Diverses Der Mittelstand will Service auf Augenhöhe

Zu groß, zu teuer, zu unpersönlich - Mittelständler entscheiden sich oft gegen die Software großer Anbieter. Bei kleinen Dienstleistern fühlen sie sich besser aufgehoben.

Wolfgang Stricker wäre sicher froh, wenn alles bei Gummi-Stricker so modern wäre wie seine Kaffeemaschine. Seit 1932 stellt das Unternehmen Fördertechnik her, unter anderem Zubehör für Steinbrüche und betreibt einen technischen Handel, verkauft Schlauch- und Armaturentechnik. Später kamen Torsysteme beispielsweise für Supermärkte hinzu.

2007 hatte Wolfgang Stricker sich entschieden, das Münsteraner Familienunternehmen in dritter Generation weiterzuführen und trat 2008 als geschäftsführender Gesellschafter ein. Er brachte die Maschine für den perfekten Kaffee mit – und die Erkenntnis, dass auch eine passende Unternehmenssoftware her muss. Anfang Januar 2011 wird dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Unternehmenssoftware, sogenannte Enterprise-Ressource-Planning (ERP)-Software, ist das digitale Gehirn eines Unternehmens. Sie weiß alles, kann fast alles. Jeder Unternehmensprozess wird dort abgebildet, von der Buchhaltung bis zum Einkauf. Welche Aufträge kommen rein? Wie voll ist das Lager? Welche Forderungen sind noch offen? ERP hilft, das gesamte Unternehmen jederzeit zu durchleuchten. Wenn es denn die richtige Software ist. Will heute ein Kunde von Gummi-Stricker wissen, wie teuer ihn ein neues Tor käme und wann es geliefert werden könnte, beginnt ein langwieriges Prozedere. Ein Mitarbeiter erfragt zunächst die technischen Daten wie Höhe oder Material, guckt dann in einer Liste nach, wie viel das Tor kosten wird und kalkuliert anschließend den ungefähren Lieferzeitraum. Mit der neuen Software werde das anders, sagt Stricker: „Wir können dem Kunden dann auf den Tag genau sagen, wann das Tor fertig ist.“ Die neue Software nämlich wisse, welche Materialien auf Lager seien, sende im Bedarfsfall selbstständig Aufträge an die Einkaufsabteilung und plane alles in Bruchteilen einer Sekunde.

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Unternehmen brauchen Schnittstellen zu Produktion, Kunden und Partnern

„In den nächsten Jahren müssen viele Mittelständler ihre Unternehmenssoftware modernisieren“, sagt Matthias Zacher, Analyst bei der Unternehmensberatung Experton. Oft sei die Software schon mehr als zehn Jahre alt, die technischen Probleme seien erheblich, der Wettbewerbsdruck hoch. Und Mittelständler hätten mittlerweile dieselben Ansprüche an die Software wie Großkonzerne. Auch für sie muss die Software Rechnungswesen, Personalwesen, Lagerverwaltung beherrschen und Schnittstellen zur Produktion, zu Kunden und zu Partnern haben.Doch häufig schießen große Softwarelieferanten für den Mittelstand über das Ziel hinaus. „Die großen Hersteller bieten oftmals eine Software an, deren Kern zu groß und zu teuer für den Mittelstand ist“, sagt Frank Niemann, Analyst bei Pierre Audoin Consultants. Warum sollte ein Mittelständler sich eine Konzernfunktion kaufen, mit deren Hilfe etwa mehrere Standorte koordiniert werden könnten, wenn das Unternehmen ausschließlich in der Eifel operiere? „Der Mittelstand möchte, dass seine Wünsche genau erfüllt werden und die Software unkompliziert erweitert werden kann“, sagt Zacher.

