Diverses Das Ziel ist das Ziel

Was treibt die Macher auf die Berge? Unser Autor wollte es wissen – und kraxelte mit dem Unternehmer und Extrembergsteiger Mayk Schega auf den Similaun in den Ötztaler Alpen.

Falsche Bescheidenheit lässt sich Mayk Schega nicht vorwerfen. „Always on the top!“ prangt hellblau auf der Tür seiner Mercedes-C-Klasse. Neben dem markigen Slogan ein Foto vom Mount Everest, dessen Gipfel ein paar Zentimeter ins Fenster hineinragt. Klein darunter das Logo von Schega & Nagel, der Münchner Zeitarbeitsfirma, deren Co-Inhaber der 46-Jährige ist. „Hallo, ich bin Mayk“, sagt er und streckt die Hand aus. Kein Schwall von Freundlichkeitsfloskeln. Nur ein neugieriger Blick und das Bergsteiger-Du, das der Mount-Everest-Bezwinger schon per E-Mail angeboten hat – ab 1200 Höhenmetern.

Der Parkplatz des Südtiroler Vernagt-Stausees, auf dem wir uns treffen, liegt bereits 1700 Meter über Normalnull. Er ist die Ausgangsbasis für eine gemeinsame Tour auf den 3599 Meter hohen Similaun. Für Mayk eine vergleichsweise leichte Aufgabe. Denn er war nicht nur auf dem Everest. Alle Seven Summits, die sieben höchsten Gipfel der sieben Kontinente, hat der gebürtige Sachse schon erklommen. Weniger als 300 Menschen ist das bislang gelungen. Dazu musste er unter anderem den abgeschiedenen Mount Vinson (4892 Meter) in der Antarktis besteigen, die Carstensz-Pyramide (4884 Meter) im Dschungel von Neuguinea und den Mount McKinley (6194 Meter) in Alaska, der als kältester Berg der Erde gilt.

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Der Höchste, der Kälteste, der Einsamste: schmeichelhafte Superlative – die eine Frage aufwerfen, die uns auf dieser Similaun-Tour begleiten wird: Warum tut sich der alleinstehende Unternehmer das an? Warum nimmt er sich regelmäßig eine Auszeit von seinen 60-Stunden-Wochen, von der Verantwortung für 170 Mitarbeiter, nur um in sauerstoffarmen Höhen Kopf und Kragen zu riskieren?

Am Berg ist das Warum nie leicht zu klären. Das wusste der britische Alpinist George Mallory schon 1923. Auf die Frage, wieso er auf den Mount Everest steigen wolle, erwiderte er nur: „Weil er da ist.“ Eher sibyllinisch äußert sich der Vorzeigeabenteurer Reinhold Messner: „Jeder hat seine eigene Motivation, auf einen Berg zu klettern. Und meist durchschaut er die selbst gar nicht.“

Trotzdem scheint zwischen Führungskräften und dem Alpinsport ein besonders enges Band geknüpft. „Ein Gipfelerfolg ist wie ein gutes Geschäftsjahr“, sagt etwa Karl-Erivan Haub, Tengelmann-Chef und Matterhorn-Besteiger. Seit bald 20 Jahren kann man in den Alpen mit etwas Glück den Similaunern über den Weg laufen, einer Seilschaft der Wirtschaftsgranden, angeführt von Messner und Ex-McKinsey-Boss Herbert Henzler. Einmal im Jahr kraxelt die Clique aus rund einem Dutzend Managern wie Jürgen Schrempp, Wolfgang Reitzle, Klaus Zumwinkel und Jürgen Hambrecht durch steile Felsflanken und über vereiste Grate.

Da wollen wir nicht hintenanstehen. Doch zunächst müssen wir zur Similaunhütte ansteigen, die auf gut 3000 Metern in einer felsigen Scharte kauert.

Dass Mayk ein Tempoalpinist ist, wird gleich auf den ersten Metern klar. „Ich gehe zügig, Pausen mag ich nicht“, warnt er und lächelt. Wir wandern durch einen lichten Lärchenwald. Dabei berichtet Mayk vom Everest. Wo er „durch kraftlose, herumliegende Climber, die den schmalen Weg versperrten, aufgehalten wurde“. Wo ihm der Expeditionsleiter für den Gipfel den schnellsten Sherpa zur Seite stellte. Wo er einen Tag vor seinem Team wieder im Basislager ankam. Ja, am Berg ist er auf den Erfolg fixiert. „Der Weg ist das Ziel“, sagt er, „dieser Satz ist der größte Schwachsinn.“

Mayk, der Macher, der Ehrgeizige. Diese Facetten gibt er schnell preis. Dass er noch andere hat, wird klar, wenn man ihn reden hört – ohne das Bergsteigern oft so eigene Pathos. Mayk wechselt häufig die Tonart, spricht forsch, lustig, dann wieder nachdenklich. Er scheint etwas in seinen Erlebnissen zu suchen. Etwas, das den Strapazen einen Sinn gibt.

