Diverses Der Lack ist ab

Politiker und Hersteller feiern die Abwrackprämie – auch wenn sie nur ein Strohfeuer entfacht. Werkstätten und Gebrauchtwagenverkäufer leiden unter dem Eingriff des Staates und rutschen in die Insolvenz. Der Markt wird unberechenbar.

Glück und Unglück liegen nur 50
Meter auseinander in Henstedt-
Ulzburg, einer Kleinstadt am Rande
Hamburgs. Ein Lastwagen rollt in
eine dieser typischen Autohändler-Straßen,
wo sich ein Anbieter an den nächsten
reiht. Der Lkw stoppt bei Nissan. Sein
Fahrer fährt den ersten von sechs glänzenden
Micra auf den Hof. „Endlich“,
ruft der Verkäufer – in seiner Stimme
schwingen Erleichterung und Freude
mit. Die Autos sind seit Monaten vorbestellt.
„Wir verkaufen wie verrückt. Mein
einziges Problem: zu wenig Ware“, sagt
Händler Thomas Horstmann. Die Absätze
haben sich verdoppelt, sein Jahresziel
hat er bereits im Juli erreicht: „Wir
profitieren mächtig von der Abwrackprämie“,
sagt er.

Ein paar Häuser weiter zeugt nur noch
ein Firmenaufkleber auf dem Briefkas-
ten vom Gebrauchtwagenhändler in der
Philipp-Reis-Straße. Der Parkplatz ist
leer, in der Werkstatt lagert der Nachmieter
Modeschmuck. „Können wir meinen
Namen heraushalten und Peter oder so
sagen?“, fragt der Mann, der hier alte Autos
verkaufte. Er betrachtet nachdenklich
seine großen Hände, Schrauberhände.
30 Jahre macht er nun schon in Autos.
Viele Eltern zählten zu seinen Kunden,
die ihren Töchtern und Söhnen zum
Führerschein einen alten Opel oder VW
kauften. Bis die Abwrackprämie kam.

Anzeige

Schlagartig blieben die Kunden weg

„Als ich im Fernsehen davon hörte,
habe ich gesagt: Das wird mich Kopf und
Kragen kosten“, sagt Peter. Und so kam
es auch. Schlagartig blieben die Kunden
weg, im Februar verkaufte er „mit
Krampf“ drei Autos, im März kein einziges,
im April wurde seine Firma liquidiert.
Wer will schon einen zehn Jahre alten
Golf mit Klimaanlage für 4900 Euro
haben, wenn es für 6500 Euro einen neuen
Nissan gibt? Die Gebrauchtwagenpreise
sind abgestürzt. Nach Secondhand-
Modellen zwischen 3000 und 7000
Euro gibt es praktisch keine Nachfrage
mehr. Mehr als eine halbe Million Menschen
haben gerade erstmals in ihrem
Leben einen Neuwagen gekauft – „das
war meine Klientel“, sagt Peter und
schüttelt den Kopf.

So richtig kann er immer noch nicht
fassen, was ihm da passiert ist. Während
Hersteller und Politiker noch die Erfolge
der Abwrackprämie bejubeln, zeigen sich
vielerorts bereits ihre Schattenseiten.
Der Staat hat mit seinem Eingriff den
ganzen Markt durcheinandergebracht.
Händler, die mit Ach und Krach das
vergangene
Jahr überlebt haben, feiern
Auferstehung. Andere müssen schließen.

Kurse für Altmetall rutschen in den Keller

Der Preisdruck, der in der Branche seit
Jahren herrscht, hat sich verschärft.
Kleinwagen gehen für die Hälfte des Listenpreises weg, Experten fürchten, dass
sich Käufer durch die Prämie an exorbitante
Rabatte gewöhnen. Schrottplätze
leiden darunter, dass der Staat ein Überangebot
an Rostlauben geschaffen hat
und damit die Kurse für Altmetall in
den Keller drückt. Freie Verkäufer profitieren
fast gar nicht von dem Konjunkturprogramm,
genau wie Mercedes- und
BMW-Häuser. Selten hat ein Staatseingriff
einen Markt so stark verzerrt
wie in diesen Monaten.

Auferstehung und Absturz

Im Verkauf zeigen sich schon jetzt die
Symptome eines mächtigen Katers nach
der Abwrackparty. „Der Handel könnte
als Erstes darunter leiden, dass die Prämie
nur ein Strohfeuer entfacht hat“,
sagt Christoph Schmidt, Präsident des
Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Er rechnet damit, dass
die Nachfrage im nächsten Jahr extrem
einbrechen wird und die Kunden in anderen
Konsumbereichen sparen. Die Zahl
der Insolvenzen steigt – nicht nur der Gebraucht-,
sondern auch der Neuwagenverkäufer.

