Diverses Das böse R-Wort

Lange hofften die Deutschen, sie seien gegen den steigenden Ölpreis und den hohen Euro-Kurs immun. Jetzt macht sich Angst breit: Aufträge bleiben aus, der Umsatz geht zurück, Mitarbeiter werden entlassen. Selbst Optimisten fürchten inzwischen eine Rezession.

Selten ist eine konjunkturelle Hochstimmung so schnell verflogen wie in den vergangenen Wochen in Deutschland. Vorbei das Gefühl, der deutschen Wirtschaft könnten weder globale Finanzdebakel noch drastische Euro-Aufwertungen, verdreifachte Ölpreise oder steigende Zinsen etwas anhaben. Jetzt verschärft sich der Eindruck, auch die hiesige Wirtschaft ist an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestoßen. Und der Absturz könnte sogar herber ausfallen als bei kürzlich noch bemitleideten Ländern wie den USA.

„Die Unternehmen scheinen von der Entwicklung an den Öl- und Devisenmärkten wie geschockt“, sagt Holger Schmieding, Europa-Chefökonom der Bank of America und einer der besten Prognostiker, wenn es um die deutsche Konjunktur geht. Vergangene Woche meldete das Ifo-Institut, die Geschäftserwartungen der Unternehmen seien so schlecht wie seit der Krise 2002 nicht mehr. Und selbst vor dem bösen R-Wort schreckt mancher nicht zurück. „Es muss nicht mehr viel passieren, dass wir in eine Rezession schlittern“, sagt Andreas Scheuerle, Europa-Chefökonom der Deka-Bank.

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Wie schnell die Aussichten gekippt sind, bekommt die Heidelberger Druckmaschinen AG gerade zu spüren. Druckmaschinenhersteller sind Frühzykliker und eine Art Wetterbericht für die künftige Konjunktur: Im Abschwung sparen Konzerne oft zuerst an den Werbeausgaben, was zu weniger Aufträgen für die Druckereien führt, die wiederum weniger neue Maschinen kaufen.

Die Flaute hat den weltgrößten Druckmaschinenhersteller eiskalt erwischt. Im Januar hatte Vorstandschef Bernhard Schreier noch bekräftigt, das Unternehmen werde sein Gewinnziel erreichen. Noch im Mai drängten sich die Kunden auf der Druckindustrie-Messe Drupa um monströse Druckanlagen und die neuste Entwicklung der Heidelberger, den 200 Tonnen schweren „Speedmaster XL 162“. Heideldruck hoffte trotz der bereits schwächelnden Umsätze noch auf ein moderates Wachstum. „Dieses Ziel haben wir verfehlt“, sagt Schreier jetzt. Im vergangenen Quartal lagen die Erlöse um zehn Prozent unter Vorjahr.

Der Schock geht durch die gesamte Industrie

Auf der Hannover-Messe im April demonstrierten Konzernchefs noch deutsche Zuversicht inmitten globaler Panik. „Die Welt liebt deutsche Maschinen“, sagte Manfred Wittenstein, Präsident des Vebands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Und selbst Dauerskeptiker wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn diagnostizierten, dass die einstmals kritisierte Agenda von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder jetzt plötzlich Wunder wirke.

Ein Trugschluss. Bis vor Kurzem schienen die Gewinnmargen der Unternehmen noch so hoch, dass sich Ölkosten, Euro-Kurs und Zinsen auffangen ließen. Damit ist es vorbei. Seit dem Frühjahr hat sich Öl um weitere 25 Prozent verteuert: Das macht für die Deutschen 2008 eine zusätzliche Ölrechnung von sage und schreibe 25 Mrd. Euro, was mehr als einem Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung eines Jahres entspricht. Das Ausleihen von Dreimonatsgeld ist spätestens seit der Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank von Anfang Juli spürbar teurer als vor Ausbruch der Finanzkrise. Schlecht für Investoren. Und der Euro flirtet mit dem nächsten Rekord: bei 1,60 Dollar – wodurch deutsche Waren im gesamten Dollar-Raum heute rechnerisch 15 Prozent teurer sind als noch vor einem Jahr. Im Schnitt hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen allein wechselkursbedingt um mittlerweile ein Viertel verschlechtert.

Die kürzlich noch gefeierte deutsche Industrie bekommt den globalen Liebesentzug bereits zu spüren. Beispiel Maschinenbau. „Wesentlich mehr als der hohe Ölpreis macht der Branche der Eurokurs zu schaffen“, sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des VDMA. „Zwar rechnen die deutschen Unternehmen hauptsächlich in Euro ab, aber die Amerikaner können ihre Maschinen jetzt billiger anbieten und machen uns deshalb starke Konkurrenz“, so Wortmann.

