Diverses Das Glück liegt auf der Straße

Viele Firmen unterhalten eigene Fuhrparks, selbst wenn sich das nicht rechnet. Ihnen geht es vor allem um das Image. Die Fahrer sind schließlich das Gesicht des Unternehmens.

Dirk Lorenz ist schon seit 19 Jahren dabei. Kurz nach der Wiedervereinigung hat er angeheuert, 1991, beim neu gegründeten „Landbäcker“ in Stendal, auf halber Strecke zwischen Wolfsburg und Berlin. Ortskenntnis ist wichtig für seinen Job, Dirk Lorenz liefert aus. 28 Sorten Brot. 13 Sorten Brötchen, als Teiglinge eingefroren. 50 Sorten Torte. Und natürlich den berühmten Salzwedeler Baumkuchen. Jede Nacht ist der Fahrer mit seinem Lieferwagen unterwegs, im schwarzen Firmenhemd, die Firmenkappe auf dem Kopf, fährt stets die gleiche Route. Die meisten Kunden schlafen sogar noch, wenn er ihnen die Brötchen in den Laden stellt. Er muss Alarmanlagen entschärfen, bevor er Kuchen und Brote abliefern kann. Dann packt er die leeren Kisten und Tabletts vom Vortag ein und braust weiter. „Ich bin das Heinzelmännchen“, sagt Lorenz und lacht. „Wenn die Bäckerfrauen morgens in die Backstuben kommen, stehen schon die frischen Brötchen da.“ Da ist der Kurier längst über alle Berge.

Für Unternehmer, die ihre Fuhrparks in den vergangenen Jahren aufgegeben haben und heute große Spediteure fahren lassen, klingen solche Geschichten fast märchenhaft. Eigentlich weiß doch jeder, dass es viel günstiger ist, die Logistik an eine Spedition abzugeben – obwohl viele Firmenchefs nicht einmal genau überschauen, was sie ein Lastwagen inklusive Steuern, Versicherungen und Abschreibungen am Tag kostet.

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„Unternehmen tappen oft im Dunkeln, was das angeht“, sagt der Tübinger Unternehmensberater Hans-Peter Stiemer, der sich täglich mit Einkaufs- und Controllingfragen befasst. Ein Lkw kostet, egal, ob er auf dem Hof steht oder in Bewegung ist. Wer häufig leer fahre, sei mit Fremdlogistikern besser bedient, sagt Stiemer. Spediteure kämen mindestens auf eine Auslastung von 80 Prozent, da sie auch Rückfracht transportieren könnten. „Zur Abwägung zwischen selbst fahren und fahren lassen gehört immer eine faire Vergleichsrechnung.“

Vielleicht teurer, bestimmt sinnvoller

Das Ergebnis spricht dann oft gegen Firmen- Lkw. „In harten Euros gerechnet, lohnt sich ein eigener Fuhrpark so gut wie nie“, sagt Marcus Bender, der unter anderem Getränke- und Lebensmittelgroßhändler in Logistikfragen berät. Und dennoch: Die Lieferung selbst zu übernehmen kann sich lohnen. Viele Unternehmer schicken weiter ihre eigenen Fahrer los. Nicht weil sie schlecht rechnen können, sondern weil das Vorteile bringt. Die lassen sich zwar nicht in einer Kosten-Nutzen-Kalkulation messen, die sich allein auf die Logistik bezieht. Aber die Firmenflotte kann ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein: Wer selbst fährt, ist flexibler bei der Planung und kann den Service besser kontrollieren. Außerdem gewinnen Unternehmen so eine Chance zur Kundenbindung und Werbung. Schließlich kennen viele Kunden ihre Lieferanten hauptsächlich über die Menschen, die ihnen die Ware bringen. „Wenn man all diese weichen Faktoren in Rechnung stellt“, sagt Bender, „kann das Selbstfahren trotz höherer Kosten sinnvoll sein.“

Andreas Bosse, Gesellschafter und Geschäftsführer der Stendaler Landbäckerei, hat seine Liefermannschaft daher nie infrage gestellt. Für den 800-Mann-Betrieb sind 31 Mitarbeiter in 18 firmeneigenen Lastwagen unterwegs. „So sind wir viel flexibler als mit einer Spedition“, ist Bosse überzeugt. Dass Kisten und Bleche binnen 24 Stunden wieder zur Bäckerei nach Stendal zurückgebracht werden, sei zum Beispiel mit einer Transportfirma und einem Zwischenlager viel schwieriger zu organisieren: „Wir müssten mehrere Tage einkalkulieren, bis das Leergut zurückkäme“, sagt Bosse. Vor allem aber sind die Fahrer für ihn das Bindeglied zum Kunden – selbst wenn sie sich kaum sehen: „Das Ausfahren ist für mich keine Kostenstelle. Sondern ein Teil unserer Dienstleistung. Genau wie das Backen oder die Verpackung. Unsere Abnehmer schätzen das.“

