Diverses Auf Frauen bauen

Jahrzehntelang mussten sich Frauen in der deutschen Wirtschaft Führungspositionen erkämpfen. Neuerdings stoßen sie immer öfter auf Männer, die sie bei ihrem Aufstieg aktiv unterstützen. Die Förderer haben verstanden: Mehr Frauen sind gut fürs Unternehmen.

Andrew Robertson ist ein Kerl wie aus dem Katalog. Stets braun gebrannt und gut gelaunt. Unter dem Maßhemd zeichnen sich dezent Bauchmuskeln ab. Ein Körper voller Adrenalin und Testosteron. Wie er da so steht, die Arme vor der Brust verschränkt, auf den Fußspitzen wippend und von giggelnden Frauen umringt, auf einer Konferenz in München vergangene Woche – das perfekte Klischee eines Machos.

Der Eindruck trügt. Der Chef der Werbeagentur BBDO hat eine Metamorphose zum Frauenversteher durchgemacht. Notgedrungen, denn die Medienkrise verlangte nach neuen Wegen. Seitdem beschäftigt sich der 49-Jährige mit dem, wie er selbst sagt, „komplexen Wesen des weiblichen Geschlechts“. Seine Erkenntnisse klingen wie aus einem drittklassigen Paar-Ratgeber: „Männer steuern geradewegs auf ein Ziel los, Frauen gehen auf Erkundungstour“, „Männer sind passiver, Frauen aktiver – sie ist kreativ, während er sich lieber berieseln lässt“ oder „Männer leben gern in einer Fantasiewelt, Frauen lieber in der Realität“.

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Doch diese Beobachtungen sollten Unternehmen dazu bringen zu handeln, und zwar rasch: „Frauen blicken anders auf die Welt“, sagt Robertson, „wenn wir sie als Kundin erreichen wollen, müssen wir sie in den Entscheidungsprozess einbeziehen.“ Der Agenturchef hat bereits reagiert. In der BBDO-Zentrale in New York sind 55 Prozent der Belegschaft weiblich. Die Länderchefs in Australien, Malaysia, Russland, China, Frankreich und in den Niederlanden – allesamt Frauen.

Das Jahrzehnt der Frauen hat begonnen. Nicht nur als Konsumentin sind sie gefragt, sondern auch als Entscheiderin und Managerin. Das weibliche Geschlecht wird zum gigantischen Wirtschaftsfaktor. Der Grund: Weltweit gibt es immer mehr Uni-Absolventinnen, deren Einkommen stetig steigen. 5000 Milliarden Dollar mehr als heute werden Frauen in den kommenden fünf Jahren verdienen, schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Das ist mehr als das prognostizierte Wirtschaftswachstum von China und Indien zusammen.

Frauen sind der Markt der Zukunft. Und nicht nur das: Studien belegen, dass Unternehmen erfolgreicher arbeiten, wenn mehr Frauen an der Spitze stehen. Die kalifornische Pepperdine-Universität hat untersucht, wie 215 Unternehmen aus der Fortune-500-Rangliste über einen Zeitraum von 19 Jahren abschnitten. Das Ergebnis: Die Firmen mit der höchsten Bereitschaft, Frauen im Management zu unterstützen, waren im Industrievergleich bis zu 69 Prozent erfolgreicher. Das gilt auch im Finanzsektor. Eine Langzeitstudie des Finanzdienstleisters Bloomberg zeigt deutlich, dass von Frauen gesteuerte Fonds zum Teil doppelt so gut abschnitten wie die ihrer männlichen Kollegen.

Auch in eher konservativen Kreisen setzt sich diese Erkenntnis langsam durch. Georg Graf Waldersee, Managing Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, erwägt sogar – als letztes Mittel – eine Frauenquote einzuführen. Denn er hat Nachwuchssorgen: „Bei uns fangen genauso viel Frauen an wie Männer. Doch oben kommen sie nicht an.“ Er hält die Lage für dramatisch: „Wenn wir so weitermachen, dann haben wir in fünf Jahren ein echtes Problem.“ Denn Frauen seien dafür bekannt, gründlicher zu sein, genauer hinzugucken. Alles Eigenschaften, die ein Wirtschaftsprüfer gut gebrauchen kann – und die die Kunden auch verlangen.

Die Ochsentour zum Frauentrip

Auf frauenfördernde Maßnahmen musste Margarete Haase in ihrer Karriere noch verzichten. Die 56-jährige Managerin ist seit April 2009 Vorstand für Finanzen, Personal und Investor Relations beim Motorenbauer Deutz in Köln. Als sie kam, steckte das Unternehmen in der Krise. Heute schwingt Stolz mit, wenn sie sagt: „Der Turnaround ist gelungen.“ Zuvor hatte sie beim Dieselmotorenwerk von Daimler in Berlin gearbeitet – also ebenfalls in einer Männerdomäne. Das hat sie auch oft zu spüren bekommen. „Ich bin die Ochsentour gegangen“, sagt sie. Sie sei in ihrer Laufbahn auf wenig Unterstützung gestoßen, freue sich aber über jedes neu aufgelegte Mentoringprogramm und „jeden Mann, der einer Frau eine Chance gibt“.

