Diverses Buckelpiste nach Gütersloh

Vorschlag für den frisch gekürten Bundeskanzler: Man sollte ihn aus seiner Dienstlimousine Marke Audi oder BMW zerren, in einen Kleinwagen umbetten und einen Tag lang auf der buckligen und löchrigen Landstraße 788 zwischen Bielefeld und Gütersloh hin- und herfahren lassen.

Vorschlag für den frisch gekürten Bundeskanzler: Man sollte ihn aus seiner Dienstlimousine Marke Audi oder BMW zerren, in einen Kleinwagen umbetten und einen Tag lang auf der buckligen und löchrigen Landstraße 788 zwischen Bielefeld und Gütersloh hin- und herfahren lassen. Dabei sollte er sich Gedanken über die Mittelstandspolitik der nächsten Jahre machen.

Warum sich das lohnte? Auf dieser Buckelpiste nach Gütersloh, von Bielefelder Unternehmern gerade zur »Schlechtesten Straße in Ostwestfalen 2002« gekürt, würde er am eigenen Leib erspüren, wo den Freiberuflern, Selbständigen und Unternehmern in diesem Land der Schuh drückt.

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Von der maladen Weltkonjunktur und dem miesen Konsumklima heimgesucht, wird für viele Selbständige in Deutschland die Kapitaldecke zu kurz und die Füße kalt. Nicht nur jenen, denen die Jahrhundertflut die Existenz genommen hat, sondern vielen Unternehmern in Handwerk, Handel und Dienstleistungsgewerbe.

Die Insolvenzflut in Ost und West ist die eigentliche nationale Katastrophe. Da werden die Ansprüche der Selbständigen an die Politik ganz bodenständig. Eine aktuelle impulse-Umfrage, welches Bundesland das unternehmerfreundlichste ist, belegt nämlich nicht nur, dass Bayern und Baden-Württemberg die Nase vorn haben, sondern auch, dass den Unternehmern das Hemd näher als die Hose ist. Die Politik soll gefälligst dafür sorgen, dass die Infrastruktur stimmt – Bildung, Forschung, Straßenbau. Eher schnuppe sind ihnen Verwaltung, Steuern und Abgaben.

Das wiederum zeigt ein in Jahren gewachsenes Misstrauen der Selbständigen gegenüber der Politmaschinerie. In 16 Jahren Kohl und in vier Jahren Schröder ist ihnen – wie etlichen Bundesbürgern auch – der Glaube abhanden gekommen, dass die Politiker zum Ruck, der durch Deutschland gehen muss, willens und fähig sind. Den letzten Beweis lieferte der Wahlkampf. In der Polit-Waschmaschine wurden die Reformkonzepte jeder Couleur derart weich gespült, dass dem Wahlvolk die kommende Legislaturperiode wie eine Kuscheltour vorkommen muss.

Reformen am Arbeitsmarkt ja, aber bitte ohne Härten für Arbeitslose und bei gleich hohem Kündigungsschutz für Arbeitnehmer. Reform der Sozialsysteme ja, aber bitte mit lustmordenden Bürokratiekonstruktionen wie bei der Riester-Rente. Reform am Gesundheitsmarkt ja, aber bitte auf höchstem Niveau für alle.

Das trifft haargenau auf eine flauschig gewebte Gesellschaft, auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber, denen die Bewahrung der eigenen Besitzstände über alles geht. Denn schlimmer als der allmähliche, aber fortschreitende ökonomische Abstieg ist offenbar die Furcht vor jeglicher Veränderung. Einer muss den ersten Stein werfen, dem neuen Kanzler ist der Mut dazu zu wünschen. Impulse bekommt er auf der Buckelstrecke nach Gütersloh.

Thomas Voigt, Chefredakteur
chefredaktion@impulse.de

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