Diverses „Der Bundespräsident irrt“

Die Bertelsmann Stiftung sucht gesellschaftlich engagierte Firmen. Erfolgsunternehmer Hans Georg Näder sagt, warum er mitwirkt.

impulse: Herr Näder, die Bertelsmann Stiftung will
Unternehmer mit vorbildlichem gesellschaftlichen Verhalten auf
die öffentliche Bühne heben. Es soll eine ‚Deutschlandkarte des
Engagements‘ entstehen. Warum dieser Aufwand?

Näder: Es ist der Versuch, mit einer neuen
Darstellungsform mehr Bewusstsein dafür zu erzeugen, wie
sozial engagiert mittelständische Unternehmen agieren. Die
Karte ist ein schönes und nützliches Dokument, um Politikern,
Bürgern, aber auch Unternehmern und deren Mitarbeitern das
Geleistete vorzuführen. Ja, auch Firmenchefs selbst sind
Adressaten, denn sie neigen dazu, ihr Engagement
herunterzuspielen.

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Viele Firmenchefs tun seit Langem Gutes, schweigen aber
lieber darüber. Warum sollen sie jetzt damit hausieren gehen?

Weil sich die Zeiten und die Anforderungen ändern. Vor dem
Hintergrund einer permanenten Globalisierung wird das
Bekenntnis des Unternehmers zum Standort, zur Region, zu
den Mitarbeitern und zur Gesellschaft als Ganzes immer
wichtiger. Unternehmen mit einer eigenen Mission sind
attraktiv als Geschäftspartner und als Arbeitgeber. Letzteres
sollten die Eigentümer ganz hochhängen, denn der Wettbewerb
um die Talente wird immer härter.

Agieren Mittelständler oft noch zu vorsichtig und
kurzsichtig?

Wir als Wirtschaft können uns sicher noch mehr
Professionalität aneignen, wenn es darum geht, die eigene
Firmenkultur nach außen zu tragen. Engländer und
Amerikaner sind da schon weiter. So selbstverständlich und
gekonnt, wie wir Unternehmer heute für unsere Produkte und
Leistungen werben, sollten wir auch über gesellschaftliches
und soziales Engagement sprechen.

Bundespräsident Horst Köhler ging es kürzlich nicht um
Qualität, sondern um Quantität. Er hat deutsche Firmen
aufgefordert, mehr für die Gesellschaft zu leisten. Ist die
Ermunterung nötig?

Ich schätze den Herrn Bundespräsidenten sehr. Aber seine
Botschaft war höchst überflüssig. In unserer sozialen
Marktwirtschaft hat sich das gesellschaftliche Engagement von
Firmenchefs tief verwurzelt. Ich kenne unter meinen
Unternehmer-Freunden keinen, der die Hände in den Schoß
legt.

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Wie ist das mit dem Engagement: Leisten die großen oder
die kleinen Unternehmen mehr für die Gesellschaft?

Oft sind es die kleinen und mittleren Familienunternehmen,
die sich extrem emotional und finanziell überproportional
engagieren. Hier liegen unglaubliche Erfolgsgeschichten
verborgen.

Und was ist mit den managergeführten Gesellschaften?

Mir scheint der Einsatz vor allem bei den mittelgroßen,
börsennotierten Unternehmen noch ausbaufähig. Hier steht
der Shareholder-Value-Gedanke weit oben. Ich kenne Manager,
denen von Investoren lediglich ein Minimum an
gesellschaftlichem Engagement erlaubt ist. Dagegen spielen
die Dax-Konzerne zweifelsohne in der ersten Liga.

Dabei sind es doch die Großen, die durch
Massenentlassungen bei gleichzeitig höheren
Vorstandsbezügen das Zerrbild von der gierigen Wirtschaft
zeichnen …

Da passiert viel Ungeschicktes, in den Abläufen und in der
Kommunikation. Die Gehälter an sich halte ich gar nicht für
das zentrale Problem. Aber klar sollte immer sein: Wir reden
hier nicht über Unternehmer, sondern über unternehmerisch
handelnde Angestellte. Kein Mittelständler würde so dreist
agieren.

Aber strahlt das nicht auf das Unternehmertum generell
ab?

Das kann ich nicht finden. Die Menschen wissen schon um die
Unterschiede. Das Ansehen von erfolgreichen und innovativen
inhabergeführten mittelständischen Unternehmen war noch
nie so hoch.

Ihr gesellschaftliches Engagement ist breit angelegt: Sie
haben die Otto-Bock-Stiftung für interdisziplinäre
Zusammenarbeit in der technischen Orthopädie und für
humanitäre Soforthilfe gegründet, investieren in Mitarbeiter
sowie Firmenkultur und zeigen regionales Engagement zum
Beispiel für Bildung. Was sind Ihre Motive?

In unserer fast 90-jährigen Firmentradition ist die
Verantwortung für die Gesellschaft tief verankert. Als
Unternehmer der dritten Generation bin ich so erzogen
worden. Wir haben quasi unser eigenes Betreibermodell, und
der Erfolg gibt uns recht. Die Firmengruppe ist in den
vergangenen Jahren stark gewachsen, und es geht weiter nach
oben, auch am Standort Deutschland.

Nobelpreisträger Milton Friedman hielt nichts vom
gesellschaftspolitisch motivierten Unternehmer. Er empfahl die
Konzentration auf das Geschäft …

Nichts anderes machen wir. Es ist eine Investition in die
Gesellschaft, die sich auch positiv auf den wirtschaftlichen
Erfolg auswirken muss. Ein sozial engagierter Mittelstand ist
für mich das Zukunftsmodell schlechthin. Nur wer sein
eigenes, attraktives Firmenprofil entwickelt, wird in der
globalen Welt überleben. Damit wir uns nicht falsch verstehen:
Bei allem Eigeninteresse wird auch immer Raum für
Emotionen bleiben.

Woran denken Sie?

Zum Beispiel an die Zeit vor gut zwei Jahren, als die Stiftung
schwer verletzte Kinder des Schul-Dramas im russischen
Beslan zur orthopädietechnischen Versorgung nach Göttingen
holte. Einige mussten über Wochen bleiben. Man konnte sich
sprachlich nicht verständigen, und doch war es ein
bewegender Austausch. Das Dankeschön der Kinder vergesse
ich nicht.

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