Diverses Das Ende einer Tradition

Es sollte ein Siegeszug für die traditionsreiche Marke werden, als vor rund vier Jahren zwei Hamburger Geschäftsleute die Kienzle AG übernahmen. Doch die Wiederbelebung der Marke schlug fehl. Über das Unternehmen wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet.

In der Unternehmenszentrale im Hamburger Stadtteil Harvestehude ist die Stimmung gedrückt. Die Enttäuschung über die Lage der Firma steht den Mitarbeitern ins Gesicht geschrieben. Mit der Zahlungsunfähigkeit von Kienzle reiht sich ein weiteres Unternehmen in die Liste der insolventen deutschen Traditionsfirmen ein.

Wie es um die Zukunft von Kienzle bestellt ist, ist unklar. Für andere Unternehmen bot die Insolvenz die Chance für einen erfolgreichen Neustart. Der Uhrenhersteller Junghans hat es zum Beispiel geschafft: Nach der Pleite 2008 fand die Firma zwei neue Investoren, 2009 schrieb der Konzern wieder schwarze Zahlen. Das wäre auch ein Szenario für die Kienzle AG.

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Der Ursprung der Tradition

Den Grundstein für das Unternehmen legte 1822 Johannes Schlenker in Schwenningen. Die Uhrenmanufaktur begann mit der handwerklichen Produktion und dem Verkauf von 12-stündigen Holzuhren mit Schnuraufzug. Als die drei Söhne von Schlenker das Geschäft übernahmen, produzierten 20 Beschäftigte bereits 2000 Pendel- und Wanduhren pro Jahr.

1883 heiratete Jakob Kienzle in die Familie Schlenker ein und wurde Teilhaber. Um 1900 begann die Produktion von Taschen- und Armbanduhren. 1910 stellte das Unternehmen die ersten Autouhren her, bald zählten Jaguar, Daimler-Benz, BMW, Volvo, Renault, Ford und Opel zum festen Kundenkreis.
Ab 1919 firmierte Kienzle selbständig und entwickelte im Laufe der folgenden Jahrzehnte eigene Uhrwerke, darunter in den Fünfzigern die so genannte „Volksautomatik“. Auch die Kienzle-Wecker waren sehr erfolgreich. Mitte der Siebziger Jahre zählte Kienzle zu den größten Herstellern von Armbanduhren in der Bundesrepublik. Doch die neunziger Jahre überlebte das traditionsreiche Unternehmen nicht. Zu hohe Produktionskosten, Standortnachteile und eine falsche Preispolitik führten damals zum ersten Ende des Betriebs.

Nachdem die Hongkonger Highway Holding 1997 Kienzle übernommen hatte, war es zunächst still geworden um die große Uhrenmarke. Die Produktion der Chronometer wurde in der Zeit komplett nach China verlagert. Erst 2002 kehrte die Marke mit der Gründung der Kienzle AG in Hamburg nach Deutschland zurück, konnte aber nur schwer Fuß fassen. Die Marke stand schließlich zum Verkauf.

Zwei Hamburger übernehmen Kienzle

Stephan Kruse-Thamer, Werbefachmann und passionierter Uhrensammler, und sein Kompagnon Marco Hahn, der mit Computerhardware reich wurde, schlugen zu und kauften Kienzle 2006. Die beiden Unternehmer ließen zwar weiter in China produzieren. Aber sie holten auch einen Teil der Produktion nach Deutschland zurück. Designer und andere Dienstleister wurden verpflichtet, um den Kienzle-Uhren ein neues Gesicht zu geben. Es sollte modern und dennoch ein Traditionsreich sein. Ab 2007 stand Kruse-Thamer als alleiniger Vorstand dem Unternehmen vor. Im Juni letzten Jahres stieg Kienzle bei der insolventen Pforzheimer Uhrenfabrik Erich Lacher ein und rettete die Firma vor der Pleite. Jetzt ist das Unternehmen selbst zahlungsunfähig.

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