Beim Möbelhaus Staas aus Bramsche nahe Osnabrück geht der Bringservice sogar noch weiter. Die Fahrer beliefern die Kunden schließlich nicht nachts, sondern begegnen ihnen Tag für Tag – und bleiben häufig stundenlang vor Ort. Denn eine der Hauptaufgaben der Fahrer ist das Aufbauen von Möbeln. „Der Monteur hinterlässt den letzten, bleibenden Eindruck beim Kunden“, sagt Fuhrparkleiter Manfred Kopmann. Alle Fahrer tragen Einheitskleidung. Jeder Käufer bekommt nach der Lieferung einen Fragebogen, in dem er den Service bewerten kann. „Wenn der Kunde unzufrieden war, wird das in Einzelgesprächen geklärt“, sagt Kopmann. Mit fremden Spediteuren wäre so eine regelmäßige Serviceumfrage kaum möglich.

Damit alles heil ankommt

Gute Fahrer sorgen für zufriedene Kunden, bestätigt auch Unternehmensberater Bender. Er empfiehlt Firmenchefs, die bereits einen eigenen Fuhrpark betreiben, ihn zu behalten und als Marketinginstrument zu nutzen, egal ob man Endkunden beliefert oder andere Unternehmen. Was man dazu tun muss? „Schulen, schulen, schulen“, empfiehlt der Berater. Der eigenen Mannschaft klarmachen, dass ihr Auftritt über das Image entscheidet.

Bei zerbrechlichen Gütern oder Frischwaren geht es während des Transports nicht nur ums Image, sondern auch darum, dass beim Kunden alles in guter Qualität ankommt. Hermann Withake, Chef des Fleischzerlegers Vital-Fleisch aus Speyer, fällt es daher schwer, seine Ware einem Fremden zum Transport übergeben zu müssen: „Da hat man das nicht mehr so wirklich unter Kontrolle.“ Besonders bei Sammellieferungen sei Outsourcing problematisch. Wenn etwa 20 Kunden bei Vital-Fleisch zerlegte Schweinehälften bestellen und der eigene Fuhrpark zum Einsatz kommt, fährt ein einziger Fahrer. Tritt während der Tour ein Fehler auf, weiß Withake genau, wen er ansprechen muss. Bei fremden Logistikern sind im Zweifel 20 unterschiedliche Fahrer auf der Strecke. „Da verliert man schnell den Überblick“, sagt Withake.

Trotzdem wickelt Vital-Fleisch nur die Hälfte der Bestellungen über den eigenen Fuhrpark ab. Bei Distanzen über 400 Kilometer oder Mengen unter einer Tonne vergibt Withake die Aufträge an Spediteure – und versucht dabei, so gut es geht auf die Zuverlässigkeit seiner Partner zu achten. „In manchen Fällen können wir es uns finanziell einfach nicht mehr erlauben, das selber zu machen“, sagt der Vital-Fleisch-Chef. Fährt ein Laster 400 Kilometer leer zurück, koste das einfach zu viel Zeit und zu viel Sprit.

Eine Mischform aus drinnen und draußen findet auch Berater Stiemer sinnvoll. „Man sollte vor allem Leistungsspitzen mit externen Fahrern abdecken“, sagt Stiemer. Die Überstundenzuschläge für eigene Fahrer kämen Unternehmer nämlich besonders teuer.

Für die Möbelfirma Staas kommt es in der Regel dennoch nicht infrage, auf einen Spediteur zurückzugreifen. Wer in fremden Küchen, Wohn- und Schlafzimmern werkelt, braucht nicht nur einen Lkw-Führerschein und eine Ausbildung als Tischler, sondern muss auch ein ordentliches Benehmen an den Tag legen. „Unsere Leute lernen, dass sie vernünftig Guten Morgen sagen und sich die Schuhe abputzen, bevor sie reinspazieren“, sagt Fuhrparkleiter Kopmann. Die Fahrer werden schließlich für den Aufbau aller Möbel extra geschult – von mehr als 20 Herstellern und von Staas selbst. „Das könnte eine Spedition, die für verschiedene Möbelunternehmen fährt, doch gar nicht leisten.“

