Diverses Deutschland auf dem Abstiegsplatz

Klaus Schweinsberg, Herausgeber

Klaus Schweinsberg, Herausgeber

Zum Thema Wirtschaft hat in Deutschland inzwischen jeder Politiker eine Meinung. Nur Ahnung hat keiner.

Alle politischen Parteien – von den Grünen, über die SPD bis hin zur Union – haben in den letzten Jahren ihre Wirtschaftsexperten vom Hof gejagt, kaltgestellt oder durch Dampfplauderer ersetzt. Selbst die Liberalen, eigentlich die Wirtschaftspartei schlechthin, haben sich einen Alleinunterhalter und keinen Wirtschaftsexperten an die Spitze gewählt. In der ökonomischen Forschung sieht es übrigens nicht besser aus.

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Die Weltwirtschaft steht vor einer Krise, die auch uns erfassen könnte. Und ausgerechnet der Exportweltmeister Deutschland steht mit einer Mannschaftsaufstellung da, die nicht einmal Regionalliganiveau hat. International gelten die Deutschen in Sachen Wirtschaftssachverstand inzwischen als Totalausfall. Besonders augenfällig wurde dies wieder beim World Economic Forum (WEF) in Davos. Gerade mal zwei deutsche Politiker waren in diesem Jahr vor Ort: Der eine ist Bernd Pfaffenbach, persönlicher G8-Beauftragter der Kanzlerin und – neben Peer Steinbrück – einziger deutscher Lichtblick auf dem internationalen Parkett. Der Zweite heißt Volker Kauder. Der war zwar da, spielte aber absolut keine Rolle. Auch von den hochmögenden deutschen Wirtschaftsprofessoren waren gerade mal zwei eingeladen. Andere Wirtschaftssupermächte wie die USA, Indien, China oder Frankreich liefen in den Schweizer Bergen hingegen mit Delegationen in Kompaniestärke auf. Und deren Mitglieder waren nicht nur hochrangig, sondern durchweg höchst kompetent.

Noch erschreckender als der lamentable Auftritt unserer Politiker und Wissenschaftler beim WEF ist die Qualität der Diskussion, die wir im Inland erleben. Keine Partei widmet sich derzeit den großen wirtschaftspolitischen Fragen wie Währungspolitik, Arbeitsmarkt, Versorgungssicherheit und internationale Finanzmärkte. Stattdessen arbeitet sich die politische Klasse über Wochen am Fall Nokia ab, bei dem für die deutsche Volkswirtschaft – allen markigen Sprüchen zum Trotz – nichts mehr zu gewinnen ist. Wir sehen ökonomischen Populismus in Reinkultur.

Die Weltwirtschaft steht vor enormen Umbrüchen. Kurzfristig durch die Rezession in den USA. Mittelfristig durch neue dominante Spieler wie China und Indien. Und langfristig durch eine völlig neue Rangordnung unter den großen Volkswirtschaften. Wenn Deutschland weiterhin vorn mitspielen will, brauchen wir eine stärkere Mannschaft. Im Moment belegen wir einen Abstiegsplatz.

Klaus Schweinsberg, Chefredakteur

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