Diverses Cloud-Computing im Mittelstand

Bisher bremsen massive Compliance- und Datenschutzprobleme den Wolkenboom. Dennoch stellen namhafte Firmen ihre IT-Landschaft bereits um. Die Anbieter arbeiten unterdessen daran, ihre Dienste wasserdicht zu machen.

SAP-Aufsichtsrat Dietmar Hopp bittet um Geduld. Der Mitgründer des größten deutschen Softwareunternehmens geht zwar davon aus, dass SAPs „Business ByDesign“-Software für kleine und mittelständische Unternehmen „in voller Schönheit noch dieses Jahr zur Verfügung steht.“ Der Marktstart der Mietsoftware für die allgemeine SAP-Kundschaft lässt seit Jahren auf sich warten. „Bis aber mal 100.000 und dann 500.000 Kunden es nutzen, ist es noch ein weiter Weg“, sagt Hopp. Er erwartet erst 2013 einen Durchbruch für die neue Mittelstandssoftware von Europas größtem Softwarehersteller.

Das könnte zu spät sein, denn „Business ByDesign“ ist als Antwort auf eine Herausforderung gedacht, der sich nicht nur SAP als Business-Softwareanbieter stellten muss: Junge Senkrechtstarter wie Salesforce und etablierte Riesen wie der Suchmaschinengigant Google schaffen es, mit so genannten Cloud-Anwendungen zunehmend Firmenkunden zu begeistern. Dass SAP mit seiner Mietlösung seit Jahren große Startschwierigkeiten hat, spielt ihnen in die Hände. Gerade etwa verkündete der Infusionstechnikhersteller Fresenius Kabi Deutschland, dass er nun seinen Kundenstamm in den Kliniken und Arztpraxen mit einer Lösung aus der Computerwolke pflegt. Software von Salesforce unterstützt Marketing, Kundenservice und Vertrieb. Nach und nach soll das CRM-System aus der Cloud eine SAP-Eigenentwicklung ablösen.

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Online-Arbeitsplatz für 40 Euro

Anwendungen, die nicht an jedem Computer einzeln installiert werden, sondern auf einem zentralen Server liegen und etwa per Browser an jedem Ort abgerufen werden können, sind für viele Unternehmen attraktiv. Derzeit verwenden laut einer Untersuchung von Microsoft bereits 65 Prozent aller kleinen und mittelständischen Unternehmen gehostete IT-Anwendungen. Von den Unternehmen, die bislang noch keine „Hosted Services“ nutzen, spielen 73 Prozent mit dem Gedanken, dies in Zukunft zu tun. 2008 lag dieser Wert nur bei 44 Prozent.

40 Euro kostet es beispielsweise, einen Firmenarbeitsplatz ein Jahr lang in die Google-Cloud zu verlagern. Der Preis bringt viele Firmen dazu, wenigstens vorübergehend einmal Googles Dienste auszuprobieren. Junge Softwarefirmen wie Xing, Twitter oder Radio.de haben ohnehin kein Problem damit, die eigenen Daten fremden Netzwerk- und Serverbetreibern komplett zu überlassen.

Google-Partner sieht kaum Gefahren durch Hackerangriffe

Der traditionelle Mittelstand tut sich dagegen schwerer – unter anderem, weil viele Firmen befürchten, dass ihre Daten in den Cloud-Anwendungen nicht sicher sind. Auch Compliance- und Datenschutzfragen bremsen die Auslagerung-Euphorie bei potentiellen Kunden.

Zwar sind die Sicherheitsbedenken oft unbegründet, etwa, wenn es darum geht, Daten in Googles Rechnernetz auszulagern. „Selbst wenn eines dieser Rechenzentren geknackt werden sollte, lässt sich aufgrund einer verteilten Datenhaltung von Google mit diesem einen Rechenzentrum alleine noch nichts anfangen“, sagt David Gould, Deutschlandchef der IT-Dienstleisters Insight Technology Solutions in Ismaning bei München, einen Vertriebspartner von Google. „Denn jede Datei wird vom Google Service in viele Bruchstücke zerlegt und diese Teile werden an unterschiedlichen Orten gespeichert. Erst wenn man alle diese Teile zusammengefunden hat, entsteht daraus wieder die Ursprungsdatei.“

Kritische Daten sollten auf Unternehmensrechnern bleiben

Die Stärke der flexiblen, globalen und physisch kaum fassbaren Cloud-Technologie ist aber gleichzeitig aus Compliance-Sicht ihr größter Nachteil. Die Mailkonten der Google-Apps-Nutzer existieren beispielsweise gleichzeitig an mehreren Orten, sie sind mehrfach in den unterschiedlichen Rechenzentren in den Vereinigten Staaten und Europa gespiegelt. Das erlaubt rund um die Welt einen schnellen Zugriff auf die Mails und trägt dazu bei, dass gespeicherte Mails bei punktuellen Datenverlusten problemlos wieder her gestellt werden können. Es ist aber nicht möglich, bei Google nur Platz in einem bestimmten Rechenzentrum zu buchen, so dass Daten beispielsweise nur in Europa liegen. Weil Unternehmen aber dazu verpflichtet sind, gegebenenfalls den Behörden nachzuweisen, dass sie ihre Daten, insbesondere die personenbezogenen Daten, angemessen sorgfältig aufbewahren, ist das für viele Firmen ein Problem, warnt der Anwalt Felix Wittern, der in Hamburg als Partner bei der internationalen Kanzlei Field Fisher Waterhouse Technologiefirmen berät.