„So etwas haben Speditionen nicht im Angebot“

Auch der Stendaler Landbäcker hätte Probleme ohne die eigenen Laster. Denn die sind mit drei unterschiedlichen Kühlbereichen ausgerüstet, von warm fürs Frischgebackene über kühlschrankkalt für Sahnegebäck bis frostig für die Teigrohlinge. „Wir haben das mal durchrechnen lassen“, sagt Chef Andreas Bosse. „Bei unseren Ansprüchen wäre es mit einem Dienstleister sogar teurer geworden.“

Auch Unternehmensberater Stiemer kennt so einen Fall: Eine Baustofffirma aus Tübingen, die auf ihren Fahrzeugen einen speziellen Kran benötigt – zum Abladen von Fertiggaragen. „So etwas haben Speditionen standardmäßig nicht im Angebot“, weiß Stiemer. Alles, was für Spediteure einen Extraaufwand bedeute, wird so teuer, dass man es auch selbst machen kann. Vom Imagegewinn, der Flexibilität und der besseren Kontrolle ganz zu schweigen.

Fahren oder fahren lassen?
Manche Unternehmen bringen ihre Ware mit eigenen Leuten und Lastwagen zum Kunden. Andere nutzen Kuriere, Paketversender oder eine Spedition. Das ist nicht nur eine Frage der Kosten. Die wichtigsten Entscheidungsfaktoren:
Preis Wer seine Waren immer selbst zum Kunden fährt, weiß oft nur ungefähr, was ihn der Service eigentlich kostet. Um vergleichen zu können, ob ein Dienstleister günstiger liefern kann, gehören alle Ausgaben hinterfragt: für Personal, Fahrzeugflotte, Kapitalbindung, Versicherungen und Reparaturen. Erst dann lässt sich der Preis verlässlich mit dem vergleichen, was die Spedition pro Stück oder pauschal verlangt.
Auslastung Ein eigener Fuhrpark lohnt sich nur, wenn genug zu tun ist. Das heißt nicht, dass die Fahrer ständig unterwegs sein müssen: Wer gerade Leerlauf hat, kann schließlich auch im Lager helfen. Wichtig ist vielmehr, dass die Mitarbeiter produktiv sind. Bei vielen Leerfahrten lohnen sich eigene Fahrer eher nicht.
Flexibilität Wer eigene Lastwagen auf dem Hof stehen hat, kann jederzeit umdisponieren. Bei einer Spedition hat so viel Flexibilität einen hohen Preis. Allerdings stößt fast jeder eigene Fuhrpark in Spitzenzeiten an seine Grenzen. Fazit: Wer unregelmäßig liefert, ist per Outsourcing meist besser bedient; wer Saisonspitzen abfangen muss, kommt sogar kaum um die fremde Unterstützung herum. Andererseits gilt auch: Muss immer wieder kurzfristig und schnell Ware zum Kunden, sind eigene Fahrer unersetzlich.
Kundenpflege Fahrer sind das Gesicht der Firma, von der Kunden ihre Ware beziehen – sei es nun der Mann vom Möbelhaus oder der Stahllieferant. Wer freundliche und gut informierte Mitarbeiter losschickt, die möglichst nicht unter einem solch extremen Zeitdruck abladen müssen wie viele externe Dienstleister, kann etwas für sein Image tun. Stammkunden wissen zu schätzen, wenn häufiger derselbe Lieferant kommt, der die Tücken an der Laderampe kennt oder den Trick mit dem klemmenden Rolltor. Wenn die Logistiker gleichzeitig als Aufbauhilfe, Installateur und Kassierer zum Einsatz kommen, spricht eigentlich alles für die Inhouse-Lösung. Von Reklamationen, die so eher vermieden werden oder im Fall der Fälle freundlich angenommen, ganz zu schweigen.
Werbung Sowohl Fahrzeuge als auch Mitarbeiter lassen sich im Außeneinsatz für Reklamezwecke einspannen. Beschriftungen am Fahrzeug und schicke Einheitskleidung fallen auf – nicht nur den Kunden, sondern auch Passanten. Zwar bieten auch Spediteure an, Lastwagenplanen zu bedrucken oder Autotüren zu bekleben. Das lassen sie sich allerdings bezahlen.
Sonderausstattung Sperrgut, Tiefkühlkost, Chemikalien oder Glas: Wer Ware produziert, die beim Transport eine besondere Behandlung braucht, ist auf Lastwagen mit passender Ausstattung oder auf besondere Transportsysteme angewiesen. Die großen Spediteure haben mittlerweile zwar auch Kühl- und Gefahrguttransporter, selbst die Post bringt Weinflaschen inzwischen problemlos heil zum Kunden. In manchen Fällen sind die Standardflotten aber überfordert. Dann bleibt Unternehmern nur die Anschaffung eines passenden Fahrzeugs übrig.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 09/2010.

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