der Ressourcen, über die sie verfügten (wie klein sie damals auch schienen), und setzten sie in der neuen freien Marktwirtschaft ein.

Zweifellos bringen die strukturellen Kräfte oftmals korrupter und ineffektiver Regierungen für die Unternehmer in der ehemaligen Sowjetunion viele Schwierigkeiten mit sich – Vetternwirtschaft, Eingriffe des Staats und mangelhaft konzipierte und schlecht umgesetzte Steuergesetze. Umweltschutz ist in diesem Teil der Welt immer noch neues Ideengut. Die aktuelle Finanzkrise führte zu Einschränkungen bei der Vergabe von Bankkrediten, und nur eine Handvoll Wagniskapitalfirmen sind in der Region präsent. Gleichzeitig erleichtern einfache Verwaltungsrichtlinien die Gründung eines neuen Unternehmens. Technologische Innovationen ermöglichen den Unternehmern der Postsowjetära zudem, mit Geschäftspartnern in aller Welt in Kontakt zu treten. Es gibt also immer noch einen fruchtbaren Boden für Unternehmertum in der ehemaligen Sowjetregion.

Die Lehre, die wir aus den Erfahrungen der Unternehmer der Postsowjetära ziehen können, lautet, dass es nicht ausreicht, ein erfolgreiches westliches Geschäftsmodell zu kopieren. Unternehmerische Ansätze des Westens können nicht einfach anderen Kulturen aufgepfropft werden. Ein Unternehmen in der ehemaligen Sowjetunion zu gründen – oder an irgendeinem anderen Ort – verlangt Kreativität, kulturelles Feingefühl, ein Grundverständnis davon, wie der Staat funktioniert und nicht funktioniert, und sehr viel Geduld. Diesen kulturellen Ansatz mit westlicher Effizienz, Unternehmensethik, angemessener Technologie und Umweltbewusstsein zu kombinieren macht hybrides Unternehmertum aus.

Harte Arbeit, Engagement und Durchhaltevermögen

Wir müssen uns von den veralteten Mythen und Stereotypen über Unternehmertum trennen: Erstens muss eine Geschäftsidee nicht so weltbewegend sein wie die Glühlampe von Thomas Edison; die Idee kann sich sowohl durch Kopie als auch Innovation auszeichnen. Zweitens haben Unternehmertum und Wagniskapital in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition, aber es ist möglich, auch außerhalb großer Finanz- und Technologiezentren wie New Yorks oder des Silicon Valley ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen. Drittens verträgt sich Unternehmertum durchaus mit sozialistischen und postsozialistischen Volkswirtschaften, wie China und Russland zeigen. Viertens ist es möglich, ein Unternehmen auch ohne Unterstützung durch Wagniskapitalgeber zu gründen. Oft sind die eigenen Eltern die größten Anfangsinvestoren.

Bei Unternehmertum geht es zuallererst um harte Arbeit, Engagement und Durchhaltevermögen. Es verlangt viel Energie, Entschlossenheit und Mut. Um ein wirklicher Erneuerer zu werden, reicht es nicht aus, eine glänzende Idee zu haben. Es geht auch darum zu erkennen, welche Wirkung man für die globale wie lokale Gesellschaft und Umwelt zeitigt.

Als jemand, der in der Kreditabteilung von Lehman Brothers gearbeitet und den Zusammenbruch der Bank miterlebt hat, nehme ich das Thema unternehmerische Verantwortung sehr ernst. Unterstützt von einer Armada an Beratern, versuchten Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren, ihr Image aufzupolieren und „grüner“ zu machen. Ein Beispiel ist BP. Allerdings setzten nur wenige von ihnen die theoretischen Abhandlungen und Mission Statements auch in die Tat um. Sich für wohltätige Zwecke zu engagieren ist zwar lobenswert. Noch wichtiger wäre es aber, dafür zu sorgen, dass das allgemeine Geschäftsgebaren verantwortungsbewusst und ethisch sauber ist.

Innovativ und risikobereit

Der in Jamaika geborene Wissenschaftler Stuart Hall sagte vor mehr als zehn Jahren, global und lokal seien zwei Richtungen derselben Bewegung. Wie der Schmetterling in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Ferner Donner“ hat das Geschäftsgebaren in einem Land enorme Auswirkungen auf der ganzen Welt, auch wenn uns dies heute zunächst nicht klar ist.

Der hybride Unternehmer muss innovativ und risikobereit sein. Er darf nicht den einfachen Weg gehen, sondern muss versuchen, ein Geschäftsmodell aufzubauen, das geleitet wird von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, den Beschäftigten und der Umwelt. Besonders wichtig ist dies für Ölstaaten wie Russland, Aserbaidschan und Kasachstan. Während wir in diesen und anderen Ländern weiter gegen Korruption, Vetternwirtschaft und schwache Rechtssysteme ankämpfen, müssen wir kritisch beleuchten, was es eigentlich bedeutet, Unternehmer zu sein – in geschäftlicher Hinsicht, aber auch in Bezug auf andere Faktoren des Lebens. Nur dann können wir tatsächlich zu Erneuerern werden.

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