Die Zulassungen erreichten im
Juni zwar einen neuen Rekordwert, doch
Halter melden jetzt Fahrzeuge an, die
bereits im März gekauft und drei Monate
später geliefert wurden. Von zwei Millionen
Anträgen, für die die
Haushaltsmittel reichen,
sind über 1,6 Millionen
gestellt worden. „Der
Boom ist vorbei“, sagt
Helmut Blümer, Sprecher
des Zentralverbands
Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe
(ZDK).
„Die Prämie hat uns gut
getan, aber jetzt machen wir da
weiter, wo wir im Dezember aufgehört
haben – mit einer Konsolidierung.“

Unerwartete Pleitewelle

Die Pleitewelle erwischt viele Unternehmer
unerwartet. So profitierte
Gebrauchtwagenhändler Peter
bis Dezember von der Wirtschaftskrise,
die Geschäfte liefen „super“, er füllte
den Parkplatz mit Ware. „Die Prämie hat
von einem Tag auf den anderen die Bedingungen
am Markt verändert. Darauf
kann man sich als Unternehmer doch
gar nicht einstellen.“ Nicht einmal seine
Werkstatt habe ihm noch geholfen: „Früher
hat mich der Service über schlechte
Zeiten gerettet“, sagt er. „Aber mit einem
Neuwagen fährt doch jeder in die Vertragswerkstatt.“

Der Eingriff des Staates
hat zur Folge, dass freien Werkstätten
nun die Rostlauben zum Schrauben
fehlen, viele berichten von Auftragseinbrüchen
um 50 Prozent.
Kobraeffekt hat der verstorbene Ökonom
Horst Siebert dieses Phänomen genannt,
weil es in Indien einmal einen britischen
Gouverneur gegeben haben soll,
der staatliche Kopfgelder auf Schlangen
aussetzte, um eine Kobraplage einzudämmen.
Die Bevölkerung begann daraufhin,
gezielt Kobras zu züchten und
abzuliefern. Am Ende gab es mehr Tiere
als zuvor. Die Moral der Geschichte:
Staatliche Maßnahmen haben meist
unerwünschte Nebenwirkungen,
die keiner vorhergesehen hat.

Meine Branche hat keine Lobby

An Claus Hansen und seine
Firma zum Beispiel hat wohl
kein Politiker gedacht, da ist er
sich ziemlich sicher. „Meine
Branche hat keine Lobby“,
brummt er. Die Spedition
Hansen Shipping –
ein „kompetenter
Spezialist für
Fahrzeugverladungen
weltweit“
– hat ihren Sitz in Billbrook, eine der weniger
feinen Adressen Hamburgs. Arabische
Import-Export-Händler stapeln Waschmaschinen,
Stereoanlagen und Möbel
auf der Straße. Von den Hausfassaden
bröckelt der Putz, aber die Mieten sind
günstig und der Hafen nah.

Hansen
schickt alte Autos über die Weltmeere,
seit mehr als 20 Jahren, vor allem nach
Westafrika. 2000 waren es früher jeden
Monat, jetzt noch 500. Doch Rostlauben
sind seit Einführung der Abwrackprämie
Mangelware. „Ich will gar nicht wissen,
wie viele alte Toyota Corolla in der Presse
gelandet sind“, sagt Hansen und verzieht
das Gesicht. In Äthiopien und im Senegal
sind klapprige Corolla ein Verkaufsschlager
– sie wurden in Deutschland für
200 Euro eingekauft, für 300 Euro Fracht
befördert und am Ziel für 1000 Euro
verkauft.

Autos, übereinandergetürmt wie Matchbox-Fahrzeuge

Mehr als 60.000 Autos haben 2008
den Hamburger Hafen Richtung Westafrika
verlassen, seit Anfang des Jahres
ist die Zahl der Exporte um ein Drittel
zurückgegangen. Viele Kunden von Hansen
Shipping, Gebrauchtwagenhändler
aus Berlin, Hamburg und Frankfurt, sind
pleite. Andere suchen verzweifelt in Osteuropa
und den skandinavischen Ländern
nach Ware. Reedereien wie Grimaldi,
die sich auf Fahrzeugfrachten spezialisiert
haben, fahren mit leeren Bäuchen
und hohen Verlusten.

