Diverses Altes Handwerk als Geschäftsmodell

Vor 20 Jahren begann in Waldkirch die Renaissance des Orgelbaus. Die Erfolgsstory zeigt: Die Rückbesinnung auf Tradition trägt Früchte.

Erst wenn es Nacht wird und Bogenlampen den Marktplatz in matt­gelbes Licht tauchen, beginnt für ­einige Männer im Schwarzwaldstädtchen Waldkirch der Feierabend. Sie schließen ihre Werkstätten ab und strömen auf ein spätes Bier zum Jägerhäusle oder zum Bayersepple. Schwielen haben die meisten an den Händen, und manchem hängt noch ein Holzspan an der Arbeitshose.

Lange Arbeitstage sind das Schicksal der Orgelbauer von Waldkirch. Wer in diesem Beruf arbeitet, der fragt nicht nach Überstundenausgleich. Orgelbauer zu sein heißt auch, mit seiner Arbeit den Nimbus Dutzender Handwerkergenerationen aufrechtzuerhalten. Wer irgendwo auf der Welt Waldkirch sagt, soll Orgel denken.

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In Lübeck klappt das schon lange mit dem Marzipan, und Oberammergau lebt gut von seinen Festspielen. Was das im Elztal gelegene Waldkirch von diesen Städten unterscheidet, ist eine mächtige Traditionslücke. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs bringt die Weltwirtschaftskrise das Orgelhandwerk jäh zum Erliegen. Zudem raubt der technische Fortschritt den Drehorgeln und Orches­trien die Zukunft. Sie werden mit der Verbreitung von Grammofon und Radio zu unpraktischen Ungetümen.

Seitdem ist viel passiert. Das Interesse der Menschen an früheren Zeiten und ­eine postmoderne Begeisterung für das technisch Simple, das Analoge hat den Dreh- und Jahrmarktorgeln eine über­raschende Wiedergeburt beschert. Vier ­Unternehmen haben sich in den vergangenen 20 Jahren im Stadtgebiet angesiedelt. Sie geben rund 30 Orgelbauern ­Arbeit, nicht wenig in einer 20?000-Einwohner-Gemeinde, und liefern ihre Orgeln in alle Welt. Waldkirch, im Herzen immer Dorf geblieben, hat sich den Beinamen Orgelstadt zurück­erobert. Längst lebt eine ganze Industrie von diesem Ruf: Die Waldkircher Winzer keltern Orgelwein und Orgelsekt, den die Orgelköche beim Orgelfest servieren. Ein Orgelmu­seum lockt Touristen, die Orgelstiftung bewahrt die Tradition.

Richard Leibinger hat das fast aus­gestorbene Traditionshandwerk vor dem Vergessen bewahrt. So jedenfalls sieht er die Sache. Leibinger ist seit 1983 der sozialdemokratische Oberbürgermeister der Stadt. „Wir haben“, sagt er, „den Orgelbau in Waldkirch wiederbelebt.“ Das klingt ein wenig, als habe er höchstpersönlich eine vom Aussterben bedrohte Spezies ausgewildert. Als sich die ersten Orgelbauer wieder nach Waldkirch trauten, will Leibinger ihnen günstigen Werkstattraum besorgt haben.

War es so? Die Antwort ist heute nicht mehr leicht zu finden. Genauso oft, wie Leibinger von den Orgeln als einem „Stadtmarketingjuwel“ spricht, deren „Alleinstellungsmerkmal“ preist und sich als Vater der Orgelrenaissance darstellt, genauso vehement widerspricht ihm Wolfgang Brommer, Orgelbaumeister. Klar, bei der Suche nach Räumen sei Leibinger behilflich gewesen. Aber was danach kam, hat mit dem Stadtoberhaupt nichts zu tun. Danach nämlich kam der Erfolg. Und der, so scheint es, hat auch in Waldkirch viele Väter.

Deutsche Orgeln für asiatische Kirchen

Die Männer streiten über die Frage, was ein Unternehmen braucht, um zu prosperieren. Geschicktes Marketing, sagt der Bürgermeister. Er hat, so könnte man es sehen, Waldkirch in die Liga der Städte mit geldwertem Beinamen zurück­geführt. Brommer, der Selfmademan, glaubt eher an Fleiß, Qualität und Geschäftsinstinkt. Mit seinem Freund Heinz Jäger gründet er 1988 die Orgelbauwerkstatt Jäger und Brommer, da ist er gerade 29. Heute beschäftigen sie 15 Angestellte, setzen im Jahr geschätzt mehrere ­Millionen Euro um und beliefern Kunden aus Südamerika bis Japan.

