Diverses Der neue Kampf um die Rohstoff-Reserven

Der Schlusspunkt-Autor der Ausgabe 12/2006 ist Professor Manfred Pohl von der Universität Frankfurt am Main. Er ist CEO und Gründer des Institute for Corporate Culture Affairs (ICCA) sowie geschäftsführender Vorstand des Konvents für Deutschland in Berlin.

Die Weltenergieversorgung ist längst keine Frage von Angebot und Nachfrage, somit auch keine Frage des Wettbewerbs mehr, sondern schlicht und einfach eine Frage der Kultur des Umgangs unter den Nationen. Das heißt: Wie geht die Weltgemeinschaft mit den kost­baren Rohstoffressourcen künftig um, wie kommuniziert sie, und wie schließt sie Verträge ab, die allen Menschen gerecht werden?

Derzeit herrscht auf den Rohstoffmärkten eine explosive Goldgräberstimmung. Dabei sind die USA und Europa längst nicht mehr
die alleinigen Regisseure. Vor allem China und Indien drängen in die Lieferländer. Wer wird
die besten und langfristig die nachhaltigsten Verträge mit den rohstoffreichen Ländern abschließen? China zum Beispiel verfolgt eine aggressive Rohstoffpolitik in den Ländern Lateinamerikas und Afrikas. Es spielt dabei für die Regierung in Peking kaum eine Rolle, welches Regime etwa im Sudan oder in Simbabwe Vertragspartner ist. Corporate Governance und Umweltschutz sind untergeordnete Themen. Bereits 40 Prozent der chinesischen Direkt­investitionen gehen nach Lateinamerika. Folge: Mehr und mehr bestimmen dort linke Bewegungen, wer an den Rohstoffen dieses Kontinents partizipieren darf.

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Wenn Indien und China mit einer Bevölkerung von 2,4 Milliarden Menschen so viel Rohöl verbrauchen würden wie eines der Industrieländer, dann gingen die derzeit bekannten weltweiten Reserven bereits in 20 statt in wie heute vermutet 45 Jahren zur Neige. Der Kampf um Rohöl und damit um Verträge beginnt also viel früher als angenommen. Und das außerhalb marktwirtschaftlicher Prinzipien.

Dies kann nicht im Interesse der Weltgemeinschaft sein. Denn diese Entwicklung fördert Armut und Umweltverschmutzung, und sie schadet Demokratie und Frieden, weil sie in den rohstoffreichen Ländern Konflikte schürt.
Die Weltgemeinschaft muss schnell überlegen, wie sie darauf reagiert. Europa und die USA müssen hier eine globale Verantwortung übernehmen, wenn sie neue Kriege um Öl und andere Rohstoffe verhindern wollen.

Das Instrumentarium dafür haben sie in der Hand: Sie müssen den Übergang von fossilen Rohstoffen auf alternative Energien wie Biomasse, Sonne, Wind oder andere mit Macht fördern, nicht nur im eigenen Land, sondern gerade und vor allem in den Rohstoff-Lieferstaaten. Ihnen sollten ­Europa und die USA moderne Technologien zur Verfügung stellen, die unsere gemeinsamen
Energiereserven schonen.

Eine Utopie? Mit
Sicherheit nicht. Deutschland zum Beispiel könnte hoch entwickelte Technologien für alternative Energien gegen Abschluss von Rohstoffverträgen zur Verfügung stellen.
Wenn aber der Kampf um die letzten Rohstoffreserven immer härter und immer unfairer wird, ist der Rohstoff-Crash unvermeidlich. Dieser brutale Wettlauf nimmt täglich an Geschwindigkeit zu. Denn die Vorhersagen für den Ölverbrauch berücksichtigen bislang nicht, dass in den nächsten 50 Jahren in allen Bereichen, natürlich so auch beim Verbrauch, ein Multiplikatoreffekt einsetzt. Das bedeutet: Die Lücke zwischen den erhofften Energiereserven einerseits und dem Einsatz alternativer Energien andererseits vergrößert sich schneller als bisher angenommen.

Globalisierung wird nur dann zum Erfolg, wenn die Weltgemeinschaft in vielen Bereichen, so auch bei der gerechten Verteilung der Rohstoffe, solidarisch handelt. Die vorhandenen politischen Institutionen sind mit Sicherheit diesem evolutionsgeschichtlichen Prozess, der das 21. Jahrhundert prägen wird, nicht gewachsen. Es bedarf einer Weltinstitution, deren Aufgabe es ist, den technologischen Fortschritt allen zugänglich zu machen, und die über die Begrenztheit der Rohstoffe nachdenkt und vorausschaut, wie die Verteilung zu organisieren ist.

Gerade die Bundesregierung und die euro­päischen Staaten könnten hier Promoter einer neuen weltweiten Energiestrategie werden -ein kühner Gedanke. Indes, sie hätten wenig zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

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