Die Ware, die früher in Afrika strandete,
blockiert nun bei Kiesow, einem der
bundesweit größten Auto-Recyclingbetriebe,
die Einfahrt. Astra, Corsa,
Golf – übereinandergetürmt wie Matchbox-
Fahrzeuge, umzäunt von rot-weißem
Absperrband. Auf dem 68.000 Quadratmeter
großen Gelände am Rande
Hamburgs findet sich schlicht kein anderer
freier Platz mehr.
Geschäftsführer Ole Helbach hoffte
nach Einführung der Prämie zunächst
auf das Geschäft seines Lebens. „Was gibt
es für einen Autoverwerter Besseres als alte Autos“ – so habe er gedacht.

„Logistischer Kollaps“

Dann
kam die Schrottlawine. 190 Autos am
Tag – statt zehn. Schon im Mai hatte
Kiesow
dreimal so viele Fahrzeuge angenommen
wie im vergangenen Jahr, mehr
als 10.000. Helbach hat Flächen und zusätzliche
Gabelstapler angemietet, trotzdem
steht das Unternehmen „vor einem
logistischen Kollaps“.
In einer Ecke des Platzes erhebt sich
eine meterhohe Mauer aus Autos, sie
wurden mit einem Bleigewicht vorgepresst
und warten darauf, dass der
Schrotthändler sie abholt. „Bei den
meisten
fehlen gerade mal die Außenspiegel“,
sagt Helbach.

Früher standen
die Altautos
sechs bis acht Wochen auf
dem Platz und wurden von Kunden komplett
ausgeschlachtet. Eine Motorhaube
kostet 70 Euro, ein Außenspiegel 20. Daran
verdient Kiesow. Heute bleiben die
Wagen nur ein bis zwei Wochen, dann
muss schon wieder Nachschub untergebracht
werden.

Überangebot an Schrott

„Der Umsatz hat sich vervielfacht, aber
der Gewinn wird gleich bleiben oder nur
leicht steigen, weil wir viel höhere Kosten
haben“, sagt Helbach. Zudem zahlt
ihm der Schrotthändler, an den Kiesow
die ausgeschlachteten Reste verkauft,
wegen des Überangebots nicht mehr
150 Euro pro Tonne, sondern nur noch
20 bis 40 Euro. „Das lohnt sich kaum“,
sagt Helbach. Schließlich müssen seine
Arbeiter die Fahrzeuge abholen und
trockenlegen. Im Februar zahlte Kiesow
Kunden, die alte Autos brachten, noch
Geld, 400 Euro für einen Golf, Baujahr
99. Heute kann froh sein, wer nicht
150 Euro drauflegen muss, um sein Auto
loszuwerden. „Der ganze Markt ist durcheinander“,
sagt Helbach.

Auf einem gesonderten Parkplatz sammelt
er die wertvollsten Abwrackautos:
Dort stehen Smart, A-Klasse und mehrere
Audi A6, viele haben eine Umweltplakette
und sehen aus, als könnte man
einsteigen und losfahren. Gebrauchtwagenhändler
Peter war im April einmal
hier und sagt, er hätte fast geweint. „Da
werden Autos verschrottet, die waren bis
vor Kurzem 6000 Euro wert.“

Gefährliche Rabattschlacht

Für viele Besitzer lohnt es sich trotzdem,
ihr Auto wegzuwerfen. Die Händler überbieten
sich mit Rabatten und werben mit
Rundum-Service. Sie entsorgen die alten
Fahrzeuge und strecken sogar die Prämie
vor. Rund 3000 Händler sind für den
Staat in Vorleistung gegangen, schätzt
der Kraftfahrzeugverband. Vielen droht
nun die Insolvenz: „Die Branche war in
einem Goldrausch, der bei manchem
jede Vernunft besiegt hat“, sagt Blümer.
Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle
(BAFA) braucht etwa drei
Monate, um die Anträge zu bearbeiten.
Das kommunizierte die Behörde von
vornherein, nur haben viele nicht richtig
hingehört.

So summierten sich 100 Anträge mal
2500 Euro beim Autohaus Schwartzkopf
in Oranienburg zu einem Betrag,
den das Unternehmen nicht mehr
aufbringen konnte, 250.000 Euro.
Im Juni meldete der Betrieb Insolvenz
an, die Hausbank wollte
nichts mehr nachschießen. „Die
Banken setzen Kfz-Händler mit
Sonnenstudios oder Kneipen
gleich: nicht kreditwürdig“,
sagt der ehemalige
Inhaber
Gerhard Schwartzkopf.