Asien ist für das Orgelduo überaus wichtig. „Der Markt für Kirchenorgeln in Deutschland wird eng“, sagt Brommer. „Wir brauchten eine Alternative.“ Also macht er sich, ohne Vorkenntnisse und Kontakte, an die Arbeit. Brommer reist mit einem Orgelprofessor nach Japan, besucht die Musikmesse in Schanghai, spricht mit Vertretern von Handelskammern und liest Fachbücher über die Eroberung des asiatischen Marktes. „Ich habe die 36 Strategeme des chinesischen Generals Tan Daoji entdeckt“, sagt er. Die stammen eigentlich aus dem Krieg, gelten aber auch unter Managern als Taktik fürs Geschäft. „Mit leichter Hand das Schaf wegführen“ heißt eines der Strategeme. In die Welt des Handels übersetzt bedeutet das, „die Gelegenheit beim Schopf zu packen“. Brommer hat das so rückhaltlos beherzigt, dass er inzwischen alle zwei Monate nach Japan, Korea oder China reist und den zahlreichen christlichen Gemeinden seine Orgeln verkauft.

Mit der Zahl der Orgeln in Asien steigt auch der Wartungsaufwand. Doch Brommer findet auch dafür eine Lösung. Er hat junge Chinesen und Koreaner von einer Ausbildung als Orgelbauer überzeugt. Wenn sie ihre dreijährige Lehrzeit in Waldkirch absolviert haben, wird Brommer sie in Asien als Servicemitarbeiter einsetzen. Das spart Reisekosten und schafft vor Ort Vertrauen.

Auch im Orgelbauidyll brodelt es mal

Nicht alle seine Lehrlinge suchen nach ihrer Ausbildung das Weite. Achim Schneider etwa arbeitet seit 2005 in seinem „Werkhaus“ genannten Atelier ein paar Straßen weiter als selbstständiger Orgelbauer. Mit 37 Jahren gehört er zur zweiten Generation der Orgelrenaissance in Waldkirch. Als seine Lehrmeister Jäger und Brommer erfahren, dass ihr ehemaliger Geselle im gleichen Ort einen Betrieb gründet, gibt es Streit. Es geht um Orgeln, Ehre, Plagiate, Unterstellungen. Schneider findet Worte, die er später nicht mehr in der Zeitschrift lesen will.

Es sind ungewöhnlich offene Worte für den ansonsten schweigsamen Mann aus Baden-Baden, und sie lassen einen kurzen Blick zu auf die weniger charmanten Seiten der Waldkircher Orgelbauerwelt, die sich so gern als Kunsthandwerkeridyll präsentiert. Als 2006 zu einem Orgelbaujubiläum eine Festschrift über die Instrumentenbauer erscheint, fehlt Schneiders Name. In den Augen der Verantwortlichen scheint er damals handwerklich oder unternehmerisch noch nicht weit genug gewesen zu sein. „Da wusste ich, dass ich noch nicht dazugehöre“, sagt Schneider.

Inzwischen zweifelt niemand mehr an seiner Kompetenz. Schneider hat mit der Herstellung von Serinetten eine Nische entdeckt. Serinetten sind schuhschachtelgroße Vogelorgeln, die das Zwitschern von Vögeln imitieren und die walzen­getrieben kurze Melodien spielen. Das Wissen für den Bau der Miniorgeln hat er sich über Monate erarbeitet. „So schnell baut die mir keiner nach“, sagt er.

Für rund 2000 Euro verkauft er seine Serinetten. Auch wenn er einige davon im Jahr herstellen kann, rechnet sich das Geschäft noch nicht wirklich. Er beginnt um halb acht, und vor 21 Uhr schafft er es selten, die Arbeitslampe auszuschalten. Zudem bietet er dreimal die Woche Werkkurse für Kinder an. Bleibt freie Zeit, ist Schneider wieder bei den Orgeln. Er plant, sie mit der differenzierten Anschlagtechnik eines Klaviers zu versehen. Dann könnte man nicht nur in einer Lautstärke spielen, sondern variieren. Mehr will er dazu nicht sagen. „Die Idee ist noch nicht so weit.“

Vielleicht will Schneider aber auch einfach seine Ideen nicht eines Tages bei den Kollegen wiederfinden. Zwar be­tonen alle, wie kooperativ ihr Verhältnis sei. Es spricht aber einiges dafür, dass es hinter der Fassade mitunter brodelt. So erzählt Bürgermeister Leibinger fast ­nebenbei, dass 1999, zum 200-jährigen Jubiläum der Waldkircher Orgelbautradition, alle Werkstätten zusammen ein Instrument namens Altobella Furiosa bauen sollten. Leibinger geht nicht ins Detail, sagt aber, dass er den Handwerkern drohen musste, um das Gemeinschaftswerk zu bekommen.

Am Bau war damals auch Stefan Fleck beteiligt, der seine Werkstatt in der Nähe des Bahnhofs betreibt. Fleck, ein kleiner Mann Ende 40, der viel lacht und barfuß durch die Werkstatt geht, hat mit dem Restaurieren von Dreh- und Jahrmarktorgeln seit 1993 seine Nische in Waldkirch gefunden. „Der Markt ist ständig in Bewegung“, sagt er. „Immer wieder tauchen historische Instrumente auf, die restauriert werden müssen.“ Eine Hälfte von Flecks Auftraggebern sind Sammler, die andere Museen. Je weniger er das Material des Instruments bearbeiten muss, desto höher wird seine Arbeit ­geschätzt. „Jedes zusätzliche Bohrloch ist eine Niederlage, jedes Neuteil ein Verlust“, sagt Fleck.