Industrie erleidet Verkaufseinbruch

Da schmerzt es umso mehr, dass die Konjunktur ausgerechnet bei denjenigen im Ausland abstürzt, die in den letzten Jahren eifrig in Deutschland geordert haben. Mit Spanien, Irland, Dänemark, Großbritannien und Italien sind fünf EU-Länder entweder schon in der Rezession oder kurz davor, die üblicher Weise einen nennenswerten Teil der deutschen Exportwaren kaufen.

Für die Industrie insgesamt gab es im Mai 4,3 Prozent weniger Aufträge als noch Ende 2007, die deutschen Exporteure mussten den herbsten Verkaufseinbruch seit Oktober 2003 verkraften. In der Chemie hat sich das Wachstum im ersten Halbjahr glatt halbiert, der richtige Abschwung wird noch erwartet. Alles in allem dürfte die deutsche Wirtschaftsleistung im Frühjahr stark geschrumpft sein – wenn auch zum Teil noch aus Witterungsgründen. Die rasant schwindenden Geschäftserwartungen lassen eine heftige Korrektur in den kommenden Monaten erwarten. Die Geschwindigkeit, mit der die Firmen ihren Konjunkturoptimismus verlieren, ist mittlerweile rekordverdächtig.

Verbraucher sind verunsichert

Der Schock hat auch die ohnehin verunsicherten Verbraucher erreicht. Sie sollten den Aufschwung nach Prognose der Bundesregierung dieses Jahr tragen – indem sie Geld ausgeben. Von wegen: im Frühjahr ließen sie real 1,7 Prozent weniger in den Geschäften als im ersten Quartal. Im Juni wurden in Europa 1,4 Millionen Autos verkauft, das sind acht Prozent weniger als im Vorjahresmonat.

Prognostiker Schmieding hält es für möglich, dass die Wirtschaft in mindestens zwei Quartalen hintereinander schrumpft. Das hieße formell Rezession. Das Risiko sei, dass die Unternehmen auf den Mehrfachschock aus hohem Ölpreis, teurem Euro, gestiegenen Zinsen und abstürzender Auslandsnachfrage entsprechend schockartig reagieren.

Bei Heidelberger Druck sollen in den nächsten zweieinhalb Jahren rund 100 Mio. Euro gespart werden. Dazu wollen die Heidelberger allein bei Forschung und Entwicklung rund 25 Mio Euro kürzen. Mittelfristig sollen die Ausgaben hier auf unter fünf Prozent des Gesamtumsatzes sinken – kein gutes Zeugnis für eine Firma, die mit dem Wortspiel „Hei Tech“ wirbt. Der nächste Schritt: 500 Stellen müssen abgebaut werden, die Hälfte davon in Deutschland. Das erinnert an die düsteren Krisenjahre von 2001 bis 2005.

Im Vergleich zu anderen deutschen Firmen ist das noch harmlos. Bei BMW sollen dieses Jahr 7500 Jobs wegfallen, bei der Hypovereinsbank 2500, bei Continental und West LB jeweils 1500 – um nur einige Beispiele zu nennen. Umfragen zufolge lässt die Bereitschaft, Personal einzustellen, in der gesamten Wirtschaft bereits spürbar nach.

Steigende Arbeitslosigkeit befürchtet

Anders als in den USA fehle in Deutschland auch der Wille, dem konjunkturellen Absturz etwas entgegen zu setzen, sagen einige Konjunkturexperten. „Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen sogar noch angehoben – obwohl dies gar nicht nötig gewesen wäre“, sagt Schmieding. Damit habe sie den Abschwung unnötig verschärft. Für den Spätsommer rechnet Schmieding jetzt wieder mit bundesweit steigenden Arbeitslosenzahlen – im Grunde zum ersten Mal seit Anfang 2005. Erstmals gab es im Juli nach Umfragen wieder eine Mehrheit der Deutschen, die mit steigender Arbeitslosigkeit rechnet.

Noch gibt es Hoffnung, dass das ganz große Debakel ausbleibt. Wenn sich die US-Konjunktur in den nächsten Monaten fange und der Ölpreis deutlich zurückgehe, könnte es irgendwann 2009 auch wieder bergauf gehen, sagt Schmieding. Doch wenn der Ölpreis nicht sinkt und Amerika noch eine Weile kriselt, wird auch Deutschland bald in der Rezession stecken.

Die Angst geht um am Standort Deutschland. Beim Antriebstechniker EBM Papst läuft es eigentlich ganz gut. Fast 10.000 Mitarbeiter beschäftigt der Mittelständler aus Mulfingen. Die Auftragsbücher sind voll. Aber nicht mehr so voll wie noch zu Jahresbeginn. „In einem viertel oder halben Jahr wird es auch uns treffen“, sagt Geschäftsführer Hans-Jochen Beilke. „Alle fürchten sich.“

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