„Ich muss das alles noch verarbeiten“, sagt er. „Wenigstens mal die Fotos ordnen. Da ist so viel passiert an den Bergen.“

Passiert ist wirklich viel. Am Mount Everest wird Mayk schneeblind und stapft weinend vor Schmerzen über den berüchtigten Khumbu-Eisbruch, ein Wirrwarr aus Gletscherspalten und Eistürmen. An der Carstensz-Pyramide zwingen ihn beim ersten Versuch Guerilleros zur Umkehr. Beim zweiten lässt er sich als Arbeiter verkleidet durch das Stollenlabyrinth einer Kupfermine zum Berg schmuggeln. Und am Mount McKinley hängt er zehn Tage im Drei-Mann-Zelt fest, bei minus 40 Grad und der Angst, sich Erfrierungen beim Verrichten der Notdurft zuzuziehen.

Dennoch, ans Aufgeben denkt Mayk nie. Vielleicht weil er als Kind bei Forstarbeit und Kartoffelernte mit anpacken musste, weil er „wahnsinnig viel Respekt“ hat vor Menschen, die was probieren. Vielleicht auch, weil es für ihn ein Gefühl gibt, das schlimmer ist als der physische Schmerz: das Gefühl des Scheiterns. „Es geht einem sehr nahe“, sagt er. Wie nach dem ersten Misserfolg am Mount McKinley. Auf dem Heimflug grübelt Mayk, wie Bekannte und Geschäftspartner reagieren werden. „Ich hab geglaubt, die denken: so ein Loser, der packt’s nicht.“ Taten sie natürlich nicht, doch Mayk schaut noch heute besorgt.

Plötzlich unterbricht der Warnschrei eines Murmeltiers unser Gespräch. Wir sehen uns um. Die Baumgrenze haben wir längst unter uns gelassen. Der Vernagt-Stausee ist auf Pfützengröße zusammengeschrumpft. Ein paar Grasbüschel noch, dann verlassen wir die grünen Hänge, wechseln ins eintönige Braun und Grau der Ötztaler Felsen. Die richtige Kulisse, um über Höhen und Abgründe zu philosophieren, alpine, mentale und geschäftliche.

Ganz professionell betreibt dies der Managementprofessor Fredmund Malik aus dem Schweizer Sankt Gallen. Mit jungen Führungskräften, die sein Topmanager-Coaching absolvieren, verbringt er eine Woche in den Bergen. Mal auf Ski, mal am Seil. Was die High Potentials dabei lernen? „Den Umgang mit der Unvorhersagbarkeit“, sagt Malik. Wenn überraschend ein Gewitter aufzieht zum Beispiel und sie sich aus der Wand abseilen und lebend bis zur nächsten Hütte kommen müssen. So will er Manager ausbilden, die nicht glauben, dass die Finanzmärkte berechenbar sind, und nicht mehr aus allen Wolken fallen, wenn die Kurse kollabieren. „Der Respekt vor einer Führungskraft steigt, wenn sie auch mal zugibt, dass sie etwas nicht weiß“, sagt Malik.

Die Berge sind für die Wirtschaftsoberen aber nicht nur Trainingsterrain, sondern trotz aller Tortur auch Ort der Entspannung. Mayk ist überzeugt, sich am Everest „richtig erholt“ zu haben. Er schätzt das Alleinsein am Berg, die stillen Stunden im Zelt des Basislagers. Die Distanz zum Lärm im Büro daheim. Doch die Ruhe ist teuer erkauft. 50?000 Dollar hat Mayk allein für die Besteigung des Mount Everest aufbringen müssen. Doch die Investitionen, sagt er, zahlen sich aus. „Ohne meine Berge wäre ich im Business nie so weit gekommen.“

Der Everest öffnet ihm Türen. Wenn seine Sekretärin am Telefon mit einem Personalleiter spricht, erwähnt sie schon mal, dass ihr Chef auf dem Dach der Welt stand. Und wer kann schon einem Expeditionsbericht aus erster Hand widerstehen? „Beim Treffen rede ich mit dem Kunden dann oft eine Dreiviertelstunde über den Berg und nur 15 Minuten übers Geschäft“, verrät der studierte Pädagoge.

Wir sitzen inzwischen in der Similaunhütte, an einem klobigen Holztisch, bei Weißbier, Gulasch und Röstkartoffeln. Auch der Ortler Kurt ist eingetroffen, unser Bergführer, ein Südtiroler Bauernsohn, drahtig und braun gebrannt, mit fast asiatischen Gesichtszügen. Er soll uns am nächsten Tag heil auf den Gipfel bringen. Kaum glauben kann er, dass Mayk auf dem Everest war. „So sportlich sieht der aber nicht aus“, urteilt Ortler. Der Unternehmer hört’s nicht, er holt gerade ein Bier. Draußen hängt der Vollmond wie ein Lampion über dem Similaun. Die Gletscherflanke, durch die wir morgen aufsteigen werden, schimmert in seinem fahlen Licht.