Mit dieser Einstellung hat er sich einen guten Ruf erarbeitet. Aus Frankreich, den USA und den Niederlanden kommen die Aufträge – oder aus Waldkirch selbst. Für das zur Orgelausstellung umgebaute Stadtmuseum hat Fleck viel gearbeitet, seither gilt er als Protegé von Bürgermeister Leibinger. Sagen würde das niemand öffentlich. Aber hinter vorgehaltener Hand tuschelt die Branche.

Von Krise bisher keine Spur

Gut möglich, dass so viel Missgunst ein Grund war, warum sich die Waldkircher Stadtväter vor rund 150 Jahren dazu entschlossen, in die Stiftskirche Sankt Margarethen ausgerechnet eine Walcker-Orgel einbauen zu lassen – kein Instrument aus dem Ort. „Der Prophet gilt nicht viel im eigenen Land“, versucht Organist ­Stephan Ronkov, den kuriosen Kauf zu erklären. Warum die Wartung noch heute eine Firma aus Freiburg unternimmt, kann auch er nicht sagen. „Der Nachbar ist einem ja oft ferner als der Fremde.“

Wolfram Stützle wäre ein solcher Nachbar. Der Orgelbauer arbeitet in der Werkstatt seines Großvaters, nur wenige Hundert Meter von Sankt Margarethen entfernt. Stützle baut neue Kirchenorgeln. Damit bewegt er sich auf dem Terrain seiner Nachbarn Jäger und Brommer, der Asienexperten. „Es zieht mich nicht nach Fernost“, sagt Stützle, wenn er nach den Kollegen gefragt wird. Mit zwei Gesellen und einem Lehrling schafft er es in guten Jahren, eineinhalb Orgeln zu bauen, die durchschnittlich 110?000 Euro kosten. Mehr Kollegen will er nicht, weniger auch nicht. „Das ist meine Werkstatt­größe, so fühle ich mich wohl“, sagt er.

Stützles Orgeln stehen in Leutkirch, Schlierbach oder Unterboihingen – allesamt Orte in der Nähe, die der Orgel­bauer schnell mit dem Auto erreichen kann. Spätestens am Wochenende muss er zu Hause in Waldkirch sein, wo er in den Gemeinden der Umgebung als Organist spielt und einen Kirchenchor leitet.

Städte mit Extras
Nicht nur die Schwarzwälder punkten mit Produkten und Veranstaltungen.

Lübeck Die Stadt an der Trave und das Marzipan verbindet eine fast 500-jährige ­Geschichte, doch erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts trägt sie ihren berühmten Beinamen. Heute exportieren die Lübecker Marzipanbäcker die ursprünglich aus dem Orient stammende Süßigkeit in alle Welt – und sichern mehrere Hundert Arbeitsplätze in der Hansestadt.

Oberammergau Seit 1634 führen die Menschen im bayerischen Oberammergau alle zehn Jahre ihr Passionsspiel auf. Die Dorfbewohner stellen dabei in sechs Stunden die letzten fünf Tage im Leben Jesu Christi nach. Das Spektakel hat den Ort international berühmt gemacht – und reich: 2000 sahen 520?000 Zuschauer in 110 Aufführungen die Passion, acht Prozent mehr als 1990.

Stützle ist ein Mann, der lange nachdenkt, bevor er antwortet. Dann legt er den Kopf in die Hand, schaut kurz zum Fenster hinaus in Richtung des Wald­kircher Hausbergs und hinterfragt viel, stellt nicht einfach fest. „Nein“, sagt er, „man muss nicht musikalisch sein, um ein guter Orgelbauer zu sein, aber ohne Begeisterung für die klassische Musik geht es auch nicht“, sagt er. Und er lässt sich auch keine Krise einreden, wo er keine sieht. „Wir sind bis Ende nächsten Jahres ausgebucht.“

Die Orgelbranche hat an Aufträgen keinen Mangel, Wirtschaftskrise hin oder her. Doch die Einschläge kommen näher. Der Waldkircher Sensorhersteller Sick schickt im Frühjahr Hunderte seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit. Als dann im Sommer der Waldkircher Verpackungshersteller Faller nachzieht, geht in der Stadt die Angst vor dem Jobverlust um. Wolfgang Brommer glaubt, dass in den kommenden Jahren einige seiner Kollegen pleitegehen werden, mehr will er dazu nicht sagen, nur so viel: „Wir sind für die kommenden drei Jahre ausgebucht.“ Stefan Fleck sagt: „Bis 2011 sind wir versorgt.“ Und Wolfram Stützle? „Auf zwei Jahre hinaus finanziert.“

Ob die Auftragsbücher wirklich so voll sind oder sich die als stur verschrienen Schwarzwälder Handwerksmeister im Kräftemessen üben, muss offen bleiben. Keiner will sich zu tief in die Karten gucken lassen. Die größten Zukunftschancen könnten die Orgelbauer bei Jäger und Brommer haben. Auch wenn es die beiden Geschäftsführer noch abstreiten. Über kurz oder lang werden sie die erste Filiale in China eröffnen müssen. Und Waldkircher Orgeln mit einem neuen ­Etikett versehen: Made in China.

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