Teil 2: Gefragt ist Software von Mittelständlern für Mittelständler

Außerdem dürfe die Software die firmeninterne IT-Abteilung nicht überfordern. Ebenso wichtig sind weiche Faktoren: Der Mittelständler will nicht einer unter vielen Kunden sein. Er möchte, dass seine Probleme ernst genommen werden. Genau das vermisste Helmut Bartmann, als er wegen einer ERP-Umstellung mit einem großen Softwarehersteller liebäugelte. „Sie kamen zwar mit einer 20-köpfigen Gruppe“, erinnert sich Bartmann, „wussten aber gar nicht, wer wir waren.“ Bartmann ist Chef der IT-Abteilung der Siegener Herkules Group, einem weltweit führenden Hersteller von großen Werkzeugmaschinen mit 1500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 250 Mio. Euro im Jahr. 90 Prozent des angebotenen Softwarekerns hätte man bei Herkules nicht gebrauchen können. Dafür fehlte ein Programm, das vollautomatisch Aufträge an Zulieferunternehmen stellt.

„Eine einzige unserer Maschinen hat 2000 bis 3000 Teile. Das können wir nicht alles per Hand bestellen“, sagt Bartmann. Für 500.000 Euro zusätzlich hätte diese Funktion programmiert werden können, für 500.000 Euro hat die Herkules Group aber ihre gesamte Software bekommen, vom Mittelständler Proalpha. „Wir sind sehr zufrieden mit der Software und dem Unternehmen, weil wir uns auf Augenhöhe befinden.“Die Firma SAP, mit einem Marktanteil von rund 60 Prozent führende Anbieterin von ERP auf dem deutschen Markt, hat bislang vor allem bei größeren Mittelständlern gepunktet. In Zukunft aber möchte SAP Land erobern, und zwar mit der neuen SAP-Mittelstandssoftware Business by Design, die seit Juli auf dem Markt ist. „SAP Business by Design wird dann ein durchschlagender Erfolg, wenn der deutsche Markt die Vorzüge einer On-Demand-Lösung erkennt. Ohne Frage: Das Produkt ist fertig, es ist reif. Der Markt muss sich jetzt entwickeln“, sagt Andreas Naunin, Leiter Unternehmensbereich Mittelstand und Mitglied der Geschäftsleitung von SAP Deutschland.

Open-Source-Software macht Lizenz-Software die Kunden streitig

Dabei sollen Kunden nur für das zahlen, was sie brauchen. Abgerechnet wird nach Anzahl der Nutzer oder nach Datenvolumen. Unternehmensdaten sollen nicht mehr auf Servern im Unternehmen gespeichert werden, sondern bei SAP. Der Softwarekonzern verspricht sich von seinem neuen Produkt auch Vorteile im Kampf gegen Open-Source-Software, die einen freien Quellcode hat, also von jedem programmiert und weiterentwickelt werden kann. In der Kundenpflege, Customer-Relationship-Management (CRM) genannt, sei die Software schon so weit entwickelt, dass sie mit lizenzierter Software mithalten könne und damit interessant für den Mittelstand ist, sagt Lutz Prechelt, Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin: „Viele Softwarehersteller aus anderen Bereichen haben bereits Probleme mit ihrem Lizenzgeschäft.“

Auch konservative Software findet ihre Liebhaber

Zumal es Dienstleister gibt, die solche Software passgenau programmieren. So bietet das Softwarehaus Zyres mit der Open-Source-Software Apache OfBiz sogenannte E-Commerce-Lösungen an, also Software für den elektronischen Handel. Für den Kamerahersteller Olympus entwickelte Zyres etwa ein System für deren europäische Händler. Wenn nötig, können Mitarbeiter des Softwarehauses von heute auf morgen das Programm auf neue Rabatt- und Discountaktionen anpassen, sagt Sebastian Schirmer, einer der Geschäftsführer. Analyst Zacher ist indes skeptisch: „ERP-Software betrifft den Kern eines Unternehmens, da wollen Mittelständler konservative Lösungen, die sich bewährt haben und über viele Jahre Ansprechpartner bieten.“ Für Wolfgang Stricker kam eine Open-Source-Software tatsächlich deshalb auch nicht in Frage, allerdings ebenfalls keine Software des deutschen Marktführers SAP. Nach einem langen Auswahlprozess entschieden er und seine Mitarbeiter sich schließlich für eine klassische Lizenzsoftware des Mittelständlers Infor.

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