Diverses „Alles Gute kommt von draußen“

Innovationsmanagement ist einer dieser Begriffe, über den gerne und viel gesprochen wird. In der Praxis versteckt sich dahinter jedoch oft nur heiße Luft.

Die meisten Unternehmen
suchen ihre Umwelt nicht aktiv
nach Ideen für neue Produkte ab,
und wenn sie es tun, dann eher unsystematisch
und nur im eigenen
Markt. Überhaupt widmen sie den
frühen Phasen des Innovationsmanagements
kaum Aufmerksamkeit.

„Wir haben ohnehin mehr Ideen,
als wir verwirklichen können“,
heißt es dann. „Wozu noch suchen?
Mehr Ideen brauchen wir nicht.“
Das mag stimmen. In innovativen Unternehmen
herrscht kein Mangel an Vorschlägen
– oft sind es jedoch nicht die
richtigen Ideen. Das eigene Unternehmen
ist nämlich keine besonders gute
Quelle für radikale Neuerungen, wie
wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen.

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Zunächst einmal sind die meisten eigenen
Innovationsideen ziemlich brav und
harmlos. Es überwiegen kleine Verbesserungen
und neue Varianten. Radikal
neue Würfe sind selten und kommen
fast nie von den Marktführern. Das
Online-Buchgeschäft wurde nicht von
Barnes & Noble erfunden, der iPod nicht
von Sony, Red Bull nicht von Coca-Cola
und Internet-Suchmaschinen nicht von
Microsoft.

Platzhirsche sind blind

Es ist ein immer wieder bestätigtes
Muster: Neue Ideen kommen von
außen, oft von kleinen Startups oder
branchenfremden Entrepreneuren.
Die Platzhirsche sind dagegen blind, in
der Wissenschaft spricht man von „funktionaler
Fixierung“. Wer zu nah am Produkt
dran ist, entwickelt geistige Scheuklappen
und kann sich ein radikal
anderes Produkt kaum
mehr vorstellen. „Who the
hell wants to hear actors
talk?“, fragte der Stummfilmboss
Warner kurz vor der Einführung
des Tonfilms.

Ein großer Teil der radikalen Innovationen
geht zudem auf Ideen und Prototypen
von Produktnutzern zurück. Natürlich
nicht auf Durchschnittskunden,
sondern auf Trendführer,
deren Bedürfnisse weit vor denen
der Masse liegen. Lead-User-Studien
und Communitys, in denen
Nutzer diskutieren, können ganz
neue Denkansätze bringen.
Unternehmen müssen sich ihre
systematische Schwäche
bewusst machen – und danach
handeln.

Innovationen mit dem Fernglas suchen

Für die Verbesserung
von Produkten ist
der Fokus auf das eigene Unternehmen
weiterhin sinnvoll. Radikale Innovationen
sollte
man jedoch eher
mit dem Fernglas
statt mit
der Lupe suchen
– es ist allemal
das bessere
Instrument,
um in
die Zukunft zu
schauen.

Nikolaus Franke leitet den Stiftungslehrstuhl für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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