Diverses Der neue Unternehmertypus

Wolfgang Drewitz, 53, ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der FMB Feinwerk- und Messtechnik GmbH, ein Betrieb mit 50 Mitarbeitern im Technologiepark Adlershof bei Berlin. Dort sind derzeit 420 Hightech-Firmen mit insgesamt 4100 Beschäftigten tätig.

Der ökonomische und technische Umbruch der Wirtschaft weltweit hat den Mittelstand verändert. Denn er brachte einen neuen Unternehmertypus hervor, der sich insbesondere in der Hochtechnologie formte, bevorzugt in der IT-Branche. Diese Firmenchefs stehen für immer schnellere Veränderungszyklen, für Individualisierung und für Unternehmertum auf Zeit. Ist der tradierte Mittelstand folglich zu träge geworden und mithin ein Auslaufmodell für die Geschichte? Nein – und dies belegt ausgerechnet der unternehmerische Mittelstand in Ostdeutschland.

Ostdeutsche Unternehmer sind besonders an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft innovativ und erfolgreich. Im Umfeld wissenschaftlicher Einrichtungen, wie zum Beispiel im Wissenschafts- und Technologiepark Berlin Adlershof, gelingt es, neue Wirtschaftsstrukturen entstehen zu lassen – mit wachstumsstarken Branchen, deren Konturen vor Jahren allenfalls erahnt werden konnten. Dies gilt nicht nur für die Biotechnologie, sondern vor allem für die optischen Technologien, die Mikrosystemtechnik und die alternativen Energien.

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Viele heute erfolgreiche ostdeutsche Unternehmer machten bereits in der DDR Karriere. Auf den Fall der Mauer reagierten nicht alle sehr erfreut, weil sie wussten, was das für ihre Karriere bedeutete. Sie wussten aber auch den Wert ihres Wissens realistisch einzuschätzen. Sie brachten, weil auf Anerkennung ihrer Leistung bedacht, Eigeninitiative mit. Nicht wenige zogen daher aus dem Umbruch von 1989 die Konsequenz und wurden ausgerechnet das, was es in der DDR nicht geben durfte, nämlich Unternehmer.

Die Biografien dieser Unternehmer sind gebrochen, aber nicht zerbrochen. Sie überstanden den Strukturwandel in seiner Radikalität, weil sie ihren Glauben an die Zukunft nicht verloren hatten. Sie überstanden ihn aber auch, weil sie sich auf Werte wie Fleiß, menschlichen Zusammenhalt, Streben nach Unabhängigkeit und Sicherheit besannen. Viele brachten zusätzlich eine gehörige Portion Unbekümmertheit und Geradlinigkeit mit.

Dies bedeutet nicht unbedingt, dass sich Unternehmer im Osten auch als „bürgerlich“ im westlichen Sinne verstehen. Das „Bürgerliche“ war in der DDR verpönt. Die Herrschenden hatten aber, so paradox es klingt, in ihrem Bemühen, das Bürgertum zu zerschlagen, viel zum Erhalt von dessen Werten beigetragen.

Beispielsweise sind im Osten soziale Netze enger als im Westen geknüpft – sei es zur Familie, zu Freunden oder Kollegen. So hat auch manches Betriebskollektiv die Zeitenwende überlebt und kommt dem Unternehmer zugute – das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Füreinandereinstehen von Chef und Belegschaft vereint den klassischen mittelständischen Betrieb Ost mit dem Familienunternehmen West.

Wer sich nach 1989 mit einer ostdeutschen Biografie auf den Weg in die Marktwirtschaft machte, tat dies nicht unbedingt mit dem Ziel der Gewinnmaximierung. Viele Unternehmen sind klar zur Absicherung der Beschäftigung ihrer Belegschaft gegründet worden. Es wäre jedoch falsch, sie als Überlebensgemeinschaften abzuqualifizieren, denn diese Unternehmen legen ein beachtliches Wachstum und eine bemerkenswerte Innovationskraft an den Tag.

Der Zusammenprall von Wende und Hightech-Revolution hat in Wahrheit keinen wirklich neuen Unternehmertypus hervorgebracht. Vielmehr lernen wir daraus: Die Fähigkeit, auf grundlegende Veränderungen ökonomischer Rahmenbedingungen schnell und effektiv zu reagieren, hat viel zu tun mit der Besinnung auf die klassischen bürgerlich-mittelständischen Tugenden. Eine eher konservative Lebenseinstellung, gepaart mit einem heftigen Streben nach Selbständigkeit und dem Lebensziel, Familie und Firma eine nachhaltige Zukunft zu bieten – das ist der Wertekanon dieser Firmenchefs. Ausgestattet mit diesen Eigenschaften ist der Mittelstand jederzeit und überall gut gerüstet, selbst die größten Umbrüche zu bewältigen – mithin ein Modell mit Zukunft.

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