Diverses Das Stehaufmännchen

Noch bevor die DDR gegründet wurde, enteignete die SED die Uhrenmanufaktur Lange & Söhne. Nach der Wende nahm Walter Lange das Familienerbe noch einmal in die Hand. Da war er 66 Jahre alt. Heute zahlen Liebhaber für die manuell gefertigten Zeitmesser zwischen 12.000 und 400.000 Euro.

Bis Anfang 1990 hätte Walter Lange nie daran gedacht, die Uhrenmanufaktur seines Urgroßvaters noch einmal aufzuziehen. Auch nicht nach der Wende. Da klingelte das Telefon, dran war Günter Blümlein, der Geschäftsführer der Schweizer Uhren-Gruppe LMH, Les Manufactures Horlogères. Er hatte das Potenzial des traditionsreichen Uhrenstandortes Glashütte im sächsischen Müglitztal erkannt. Und die Bedeutung des Namens Lange.

Blümlein schlug dem damals 66-Jährigen vor, Lange & Söhne neu zu gründen. 20 Millionen Mark pumpte LMH in den Wiederaufbau. Lange investierte 100.000 Mark. Es gab keine Mitarbeiter, keine Produktionshallen, lediglich den traditionsreichen Namen, den die Unternehmer von der Treuhand kauften. Und so gründete Urenkel Walter Lange am 7. Dezember 1990, auf den Tag genau 145 Jahre nach seinem Urgroßvater Ferdinand Adolph Lange, die Fabrik ein zweites Mal.

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Start bei Null

Wie sein Vorfahre startete auch Walter Lange nach der Wende bei Null. Denn der Ort Glashütte, südlich von Dresden, war eigentlich auf den Abbau silberhaltigen Erzes spezialisiert – bis die Quellen versiegten und die Sachsen in wirtschaftliche Not gerieten. Im Laufe der Jahre siedelten sich immer mehr Uhren-Firmen im Erzgebirge an, das Geschäft blühte. Uhrenmacher Lange formte den alten Bergwerks-Ort in einen Uhren-Standort um.

An diese Tradition knüpfte Lange nach der Wende an. Vier Jahre nach der Neugründung präsentierte das Unternehmen die erste Kollektion. Heute, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, gehört der Uhrenhersteller dem Schweizer Luxuskonzern Richemont. Der kaufte 2001 die damalige Lange & Söhne-Mutter LMH. Rund 470 Mitarbeiter produzieren heute die Uhren im Müglitztal. Etwa die Hälfte davon sind Uhrmacher. Die bildet das Unternehmen an einer eigenen Schule aus. Über die Produktionszahlen gibt die Manufaktur keine Auskunft. Mehrere Tausend Uhren seien es pro Jahr. Die Preispanne liegt zwischen 12 000 Euro und 400 000 Euro.

Zwangsverpflichtung zum Uranabbau

Für Walter Lange, der 2004 – mit 80 Jahren – in den Ruhestand trat, war es eine Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte. 1948 war er aus dem Osten nach Pforzheim geflohen. Er hatte sich geweigert, der Gewerkschaft beizutreten, zudem fürchtete der enteignete Firmenchef um seine Gesundheit: Das Regime habe den Unternehmer zum Uranabbau zwangsverpflichtet, schreibt Lange in seinem Buch „Als die Zeit nach Hause kam“. In Pforzheim arbeitete er als Uhrenhändler, selbst produzierte er jedoch nicht mehr.

Die SED hatte die Lange-Manufaktur 1948 nicht nur enteignet, sondern sie kurz darauf auch mit sechs anderen Uhrenfirmen in Glashütte zwangsfusioniert. Der Schriftzug „Lange & Söhne“ verschwand vom Ziffernblatt. Die Uhren tickten anders in der DDR, ab Mitte der siebziger Jahre fertigte der Zusammenschluss fast nur noch Quarzuhren für die breite Masse statt mechanischer Zeitmesser. Zu Spitzenzeiten arbeiteten 2500 Mitarbeiter in dem volkseigenen Betrieb. Auch an den Westen lieferte das Glashütte-Kombinat.

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