Diverses Das Gerede von Innovation ist oft nur Propaganda

Keine Rede von Politikern oder Unternehmern ohne das Bekenntnis zu Innovation. Je länger die Wirtschaftsschwäche anhält, desto flehender suchen alle nach dem Ausweg aus der Sackgasse. Was bietet sich an, um in der deutschen Misere, die von Reform- und Denkblockaden geprägt ist, positive Visionen zu entwickeln? Innovationen!

Wir waren schon lange überzeugt, dass Innovation der Leitbegriff sein könnte, mit dem der inzwischen schon sprichwörtliche „Ruck“, den Bundespräsident Herzog einst gefordert hatte, ausgelöst werden könnte. Den Charme des neuen Leitbegriffs erkannten rasch auch die Politiker, zunächst natürlich in den Fachbereichen Forschung und Wirtschaft.

Abgedroschen und nichts sagend

Anzeige

Bald aber entwickelte sich der Begriff zum
Generalthema, das alle Bereiche der
Gesellschaft durchdringt. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder schließlich das Jahr der Innovationen ausrief und mit namhaften Unternehmensführern die Initiative »Partner für Innovation« vorstellte, als das Thema die breite Öffentlichkeit erreichte, hatten die Medien schon genug davon. Abgedroschen und nichts sagend sei der Begriff, der immer nebulöser werde, je mehr von ihm Gebrauch gemacht wird.

Vor allem aber wird beklagt: Ist das gebetsmühlenartige Wiederholen von Innovationsbekenntnissen der Ersatz fürs Handeln? Eine Kritik, die oft berechtigt ist. Aber auch die Me­dien müssen sich kritische Fragen stellen. Für sie ist ein Thema bereits alt und verbraucht, wenn es bei den Menschen gerade angekommen ist. Weil Medien unter dem Zwang stehen, ständig den nächsten Megatrend zu inszenieren. Dies tut der Diskus­sion um den Wert von Innovationen nicht gut.

Zauberwort des Wohlstands

Warum aber avanciert ein Begriff, den Joseph Schumpeter vor 70 Jahren in die Wirtschaftswissenschaften eingeführt hat, gerade heute zum Zauberwort, das Zukunftsfähigkeit und Wohlstand in den Turbulenzen der Globalisierung verspricht? „Innova­tion besetzt ein begriffliches Vakuum in unserer kollektiven Imagination der Zukunft“, schreibt Helga Nowotny in ihrem Buch „Unersättliche Neugier“. Denn der naive Glaube an die Machbarkeit der Zukunft hat sich in Skeptizismus und Technikfeindlichkeit aufgelöst. Um nicht in Lethargie zu verfallen, braucht die Gesellschaft deshalb einen Begriff wie Innovation, der ihr einen Ausweg aus diesem Dilemma zeigt.

So wird Innovation zum Schlüssel, der scheinbar alle Türen zu öffnen vermag, sei es um den Bedrohungen der Gegenwart zu entkommen, sei es, um den Sprung in die unbekannte Zukunft zu wagen. In ihm stecken Risiko und Chance, Scheitern und Erfolg, vor allem aber geht von ihm der mitreißende Impuls aus, dass mit Mut und Fantasie das Unvorhersehbare zu bewältigen ist.
Mit der Globalisierung der Finanzmärkte und dem Zusammenwachsen der Weltwirtschaft gewinnt der „ewige Sturm der schöpferischen Zerstörung“, wie Joseph Schumpeter den ständigen Erneuerungsprozess in der Wirtschaft beschrieben hat, zunehmend an Dynamik und Tur-bulenz. Nur wer sich flexibel und schnell genug an die sich rasch verändernden Bedingungen anpasst, wird vom Wandel nicht überrollt.

Appell an jeden Einzelnen

Noch ist das Gerede von Innova­tion oft nur Propaganda: Wir dürfen Kreativität nicht nur fordern, sondern müssen sie auch fördern, Talente nicht nur ausbilden, sondern ihnen auch Entfaltungsmöglichkeiten geben. Dabei sind vor allem Politik und Wirtschaft gefragt. Sie müssen die Weichen auf Zukunft stellen und kräftig investieren in Bildung und Forschung. Doch das neue Leitbild von einer innovativen Gesellschaft eröffnet auch neuen Spiel­raum für jeden Einzelnen.

Die Kampagne „Du bist Deutschland“, die im Rahmen der Initiative „Partner für Innovation“ im Herbst gestartet wurde, will den Boden für eine neue Innovationskultur bereiten. Der Appell an jeden Einzelnen heißt: Du kannst mitwirken, damit wir nicht zum Spielball des Wandels, sondern zu Gestaltern des eigenen Schicksals werden. Mach mit. Dann ist Innova­tion mehr als Propaganda.

Hans-Jörg Bullinger, 61, ist gelernter Ingenieur und seit 2002 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft – mit 12.700 Mitarbeitern in bundesweit 56 Instituten und einem Forschungsetat von einer Milliarde Euro nach dem Massachusetts Institute of Techno­logy (MIT) die weltweit zweitgrößte Forschungseinrichtung.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...