Das tut Alec Kelleher. Seine Firma Cognitive Match analysiert Käuferverhalten und die weibliche Sicht auf Produkte. Wie wichtig Frauen für den Erfolg sind, erklärt er am Beispiel Apple. Firmengründer Steve Jobs beziehe bereits bei der Entwicklung seiner Produkte neben Technikern auch Managerinnen mit ein. „Deshalb haben Apple-Geräte abgerundete Ecken“, sagt Kelleher. Ein scheinbar banales, für die Kaufentscheidung jedoch entscheidendes Detail. Und mit ein Grund dafür, dass Apple viel mehr Produkte an Frauen verkauft als andere Elektronikanbieter.

Auch Thomas Sattelberger möchte so ein moderner Mann sein wie der Verkäufer von den Kultcomputern. Deshalb berief der Personalvorstand der Deutschen Telekom gerade eine Frau zur Innovationschefin: Anastassia Lauterbach, gerade mal 37 Jahre alt, wird in Zukunft für mehr runde Ecken sorgen – sinnbildlich gesprochen. Sattelberger, der von einer Firmenkultur wie bei Apple oder Google träumt und sich für den Bonner Firmencampus einen Geschlechter- und Nationenmix wünscht wie bei den kalifornischen Firmen, hat gerade eine Frauenquote eingeführt: Bis 2012 soll es 30 Prozent Frauen in Führungspositionen geben.

Bevor Sattelberger die Quote bekannt gab, diskutierte er auf einer internen Konferenz im Februar intensiv mit den Frauen, die im Konzern arbeiten. Seine Erkenntnis: Ein Unternehmen sei ein Kaleidoskop aus Meinungen. „Für osteuropäische Managerinnen war das gar kein Thema mehr, da sind Frauen in der Führung ganz natürlich“, sagte er. Viele deutsche Kolleginnen hätten gesagt, dass sie lieber über ihre Leistung identifiziert würden als über Quotenregelungen. Dennoch setzte Sattelberger die Frauenquote durch. Inzwischen wird er dafür von den Frauen gelobt.

Ein anderer Bonner Konzern, die Deutsche Post, ist inzwischen auch auf dem Frauentrip. Vorstandschef Frank Appel ärgerte sich internen Informationen zufolge ziemlich darüber, dass die Telekom mit der PR-trächtigen Quotenforderung vorgeprescht war. Appel lehnt dieses Instrument ab. „Frauen werden ihren Siegeszug in Unternehmen von ganz allein antreten“, ist sich der Post-Chef sicher.

Dass es wirklich von allein geht, glaubt Appel aber wahrscheinlich selbst nicht. Denn zu den Frauen, auf die er zählt, gehört Ria Hendrikx. Die gebürtige Holländerin ist Zentralbereichsleiterin für Human Resources mit Verantwortung für Personal und Arbeitsmanagement. Die 52-Jährige arbeitet seit neun Jahren daran mit, das Unternehmen umzubauen und frauenfreundlicher zu machen. „Wir brauchen eine neue Kultur“, sagt Hendrikx, „eine, die Innovation fördert, indem sie Kreativität fördert und dabei auch mal Fehler in Kauf nimmt.“ Und sie weiß, dass es ein langer Weg sein wird, sich von konzerntypischen Befehlswegen abzulösen.

Headhunter lauern auf die knappe Ressource Führungsfrau

Eine der Frauen, die schon große Schritte auf diesem Weg gemacht hat, ist Melanie Kreis. Sie hatte, hochschwanger, den Postbank-Verkauf mit durchgezogen. Dafür bedankt Appel sich nun. Er erwähnte ihren Namen, als er gefragt wurde, wer bei dem einstigen Staatsunternehmen wohl das Potenzial für einen Vorstandsposten habe. Die 39-Jährige, inzwischen Leiterin des konzernweiten Controllings, gehört zu seinen Favoritinnen.

Appel muss gut auf sie aufpassen. Denn Headhunter haben Frauen längst auf ihrer Liste. Konzernvorstände fragen immer öfter nach geeigneten Frauen für die deutschen Vorstandsetagen. Rolf Dahlems von Signium International oder Personalberater Heiner Thorborg pflegen ihre Kontakte zu Managerinnen deshalb seit geraumer Zeit ausdauernd und liebevoll. Thorborg setzt angesichts der knappen Ressource Führungsfrau verstärkt auf Schweizerinnen. Die erfüllen den Wunsch seiner Konzernkunden gleich mehrfach: Sie sind weiblich, ausländisch – und deshalb begehrt.

Im Rennen um die Gunst des weiblichen Geschlechts umschmeichelte Dahlems die Damen neulich öffentlichkeitswirksam – mit dem Ruf nach einer Quote. Die sei für Frauen in Führungspositionen eine Art „Anschubfinanzierung“. Thorborg zog nach: „Eine gesetzliche Verpflichtung“, gab er zu Protokoll, sei nicht im Sinne seiner Kunden. Aber 20 Prozent Frauen in Führungspositionen seien für moderne Unternehmen ein Muss.

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