Diverses Botho Strauß trifft auf Tokio Hotel

Was verbindet den publikumscheuen Theaterautor Botho Strauß mit der schrillen Teeny-Popband Tokio Hotel? Nichts, glauben Sie? Das ist falsch! Zusammengebracht hat diese gegensätzlichen Charaktere der Objekt- und Fotokünstler Thomas Demand – in einer Ausstellung der Berliner Nationalgalerie.

Das war schon lange überfällig. Nachdem Demand auf dem internationalen Kunstmarkt schon seit Jahren als Superstar gehandelt wird und ihm von New York (Museum Of Modern Art) bis London (Serpentine Gallery) viel beachtete Einzelausstellungen ausgerichtet wurden, widmet ihm endlich auch sein Heimatland eine große Schau. Bis zum 17. Januar ist seine auf den ersten Blick unspektakuläre aber umso nachhaltiger wirkende Kunst in Berlin zu sehen.
40 Arbeiten werden gezeigt – davon sind fünf neu. Und alle werden von Strauß, dem wichtigsten zeitgenössischen Theaterautor Deutschlands, der sonst noch nicht einmal Interviews gibt, mit Kommentaren versehen, Die wiederum werden in Glasvitrinen, ebenfalls als Kunstobjekte, ausgestellt.

Die Arbeitsweise des 45-jährigen Demand ist extrem aufwendig: Er baut bekannte Zeitungs- und Magazinfotos aus Papmachee nach um sie dann zu verfremden und abzufotografieren. Mit dieser Arbeitstechnik kamen nicht nur Uwe Barschels Badezimmer im Genfer Hotel Beau Rivage zu einer völlig neuen Ästhetik, sondern auch Barack Obamas Arbeitsplatz oder die Bushaltestelle an der die beiden Tokio-Hotel-Mitglieder Tom und Bill Kaulitz morgens immer in den Schulbus einstiegen.

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Bizarre Story künstlerisch aufbereitet

Obwohl die Geschichte um die Kaulitz-Brüder bekannt ist (die Haltestelle wurde zuerst zum Wallfahrtsort Tausender Fans; nach ihrer Zerstörung durch Randalierer versteigerte die Heimatgemeinde der Musiker Bruchstücke bei E-Bay zu Preisen bis zu 4000 Euro) erreicht diese bizarre Story bei Demand durch ihre künstlerische Aufbereitung eine völlig andere Dimension.

Vom Führerhauptquartier Wolfsschanze, in dem 1944 ein Attentat auf Hitler scheiterte über Robert Lembkes Fernsehklassiker „Hätten Sie`s gewusst?“ bis zum Plenarsaal des Bonner Bundestags hat der mittlerweile in Paris lebende Künstler weder vor bedeutungsschwangeren Orten noch vor Trivialitäten halt gemacht – seine unverkennbare Handschrift verändert die Identität der meist sehr bekannten Fotos komplett.

Kunst mit Uhu

Der durch schwarze Stoffvorhänge abgeteilte 1968 von Mies van der Rohe fertig gestellte Glasbau der Neuen Nationalgalerie bildet für die hinter Acryl ausgestellten Fotos ein nahezu perfektes Ambiente.

Übrigens. Wie Demand im Interview verriet, verwendet er beim Bau seiner Pappmodelle einfachste Hilfsmittel. Wichtigstes Handwerkzeug im künstlerischen Schaffensprozess ist Alleskleber von Uhu.

Neue Nationalgalerie Berlin, bis 17. Januar 2010; Öffnungszeiten Di., Mi., Fr. 10 -18 Uhr, Do. 10 -22 Uhr Sa/So 11 -18 Uhr

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