Die Idee, zu 100 Prozent alle Daten in die Cloud auszulagern, ist entsprechend unbeliebt bei den Kunden. „Die IT-Infrastruktur eines Unternehmens, so wie wir sie heute kennen und nutzen, wird sicher nur in Ausnahmefällen vollständig durch Cloud-Angebote ersetzt werden“, sagt David Gould, Deutschlandchef der IT-Dienstleisters Insight Technology Solutions in Ismaning bei München. „Vielmehr werden wir hybride IT-Infrastrukturen erleben.“ Das bedeutet: Ein Teil der Daten – nämlich der, der keine Datenschutzprobleme verursacht – und oft auch nur die weniger geschäftskritischen Anwendungen wandern in die Cloud. Der Rest bleibt wie bisher auf den Unternehmensrechnern.

Cloud-Anbieter buhlen um Kunden

Vor allem Microsoft hat nach Ansicht von Experten gute Chancen, mit hybriden Cloud-Konzepten zu punkten. Fast alle Firmen haben ohnehin bereits Office-Anwendungen oder das Betriebssystem Windows im Haus. Sie weiter nutzen und trotzdem beim Hosting und bei der Systempflege zu sparen, ist für viele Firmen attraktiv. Dem Riesen aus Redmond ist es wie SAP lange schwer gefallen, Hosting-Lösungen anzubieten, die das sehr einträgliche Geschäftsmodell der Einzelplatzsoftware in Frage stellen. Nun will Microsoft – anders als reine Cloud-Anbieter wie Salesforce – den Nutzern das Beste aus beiden Welten anbieten. So kombiniert Microsoft bei den neuen Office-Lösungen lokale Software auf Endgeräten und Online-Services in der Cloud.

Seit vergangenem Jahr sind Cloud-Anwendungen auf Basis von Windows Azure auch in Deutschland erhältlich. Auf Grundlage von Microsoft Dynamics CRM bietet die Deutsche Post ihren Geschäftskunden künftig eine Plattform für Dialog-, Vertriebs- und Servicemanagementdienste, den „Dialogmanager Online“, über das Internet an. Andere IT-Anbieter halten mit eigenen, innovativen Cloud-Angeboten dagegen: Der Dortmunder IT-Dienstleister Materna etwa stellte auf der CeBIT 2010 erstmals seine Angebote für Cloud-Computing anhand konkreter Anwendungsbeispiele vor. Speziell für Anbieter von Trainings- und Fortbildungsmaßnahmen zeigte das Unternehmen die Lösung „Training in a Cloud“. Dort können Unternehmen auch ohne IT-Know-how und eigene Rechner-Infrastruktur individuell virtuelle Schulungsumgebungen einrichten, ohne dass sie manuell installiert werden müssen.

Rechtssicherheit als Leistungsmerkmal

Neben der wachsenden Zahl attraktiver Dienste und Anbieter könnte aber eine andere Entwicklung den Enterprise-Clouds einen massiven Schub verpassen: Der Verband der Cloud-Computing-Industrie, EuroCloud Deutschland, stellte vor kurzem ein Programm vor, das sich vor allem auf mehr Rechtssicherheit für Cloud-Services konzentriert und geht damit das dringlichste Problem beim Cloud-Computing an. Anwender und Anbieter von Cloud-Computing erhalten zukünftig vom Verband Unterstützung bei der Erfüllung der gesetzlichen Bestimmungen in Fragen von Datenschutz und Compliance. „Rechtssichere Gestaltung von Software as a Service und Cloud-Computing ist kein Ding der Unmöglichkeit“, sagte Verbandschef Bernd Becker.

Neben einer sauberen Vertragsgestaltung, die Anforderungen des Bundesdatenschutzgesetzes berücksichtigt, will EuroCloud in Abstimmung mit den Datenschutzbehörden rechtssichere Lösungen zur Sicherstellung eines angemessenen Datenschutzniveaus bei allen an der Datenverarbeitung beteiligten Stellen außerhalb der EU erarbeiten. Zugleich will man Standards für den Schutz personenbezogener Daten in der Cloud schaffen und Modelle entwickeln, wie die Kunden die Datenhaltung Cloud-Anbieter tatsächlich kontrollieren können.

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