Diverses Die 97.000.000.000 Euro-Lücke

Deutsche Firmen sitzen auf ungedeckten Pensionszusagen in Milliardenhöhe. Die Robert-Bosch-Gruppe hat diese Lasten bereits vor Jahren aus ihrer Bilanz ausgelagert. Ein Beispiel aus der betrieblichen Altersvorsorge.

Robert Bosch soll ein echter Patriarch gewesen sein. Ein bescheidener Mann, der an jedem Luxus sparte, damit seine Mitarbeiter es gut hatten. Kein Wunder, dass das Stuttgarter Technologie-Unternehmen, das bis heute seinen Namen trägt, zu den ersten Firmen gehörte, die ihren Leuten eine betriebliche Altersvorsorge zusagten – gleich nach dem ersten Weltkrieg.

Damals war das kein unrealistisches Versprechen: Die durchschnittliche Lebenserwartung im Deutschen Reich lag bei deutlich unter 50 Jahren – damit war die Bosch-Betriebsrente de facto mehr eine Invaliden- und Hinterbliebenenversorgung als eine Altersleistung.

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Inzwischen hat sich die Lebenserwartung und damit die Alterspyramide in Deutschland gedreht – und damit auch bei Bosch. Und der Konzern war wieder einer der ersten, die reagierten: 2002 haben die Stuttgarter einen eigenen Pensionsfonds für die Entgeltumwandlung gegründet, 2006 folgte auch die arbeitgeberfinanzierte Altersvorsorge.

Neben der Deutschen Telekom waren sie damals das einzige Unternehmen, das diesen Schritt wagte. Mittlerweile haben auch MAN, Siemens und RWE eigene Pensionsfonds gegründet. „Ein Instrument mit Zukunft“, sagt Bernhard Wiesner, bAV-Chef der Robert Bosch GmbH: „Der Pensionsfonds steht jetzt im Zentrum unserer bAV.“

Der Hersteller von Autoteilen, Industriebedarf und Gebäudetechnik ist nicht allein mit seinem Demografie-Problem. Zahlen des Pensions-Sicherungs-Vereins zufolge entfallen mittlerweile 60 Prozent der Pensionsverpflichtungen deutscher Unternehmen auf Mitarbeiter, die aus dem Dienst geschieden sind. Tendenz steigend. Das hat fatale Folgen für die Unternehmen: Die Management-Beratung Rauser Towers Perrin (RTP) hat ausgerechnet, dass allein bei den großen Dax-Konzernen rund 97 Milliarden Euro der Pensionsverpflichtungen derzeit nicht über entsprechende Einlagen gedeckt sind.

Also entscheiden sich Betriebe nun zunehmend, solche Pensionslasten, die das Unternehmensergebnis massiv beeinträchtigen, auszulagern. Dazu nutzen sie externe Pensionsfonds oder Contractual Trust Arrangements (CTA, siehe „Zu treuen Händen“). 2007 verschwanden laut RTP insgesamt 15,4 Milliarden Euro auf dem einen oder anderen Weg aus den Bilanzen der Dax-Konzerne. Das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) soll es demnächst auch mittelständischen Unternehmen leichter machen, ihre Versorgungsversprechen auszulagern.

Bosch hat einen Pensionsfonds gewählt. Seit 2002 erlaubt der Gesetzgeber das. Als erstes Industrieunternehmen in Deutschland gründeten die Stuttgarter noch im selben Jahr einen eigenen Versorgungsträger für die Entgeltumwandlung. 2006 stellte das Unternehmen die Weichen für die eigentliche Auslagerung: Bernhard Wiesner baute die Bosch-bAV so um, dass künftig Arbeitgeberbeiträge und Entgeltumwandlung einheitlich über die Fonds-Konstruktion finanziert werden.

Ein bis dato einzigartiges Modell: Möglich wird das durch eine Regelung im Einkommensteuergesetz, wonach Anwartschaften aus Direktzusagen jederzeit in einen Pensionsfonds übertragen werden können. „Wir wollten die Stärken der Direktzusage, die bei Bosch bisher der vorherrschende Durchführungsweg ist, mit dem Pensionsfonds verbinden“, erklärt bAV-Chef Wiesner. Folge: Das Vermögen des Bosch-Fonds wuchs von 2006 bis heute auf rund 500 Millionen Euro.

Zu treuen Händen

Wenn Unternehmen ihre Pensionszusagen auslagern, greifen sie immer häufiger zu so genannten Contractual Trust Arrangements (CTA). Das ist eine Art interner Pensionsfonds, der aber rechtlich an einen Treuhänder übertragen wird, der sich dann um die Verwaltung des Sondervermögens kümmert. Anders als Rückstellungen belasten CTA-Konstruktionen die Bilanz nicht, das Rating des Unternehmens verbessert sich nach der Auslagerung. Damit die Pensionen bei einer Firmenpleite geschützt sind, wird oft ein weiterer Verein gegründet – der „Mitarbeitertrust“. Im Insolvenzfall zahlt der CTA-Treuhänder dann an diesen Trust. Und der wiederum an die Pensionäre.

Alle Mittel aus Pensionsfonds und aus Direktzusagen investiert Wiesner nun nach einheitlichen Grundsätzen in drei strukturierte Masterfonds für Aktien, Renten und alternative Investments. Bosch-Mitarbeitern wird nicht mehr ein fester Anteil ihres letzten Gehalts versprochen, wie es früher üblich war. Heute erhält jeder Mitarbeiter eine Beitragsgarantie plus die Erträge, je nachdem, was aus dem Kapital vom Pensionsfonds erwirtschaftet wird. „Wir haben nicht nur die Finanzierungsseite verändert, sondern auch die Zusagestruktur für die Zukunft wetterfest gemacht“, sagt Wiesner. Schließlich müssen in der bAV immer beide Seiten aufeinander abgestimmt werden.

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