Diverses Deutsche Textilhersteller scheuen Kooperationen

Gegen Hosen, Hemden und Anzüge aus Fernost kommt die deutsche Industrie nicht an. Mit Hightech-Stoffen für Sport, Medizin und Industrie könnten sie punkten - aber die Hersteller geraten ins Hintertreffen, weil sie zu wenig bei Forschung und Entwicklung kooperieren.

Die Schwäbische Alb gehört zu den wichtigsten Textilzentren Europas: 220 Unternehmen stricken, nähen und weben hier alles von der Unterhose bis zum Luxus-Anzug. Doch die Billig- Konkurrenz aus Fernost setzt der Branche schwer zu.

„Wir brauchen Innovationen“, sagt Stefan Engelhard, Branchenkoordinator bei der Industrie- und Handelskammer Reutlingen. Nur durch innovative Produkte könne man sich von Noname-Herstellern aus Fernost absetzen. Das allerdings ist gar nicht so einfach, denn Unterwäsche und Anzüge sind nun mal schon erfunden.

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„Textiler sind Geheimniskrämer“

Der Reutlinger Textil-Professor Harald Dallmann redet deshalb viel von „Zusatzfunktionen“, die das Kleidungsstück der Zukunft haben müsse. Es geht zum Beispiel um Unterwäsche, durch die Schweiß nicht riecht, oder um weiße Hemden, an denen Schmutz keine Chance hat. Das aber seien hochkomplexe Produkte, die ein einzelner Mittelständler kaum allein entwickeln könne. Zwar gebe es Spezialisten für fast alle Zwischenschritte der Textilherstellung – die allerdings schotten sich allerdings zu allen Seiten ab, anstatt zu kooperieren.

„Textiler sind Geheimniskrämer. Die wollen ihre Informationen auf keinen Fall offenlegen“, sagt Engelhard. Dabei hätten die Unternehmen im harten internationalen Wettbewerb letztlich gar keine andere Wahl als bei der Forschungs- und Entwicklungsarbeit ihre Stärken zu bündeln.

Forschungsergebnisse gehen ins Ausland

Auch Professor Dallmann von der Hochschule Reutlingen würde gerne stärker mit den Unternehmen aus der Nachbarschaft zusammenarbeiten. Aber im Moment sind es vor allem Firmen aus dem Ausland, die auf die Forschungsarbeiten der Hochschule zurückgreifen. Die Branche verspiele dadurch wichtige Chancen. „Innovationen kann man nicht aus dem DIN-Normkasten nehmen. Innovationen setzen Forschung voraus“, betont der Professor.

Das gelte vor allem für den Bereich der technischen Textilien für die Industrie oder die Medizin. Branchenkenner sehen dort im Gegensatz zur Bekleidungsindustrie ein enormes Innovations- und Wachstumspotenzial. Schon jetzt entstehen auf der Schwäbischen Alb Textilien für Autositze, medizinische Gefäßprothesen oder Spezialgewebe für Arbeitskleidung. „Das hat mit dem, was wir aus dem Bereich Kleidung kennen, nur noch begrenzt zu tun“, sagt Dallmann.

Farbänderung auf Knopfdruck

Ein Feuerwehrmann zum Beispiel braucht Schutz vor Hitze, muss sich in seinem Anzug aber auch gut bewegen können, und der Schweiß darf sich nicht stauen. „Das ist, als würde man die Ausrüstung eines 100-Meter-Läufers mit einer Ritterrüstung kreuzen“, sagt der Professor. Aber es ist möglich. „Ständig entstehen neue Anwendungsfelder für Textilprodukte“, betont auch IHK- Branchenkoordinator Engelhard. Und in der Regel lasse sich mit solchen Produkten gutes Geld verdienen.

Besonders gute Wachstumsmöglichkeiten sieht Dallmann bei Textilien für die Autoindustrie. Gerade im Premium-Segment werde die Innenausstattung und vor allem der Sitz immer wichtiger. Bequemlichkeit und Haltbarkeit seien dabei wichtige Themen. „Und vielleicht haben wir eines Tages Autositze, bei auf Knopfdruck ihre Farbe ändern können. Oder die Textilfaser erkennt, ob eine schwere oder leichte Person auf ihr Platz genommen hat und passt sich entsprechend an“, sagt der Professor. Ideen gibt es genug. Bloß fehlt es manchmal noch an den Firmen, die bereit sind, solche Projekte gemeinsam umzusetzen.

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