„In der Branche wird viel geschönt“

Er hat
seine Firma im Januar an einen
Nachfolger übergeben, auch deshalb
spricht er offener als andere in der Branche:
„Ich kenne Autohäuser, die haben
Millionen ausgelegt und das Geld zu horrenden
Zinsen bei der Bank geliehen“,
berichtet Schwartzkopf. „Noch machen
alle gute Miene, aber in der Branche wird
viel geschönt.“

Der Kampf wird härter und die Rabatte
der Händler und Hersteller mit jedem
Monat größer. „Zuerst war es wie nach
dem Mauerfall, die Leute haben sofort
zugegriffen aus Angst, keine Prämie
mehr abzubekommen“, berichtet ein
Opel-Händler. „Jetzt kommen Kunden,
die die Preise genau vergleichen.“ Den
Kleinwagen C1 von Citroën gibt es inzwischen
in Verbindung mit der Prämie 51 Prozent unter Listenpreis. 79 weitere
Aktionen von verschiedenen Herstellern
und Händlern versprechen derzeit mindestens
30 Prozent Rabatt.

„Das Abwrackwunder
hat das Preisgefüge völlig
aus der Bahn gebracht“, sagt Ferdinand
Dudenhöffer, Direktor des CAR – Center
Automotive Research an der Uni Duisburg-
Essen. Das Problem: „Die Kunden
werden daran gewöhnt, dass ein Kleinwagen
für 6000 Euro zu haben ist“, sagt
Dudenhöffer, „sie werden über Jahre
nicht bereit sein, mehr zu zahlen.“

Händlersterben erwartet

Der Staat hat den Preisdruck, der in der
Autobranche seit Jahren wächst, durch
die Abwrackprämie verschärft. Auch die
Preise, zu denen Händler Leasingfahrzeuge
weiterverkaufen können, sind
abgerutscht. „Lass es einen Kunden sein,
der bloß in die Werkstatt will“, hoffte
BMW-Händlerin Cathrine Batdorf zuletzt,
wenn ein Kunde vor ihrem Münchner
Autohaus parkte. Sie musste Leasingfahrzeuge
zu einem Schätzwert zurücknehmen,
zu dem sie diese nicht mehr
loswurde. 2000 Euro verlor die Unternehmerin
an jeder Limousine. Im März
meldete Automag Buchner + Linse deshalb
Insolvenz an, einer der ältesten
BMW-Händler weltweit mit 200 Mitarbeitern
an drei Standorten.

„Die Prämie
hat uns den Rest gegeben“, sagt Batdorf.
Sie verstärkte die Krise, in der sich das
Unternehmen längst befand.
Auch andere Händler müssen Mietfahrzeuge
nun teuer zurückkaufen. „Auf
Druck der Hersteller wurden die Restwerte,
die ein Auto nach drei Jahren hat,
in den letzten Jahren viel zu hoch angesetzt“,
sagt Gerhard Fischer, Chef des
unabhängigen Anbieters Leasetrend. „So
wurden die Raten niedrig gehalten und
künstlich Nachfrage geschaffen, so wie
jetzt bei der Abwrackprämie.“ Fischer
prognostiziert daher: „Die Pleitewelle
baut sich gerade erst auf.“

Die Branche erwartet ein Händlersterben
in allen Segmenten. Selbst der
Kraftfahrzeugverband, der für die Abwrackprämie
gekämpft hat, glaubt nicht
an langfristige Effekte: „Der Kuchen ist
zu klein für alle“, sagt Sprecher Blümer.
„Spätestens im Herbst wird es jede Woche
ein paar Insolvenzen geben.“ Die Abwrackprämie
habe die Konsolidierung
nur unterbrochen. Die Zahl der selbstständigen
Händler soll bis 2015 von
16.000 auf 8800 sinken, wie eine Studie
der Beratung Deloitte prognostiziert.
„Überleben werden große Filialisten“,
sagt Autoexperte Dudenhöffer. Sie hätten
auch ohne „Subventionen“ ein
schwieriges Jahr überstanden. „Die Abwrackprämie
hat auch Händler erhalten,
deren Struktur nicht zukunftsfähig ist.“

Für Gebrauchtwagenhändler Peter
ist das schwer zu ertragen. Er hat zwar
einen neuen Job bei einem großen Verkäufer
von gebrauchten Fahrzeugen in
Hamburg gefunden, doch sein Traum
vom eigenen kleinen Unternehmen ist
geplatzt. „Es kann doch nicht sein, dass
sich ein Händler, der schlecht gewirtschaftet
hat, durch die Prämie vorläufig
saniert“, sagt er. „Und einer, der erfolgreich
war, wegen des staatlichen Eingriffs
in die Pleite muss.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...