Die Berge mystisch, die Hütte heimelig, das Bier süffig: Je länger der Abend dauert, desto offener spricht Mayk – auch vom Druck, den er spürt, wenn er Bergsteigerei und Firma unter einen Hut bekommen muss. Bei Schega & Nagel kümmert er sich um den Vertrieb, um die Vermittlung der Arbeitnehmer, das Brot-und-Butter-Geschäft. Zwei Monate dauerte sein Trip zum Everest im Frühjahr 2010. „Du weißt, die Wirtschaft erholt sich, die anderen hocken im Büro und klotzen ran, da hast du echte Schuldgefühle“, berichtet Mayk. So saß er schon zwei Tage, nachdem er das Basislager verlassen hatte, wieder am Schreibtisch und wollte sofort hinaus zum Kunden. Sein Kompagnon Gerhard Nagel konnte ihn gerade noch zurückhalten. Mayk, abgemagert und mit einem Ring von Herpesbläschen um die Lippen, wäre zu diesem Zeitpunkt kein schöner Anblick für die Personalchefs von ADAC oder Daimler gewesen.

Auch psychisch ist die Rückkehr vom Berg eine Herausforderung. Es falle dann schwer, sagt Mayk „sich mit den täglichen Problemen herumzuschlagen, weil wir in Deutschland gar keine echten Probleme haben“. Auch Nagel bemerkt, wie still und in sich gekehrt sein sonst so quirliger Partner nach den Fernreisen ist.

Expeditionsplanung mit dem Anwalt

Nagel stören die langen Auszeiten seines Mitstreiters nicht. „Auch andere Chefs könnten sich mal vier Wochen ausklinken“, stellt er fest. Man müsse das nur richtig organisieren und den Mitarbeitern vertrauen. Dazu gehöre auch, sich auf den Fall X vorzubereiten. Darauf dass Mayk verschütt geht oder abstürzt. Vor jeder Expedition tüfteln die beiden mit dem Firmenanwalt einen Plan aus. Und Mayk schreibt sein Testament neu. Im Ernstfall fungiert Nagel als Schaltzentrale. Einmal klingelte nachts um zwei sein Telefon. Mayk, gerade an der Carstensz-Pyramide unterwegs, gab Anweisungen: „Wir sind entführt worden. Wenn ich mich in den nächsten 48 Stunden nicht melde, musst du das Auswärtige Amt anrufen.“ So weit kam es nicht, zum Glück, er hat sich gemeldet.

„Da oben im Schnee war ich wieder ganz in meiner Welt“

Die Nacht ist kurz – obwohl um 22 Uhr Hüttenruhe ist. Aber das Herz pumpt auf 3000 Metern auch im Liegen wie wild, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen. So wälzen wir uns stundenlang in den Stockbetten hin und her. Morgens kommen wir trotzdem um halb sieben aus den Federn, das Gipfelfieber hilft.

Als wir vor die Hütte treten, versteckt sich die Sonne noch hinter dem Similaun. Nur ein paar Schleierwolken zeichnen sich im Blau des Himmels ab. Wir springen über Granitblöcke zum Gletscherrand, schnallen die Steigeisen an, knoten uns ins Seil und ziehen im Gänsemarsch über das weite Weiß des Niederjochferners aufwärts. Gesprochen wird wenig, jeder hängt seinen Gedanken nach. Nur das Knarzen der Steigeisen auf dem Firn untermalt den Anstieg. „Da oben im Schnee war ich wieder ganz in meiner Welt“, wird Mayk später sagen. Dabei wollte er das Bergsteigen nach dem Everest eigentlich sein lassen, lieber Marathon laufen und Rad fahren. Warum Mayk trotzdem weiter klettert? Er durchschaut es vermutlich selbst nicht, würde Reinhold Messner sagen.

Raufkommen
Der Similaun gilt als ideal für Hochtouren-Einsteiger. Mit etwas Kondition und einem Bergführer ist er leicht zu erklimmen
Anreise
Mit dem Pkw: von München über die Brennerautobahn nach Bozen. Weiter nach Meran und Naturns, ins Schnalstal ab-biegen, am Vernagt-Stausee parken.
Mit dem Flugzeug: nach Innsbruck oder Verona fliegen und Mietwagen nehmen.
Unterkünfte
Im Tal: Hotel Pergola Residence in Algund bei Meran. Eine Oase aus Holz und Naturstein, mitten in den Weinbergen. Suiten ab 220 Euro pro Nacht. www.pergola-residence.it
Am Berg: Similaunhütte. Übernachtung in einfachen Mehrbettzimmern oder Lagern.
Gehzeiten
Vom Stausee in 3,5 Stunden zur Similaunhütte. Weitere zwei Stunden bis zum Gipfel. Der Abstieg dauert rund vier Stunden. Es sind gut 1900 Höhenmeter zu bewältigen.
Schwierigkeiten
Der Similaun gilt als leichte Hochtour. Der steile Anstieg zur Hütte und die Gipfelhöhe von 3599 Metern verlangen eine gute Kondition. Der Gletscher hat nur wenige Spalten. Trotzdem sollte man ihn nur angeseilt betreten! Hochtouren-Anfänger engagieren einen Bergführer.
Bergführer
Kurt Ortler, Telefon: 0039/347/243-93-44,
www.ortler-kurt.com
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2010.

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